Bundesfeier
Rätselraten in Ettingen: «Vielleicht schon eine Tradition, dass man am 1. August nicht festet»

In Ettingen gibt es seit Jahrzehnten keine Bundesfeier – und niemand weiss, warum.

Michel Ecklin
Drucken
Teilen
In Ettingen gibt es seit Jahrzehnten keine Bundesfeier – und niemand weiss, warum. (Symbolbild)

In Ettingen gibt es seit Jahrzehnten keine Bundesfeier – und niemand weiss, warum. (Symbolbild)

Keystone

Es ist nicht so, dass man in Ettingen keinen Wert auf Traditionen und Feste legen würde. Es gibt jährlich eine Eierläset und einen Räbeliechtli-Umzug, zudem das Ettingen-spezifische Pfingstblütteln (Jungfrauen werden in die Brunnen geworfen). Und vergangenes Jahr feierte das Dorf am Blauen ein unvergessliches Fest zu seinem 750-Jahr-Jubiläum.

Nur für den Geburtstag der Schweiz hat die 5000-Seelen-Gemeinde keine offizielle Feier, weder von Einwohner- oder Bürgergemeinde noch von den Vereinen. Hört man sich im Dorf um, warum das so sei, stösst man auf grosses Rätselraten. Nicht mal klar ist, wann es zum letzten Mal eine Bundesfeier gegeben hat. Das sei mindestens 15 Jahre her, sagt Bürgergemeinde-Präsident Hans-Peter Bachofner. Und Gemeindepräsidentin Sibylle Haussener räumt ein: «Ich wüsste ehrlich gesagt gar nicht, ob die Gemeinde jemals eine Bundesfeier organisiert hat.» Dabei wohnt sie immerhin schon seit 38 Jahren im Dorf.

Von einem Ur-Ettinger hat sie gehört, dass es vor über 55 Jahren eine Feier gegeben haben soll, die von den Vereinen organisiert worden sei. «Seit ich im Gemeinderat bin, seit elf Jahren, ist mir nicht bekannt, dass irgendjemand einen Anlauf genommen hätte, um eine offizielle Feier auf die Beine zu stellen.»

Rakete zerstörte die Backstube einer Bäckerei

Das bestätigt Georges Küng, seit 20 Jahren Chefredaktor des «Birsigtal-Boten» und einer der intimsten Kenner des Birsigtals. Noch nie hat er Leserbriefe erhalten, in denen eine Ettinger 1.-August-Feier gefordert worden wäre. «Das ist offenbar in Ettingen kein Bedürfnis.» Über die Gründe dafür kann er nur Vermutungen anstellen. «Vielleicht ist es in Ettingen schon eine Tradition geworden, dass man am 1. August nicht festet, und niemand will diese Tradition brechen.»

Auch der Präsident des Kulturhistorischen Vereins, Markus Christen, staunt über die Nichtbeachtung der Bundesfeier. «In den 40 Jahren, in denen ich hier wohne, kann ich mich nicht erinnern, dass es eine Feier gegeben hätte», sagt Christen.

Eine Erklärung könnte ein Ereignis liefern, das sich vor rund 30 Jahren abspielte. An einem 1. August flog eine private Rakete ins Gebäude eines Bäckers an der Hauptstrasse. Die Backstube und das Gebäude wurden zerstört. Das riesige Feuer hinterliess bei den Ettingern, die es erlebt hatten, einen bleibenden Eindruck. Es ist durchaus denkbar, dass danach niemand mehr das Verlangen hatte, zum 1. August ein Fest auf die Beine zu stellen. Denn eine Bundesfeier ohne Feuer ist nun mal schwierig vorstellbar. Das ist zumindest die Theorie, die Gemeindepräsidentin Haussener aufstellt.

Sicht auf die Feuerwerke in der Region

Den Ettingern aber wegen der fehlenden Bundesfeier mangelnden Patriotismus vorzuwerfen, ist wohl ein voreiliger Schluss. Die Bevölkerung treffe sich in den Gärten, um privates Feuerwerk abzulassen, hat Sibylle Haussener festgestellt. «Es ist in Ettingen ganz sicher nicht ruhig am 1. August.»

Einen offiziellen Anlass vermisst sie nicht. «Ich brauche kein Feuerwerk in Ettingen», sagt sie. «Ich wohne am Hang, da sieht man die Feuerwerke der Region.» Das haben inzwischen auch andere Ettinger entdeckt. Jedes Jahr gehen viele an den Waldrand grillieren, um so ihren eigenen privaten 1. August zu feiern – ganz ohne offizielle Organisation.
Michel Ecklin

Aktuelle Nachrichten