Kaserne Liestal
Schulkommandant Widmer: «Es gibt auch bei uns schwarze Schafe»

Schulkommandant Oberst Hans Widmer hat heute seinen letzten Arbeitstag in Liestal. Im Interview spricht der 48-Jährige über die Verankerung der Armee in der Bevölkerung und das Verhalten der Rekruten.

Bojan Stula
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Das Baselbiet als militärische Heimat: Oberst Hans Widmer.

Das Baselbiet als militärische Heimat: Oberst Hans Widmer.

Kenneth Nars

Oberst Widmer, Ihr Armeechef André Blattmann hat kürzlich bei seinem Vortrag in Muttenz von einer Trendwende bei der Armeeakzeptanz in der Bevölkerung gesprochen. Stellen Sie diese Trendwende hier im Baselbiet fest?

Hans Widmer: Aus meiner Sicht würde ich nicht von einer Trendwende sprechen. Als Schulkommandant und Berufsoffizier mit 20-jähriger Berufserfahrung stelle ich fest, dass das absolute Gros der Schweizer Bevölkerung immer hinter der Armee gestanden ist und deren Notwendigkeit einsieht. Unsere Rekruten sind nach wie vor bereit, ihren Beitrag in der Armee und damit zur Sicherheit unseres Landes zu leisten.

Am gleichen Anlass hat der Basler Regierungsrat Christoph Eymann gefordert, die Armee müsse wieder volkstümlicher werden. Dies fasste er im Satz zusammen: «An den neuen Grad Obergefreiter werde ich mich nie gewöhnen».

Mit dem ersten Teil der Aussage bin ich grundsätzlich einverstanden. Ich würde zwar nicht «volkstümlicher» sagen, aber die Armee muss den Kontakt zur Bevölkerung weiterhin pflegen. Es liegt an der Truppe und den Kommandanten, diese persönlichen Kontakte hoch zu halten. Was die neuen Grade angeht, so sind diese Gewöhnungs- oder Ausbildungssache. Zwar stelle ich ebenfalls fest, dass Zivilisten manchmal etwas ratlos ein Gradabzeichen anschauen, und mich dann fragen, was dieses bedeutet. Diese sind heute zweifellos weniger bekannt als früher. Aber auch dieses Wissen wird einmal in der Bevölkerung vorhanden sein.

Wie gut ist das Militär bei der hiesigen Bevölkerung verankert?

Die Verankerung im Baselbiet und der Stadt Liestal ist ausgezeichnet. Das ist eine der ganz grossen Stärken der Infanterie-Rekrutenschule 13 und des Waffenplatzes Liestal. Liestal bezeichnet sich ja selber als Garnisonsstadt und tut sehr viel für uns. Wir erleben tagtäglich, dass das Militär in der Stadt Liestal zum Erscheinungsbild einfach dazugehört.

Wie konnten Sie das persönlich feststellen?

Das markanteste Erlebnis für mich ist jeweils der traditionelle Vorbeimarsch am Ende der RS. Alle wissen, wann dieser stattfindet. Wir müssen diesen nicht einmal besonders ankündigen. Auch so steht die gesamte Bevölkerung im Stedtli am Strassenrand und applaudiert der vorbeimarschierenden Truppe. Das war schon so, als ich vor zwölf Jahren als Major in Liestal Dienst geleistet habe.

Früher hat beinahe jeder männliche Baselbieter die Kaserne Liestal irgendwann einmal von innen gesehen. Wer leistet hier heute seinen Dienst?

Der regionale Aspekt hat, leider muss ich sagen, mit der Armee XXI abgenommen, das ist richtig. Die Kaserne Liestal ist aber nach wie vor eine Infanterie-Kaserne und eines der Standbeine des Lehrverbands Infanterie. In Liestal werden die Angehörigen der Stabskompanien eines Infanteriebataillons ausgebildet. Also Führungsstaffel-Soldaten, Aufklärungs-Soldaten und Sicherungs-Soldaten der Infanterie, aber auch von anderen Waffengattungen. Wir führen im Rahmen des Drei-Start-Modells jeweils eine vierwöchige Unteroffizierschule sowie eine Rekrutenschule von 21 Wochen durch.

Welche Vorzüge bietet der Waffenplatz Liestal?

