Jagdfieber
Rekord an geschossenen Tieren: Rehe müssen für die Waldschäden büssen

Keine gute Zeit für Rehe: Noch nie haben die Baselbieter Jäger in den beiden vergangenen Jahrzehnten so viele Rehe geschossen wie in der Ende März abgeschlossenen Jagdsaison. Die hohen Abschusszahlen seien wegen der vielen Waldschäden gerechtfertigt.

Andreas Hirsbrunner
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Halali: Die Jäger hatten dieses Jahr mehr als genug Gelegenheit für einen Blattschuss.

Halali: Die Jäger hatten dieses Jahr mehr als genug Gelegenheit für einen Blattschuss.

Annika Bütschi

Die Baselbieter Wildschweine könnten, wenn sie es denn täten, das letzte Jagdjahr feiern, die Rehe betrauern. Denn die neuste Jagdstatistik zeigt, dass im Ende März abgelaufenen Jagdjahr 2013/14 465 Wildschweine und 1241 Rehe erlegt wurden. Bei den Wildschweinen ist das im langjährigen Vergleich eine Durchschnittszahl, die aber weit unter der Vorgabe von Jagdverwalter Ignaz Bloch liegt. Bei den Rehen bedeutet sie Rekord: In den letzten 18 Jahren, für die der Kanton die Abschusszahlen im Internet publiziert, wurden zwischen 936 (2007/08) und 1222 (1996/97) Rehe geschossen.

Bloch ist zufrieden: «Die Jäger haben sich an die höhere Vorgabe gehalten.» Und dass die Vorgabe gestiegen ist, hat einen forstlichen Hintergrund. Bloch: «Wir haben erstmals gutachterlich die Verbissschäden im Wald erhoben und die liegen bei einigen Baumarten im orangen Bereich.» Kantonsförster Ueli Meier ergänzt, dass die Revierförster aufgrund des gesetzlichen Auftrags, dass eine Waldverjüngung ohne Schutzmassnahmen auch für seltene Baumarten möglich sein müsse, eine flächendeckende Erhebung durchgeführt hätten. Und diese habe gezeigt, dass Eichen, Weisstannen, Elsbeeren, Speierlinge und Eiben ohne Einzelschutz in gewissen Gebieten kaum Chancen hätten, gross zu werden, weil sie von den Rehen verbissen würden. Deshalb brauche es Korrekturen bei den Abschusszahlen. Förster und Jäger strebten nun einen regelmässigen Austausch an. Meier: «Rehe sind ausgesprochene Schleckmäuler, die sich gerne am Seltenen genüsslich tun.»

Für Bloch verträgt der «gute» Baselbieter Rehbestand, den er aufgrund der Angaben der Jagdgesellschaften auf 14 bis 18 Tiere pro 100 Hektaren veranschlagt, vermehrte Abschüsse. Deshalb sollen die Jäger auch in der kommenden Jagdsaison mehr Rehe erlegen. Doch gleichzeitig will Bloch grössere Gewissheit über den tatsächlichen Rehbestand und hat deshalb einen entsprechenden Auftrag an ein wildbiologisches Büro vergeben. Die Resultate erwartet er Mitte Jahr. Nicht ganz so zufrieden wie mit der Zahl der erlegten Rehe ist Bloch mit deren Geschlechterverhältnis: Die Jäger bevorzugen mit der Flinte klar die Böcke. Bloch dagegen wünscht sich, dass gleich viele Böcke und Geissen zur Strecke gebracht werden, und meint lakonisch: «Wir arbeiten daran.»

Klar nicht erfüllt haben die Jäger im abgelaufenen Jagdjahr die kantonale Vorgabe von 800 zu erlegenden Wildschweinen. Trotzdem nimmt Bloch, selber ebenfalls Jäger, seine Kollegen aus der Schusslinie: «Ich kann niemandem Vorhaltungen machen. Im Gegenteil, der Wille der Jäger, den Wildschweinbestand zu reduzieren, ist gross. Aber uns hat die Futtersituation im Wald einen Strich durch die Rechnung gemacht.» Denn wegen der vielen Eicheln dort – Bloch spricht von einem «unerwarteten Teilmastjahr» – seien die Sauen kaum an die Lockfutterstellen gekommen, wo sie die Jäger schiessen wollten.

Über 500 Tiere totgefahren

Im Gegenzug sorgte der reich gedeckte Eicheln-Tisch im Wald dafür, dass die Wildschweine in den landwirtschaftlichen Kulturen relativ wenig Schäden anrichteten. Der entsprechende Schadenbetrag belief sich im letzten Jagdjahr auf 200 000 Franken; knapp zehn Prozent davon fielen allein in Blauen an, die mit Abstand am meistbetroffene Gemeinde im Baselbiet. Doch das Problem dürfte sich nur aufgeschoben haben, denn die Gleichung heisst: weniger erlegte Wildschweine 2013 gleich höherer Bestand und damit mehr Schäden 2014. Das will Bloch aber so noch nicht unterschreiben: «Ich bin vorsichtig optimistisch, weil die Situation in diesem Frühling mit 20 000 Franken Schäden bis jetzt günstig ist.»

Negativ fällt in der Jagdstatistik 2013/14 die überdurchschnittlich hohe Zahl des überfahrenen und vermähten Wilds auf: 578 Tiere gerieten unter Autoräder, 131 ins Messer von landwirtschaftlichen Maschinen. In beiden Fällen sieht Bloch Handlungsbedarf: Beim Verkehr will der Kanton die wichtigsten Unfallstellen eruieren und wahrscheinlich mittels akustischen Reflektoren, die sich zwischen Ziefen und Reigoldswil und der Sommerau und Rünenberg bewährt haben, entschärfen. Bei der Landwirtschaft will Bloch die Bauern animieren, die Wiesen vor dem Mähen vermehrt durch pensionierte Jäger auf Rehkitze absuchen zu lassen. Beim Gemetzel auf Strasse und Feld fällt der Luchs mit rekordhoch registrierten 34 Rissen (32 Rehe, eine Gämse, ein Fuchs) nicht ins Gewicht.

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