Die ganz grossen Vorzüge sind neben der guten Verankerung und der hohen Akzeptanz bei der Bevölkerung die gute Infrastruktur in der umgebauten, modernen Kaserne und den umliegenden Ausbildungsplätzen. Diese sind schnell zu Fuss erreichbar. Für unsere Aufgabe, die Ausbildung der Stabskompanien, finden wir allerbeste Voraussetzungen vor.

Welche Nachteile hat er?

Es gibt einen Nachteil, wobei man hier niemandem einen Vorwurf machen kann. Der dritte RS-Start im Dezember wird jeweils von den meisten Rekruten besucht, bis zu 450 an der Zahl. Wir haben aber nur 320 Rekruten-Schlafplätze in der Kaserne. Also müssen wir in der ersten RS-Phase einen oder zwei Züge in die umliegenden Gemeinden Frenkendorf, Bubendorf oder Lausen auslagern. Das stellt uns vor gewisse organisatorische Herausforderungen im Dienstbetrieb, hat aber auch Vorteile. Da wären wir wieder bei der stärkeren Verankerung in der Bevölkerung, wenn sich die Armee auch in den Dörfern zeigt. Wenn ich mir etwas wünschen könnte, wäre es ein fünfter Stock für die Kaserne Liestal.

Wie erleben Sie den Baselbieter Rekruten von heute?

Der Baselbieter Rekrut ist einer von vielen, die wir an unserer Schule ausbilden. Wie das Gros der übrigen Rekruten ist er willig, Dienst zu leisten. Ich sage meinen Rekruten jeweils am zweiten RS-Tag, dass sie hier korrekt behandelt, konsequent geführt und kompetent ausgebildet werden. Es ist ihre Rekrutenschule, die sie selbstständig und eigenverantwortlich absolvieren müssen. Das Gros versteht das und handelt danach.

Es fällt auf, dass Ihre Rekruten nur selten in Liestal Radau machen. Haben Sie bloss noch Schäfchen in Ihrem Haufen?

Nein, das haben wir nicht. Ich habe bewusst vom «Gros der Rekruten» geredet, das sich korrekt verhält und leistungsbereit ist. Es gibt auch bei uns, wie sonst überall, schwarze Schafe. Da muss man die entsprechenden Massnahmen treffen.

Wie viel scharfen Arrest haben Sie in der letzten RS verteilt?

Ich führe keine Statistik über Stunden oder Tage. Es waren einige. All jene, die es verdient haben, haben als Disziplinarstrafe Arrest erhalten.

Man sieht aber auch die Soldaten viel seltener im Ausgang in den Liestaler Beizen. Was ist da los?

Der Ausgangsrayon ist die ganze Schweiz. Da Liestal verkehrsmässig günstig liegt, nutzen viele Soldaten die Möglichkeit, im Ausgang und Urlaub mit dem ÖV nach Hause zu fahren. Das gefällt vielleicht nicht allen Restaurantbesitzern. Ab und zu höre ich diese Bemerkung. Aber andererseits stelle ich nach wie vor fest, dass Gruppen oder Teile eines Zugs gemeinsam in Liestal in den Ausgang gehen.

Sie wechseln nun als Kommandant an die Militärschulen 1 + 2 nach Zürich. Heute werden Sie in der Kaserne offiziell verabschiedet. Was werden Sie am Baselbiet vermissen?

Sehr vieles. Ich selbst bin gebürtiger Aargauer und bezeichne die Schule Liestal und das Baselbiet als meine militärische Heimat. Das sagt eigentlich alles. Niemand verlässt gerne seine Heimat.

Können Sie sich Liestal ohne Waffenplatz vorstellen?

Nein.

Muss sich Liestal Sorgen machen um die Zukunft des Waffenplatzes? Immer wieder ist die Rede davon, dass die Tage der Kaserne Liestal beim VBS gezählt sind.

Die Inf RS 13 ist ein absolut unverzichtbarer Bestandteil des Lehrverbands Infanterie. Wir sind das Kompetenzzentrum für die Ausbildung der Stabskompanien mit allerbester Infrastruktur und ausgezeichneter Verankerung bei der Bevölkerung. Gegenüber anderen Waffenplätzen sind wir in Sachen Infrastruktur und Material sogar privilegiert. Das ist die Antwort, die ich als Schulkommandant auf diese Frage geben kann. Was das sogenannte Stationierungskonzept angeht, so ist dieses auf Stufe Armee beim Chef der Armee angesiedelt.

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