Allschwil
Politiker entdecken bei Schutzraum-Rundgang unterirdisches Feuerwehr-Museum

Da trauten die Kontrolleure wohl ihren Augen nicht. Allschwiler Einwohnerräte nahmen vier öffentliche Schutzräume unter die Lupe. Was sie vorfanden, ist speziell: Unter Tage lebt der gute alte ABM weiter – und eine Anlage ist mit Wagen, Helmen und Schläuchen vollgestellt.

Benjamin Wieland
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«Die Gemeinde könnte für den Besuch Eintritt verlangen»: Eingelagertes altes Feuerwehr-Material in der Zivilschutz-Anlage Tulpenweg in Allschwil.
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Ich bin auch eine Garage: Die Zivilschutzanlage an der Baslerstrasse sollte eigentlich 600 Menschen Schutz bieten. Dafür müsste man jedoch zuerst einmal sämtliche Fahrzeuge wegbringen.
Die Warenhauskette ABM ging 2001 ein. Dieser Nuggi hat sich dementsprechend ebenfalls aufgelöst: Die Kontrolleure berichten jedenfalls, er sei nicht mehr aufzufinden gewesen.
Die J. R. Geigy AG gibt es sogar seit 1970 nicht mehr. Ob das Desinfektionsmittel aber tatsächlich «unschädlich» ist, wie es auf der Packung heisst, wollte wohl niemand ausprobieren.
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Ein Teil des Sanitätsmaterials in der Santitäs-Hilfsstelle Bachgraben.
Auch jemand, der kerngesund ist, dürfte noch lange Beschwerden verspüren, nachdem er mit diesem «Material» behandelt worden ist.
Dass überhaupt noch Maschinen und andere Gerätschaften funktionieren, sei einem äusserst engagierten und fachkundigen Mitarbeiter der Verwaltung zu verdanken, hält die GPK fest.
Hier könnten die Schutzsuchenden im Notfall duschen – wenn die Wasserleitungen auch tatsächlich ans Netz angeschlossen sind.
Vor allem vermisst die GPK bei ihrer Kontrolle die Betten. Hier sind sie zwar offensichtlich vorhanden, doch in der Anlage Tulpenweg fanden die Kommissionsmitglieder kein einziges.
Der Allschwiler Gemeinderat verspricht nach der Kritik, alle sieben Anlagen zu kontrollieren und darüber zu berichten.

«Die Gemeinde könnte für den Besuch Eintritt verlangen»: Eingelagertes altes Feuerwehr-Material in der Zivilschutz-Anlage Tulpenweg in Allschwil.

zvg

Noch immer gilt in der Schweiz die Losung aus dem Kalten Krieg: Jeder und jedem ein Schutzplatz. Die Bevölkerung soll Unterschlupf finden bei Kriegen, Katastrophen und Notlagen. Wohl nicht wenige Schutzplätze befinden sich aber selber in einer Notlage.

In Allschwil ist die GPK, die Geschäftsprüfungskommission des Einwohnerrats, konsterniert über den Zustand der Schutzanlagen. GPK-Mitglieder inspizierten vier der sieben öffentlichen Einrichtungen auf Allschwiler Boden. Laut GPK-Jahresbericht 2019 stiessen die Politiker dabei auf nicht vorhandene WC-Anlagen und auf eine Küche, die noch mit Holzkohle befeuert werden müsste. An einem Ort konnten die GPK-Mitglieder von 960 Betten, die laut Plan vorhanden sein müssten, kein einziges aufspüren. Weiter sei eingelagertes Material teilweise so alt, dass es nicht mehr auffindbar sei. So war etwa die ungeöffnete Packung eines Babyschnullers leer. Gekauft worden war er bei der Warenhausgruppe ABM, die 2001 einging.

Eine Anlage wird gar als Lager für altes Feuerwehr-Material zweckentfremdet. Man müsse von einem «unterirdischen Allschwiler Feuerwehr-Museum» sprechen, schreibt die GPK. Es sei so gut eingerichtet, «dass die Gemeinde für den Besuch Eintritt verlangen könnte.»

«Trugbild gegenüber der Bevölkerung»

Das Fazit der GPK: Sie müsse «mit grosser Sorge» feststellen, dass die besuchten Anlagen «nicht wie von der Gemeinde berichtet bezugs- und einsatzfähig sind». Von bezugsfähigen Schutzplätzen zu sprechen, sei ein «Trugbild gegenüber der Bevölkerung».

Die Gemeinde betrachtet den Zustand der bemängelten Einrichtungen jedoch als genügend. Der zuständige Gemeinderat Philippe Hofmann (CVP) sagte während der Einwohnerratssitzung vom Dienstag, 9. Juni, bei ernsthaften Missständen wäre man «längst gerügt» worden. Doch auch Hofmann musste eingestehen, dass nicht alles in bester Ordnung ist unter Tage. Gemeindepräsidentin Nicole Nüssli (FDP) pflichtete ihm bei, liess jedoch durchblicken, dass die Situation wohl nicht dramatisch sei: «Im Übrigen möchte ich auch nicht wissen, wie ihre privaten Schutzplätze aussehen, was dort alles steht, wo das WC ist und wo es nicht ist.»

Laut dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) existieren landesweit 360'000 Personenschutzräume und gut 1'700 Schutzanlagen. Das reiche für 8,6 Millionen Menschen. Dass viele Gemeinden ihre Anlagen zweckentfremden oder vermieten, ist bekannt. In Basel-Stadt etwa nutzt die Kantonspolizei einen Schutzraum als Serverraum und hat dafür die Schutzhülle durchbohrt. Auch um den Unterhalt ist es offenbar nicht gut bestellt: Im September 2019 hiess es, von 65 Anlagen im Stadtkanton müssten deren acht saniert werden.

Fremdnutzung und -vermietung der öffentlichen Schutzbauen sind laut BABS «in normalen Zeiten durchaus erlaubt». Es seien jedoch «die einschlägigen baulichen Vorgaben (...) strikte einzuhalten.» Das Amt für Militär und Bevölkerungsschutz (AMB) des Kantons Baselland teilt der bz mit, es kontrolliere alle sieben bis zehn Jahre «die Betriebsbereitschaft und den Unterhalt der bestehenden Schutzanlagen sowie die speziellen Schutzräume mit mehr als 200 Schutzplätzen.» Bei den erwähnten vier Anlagen in Allschwil seien «keine kritischen Mängel festgestellt worden.»

Gemeinderat wagt sich jetzt selber in die Tiefe

Trotzdem ist den Verantwortlichen in Allschwil offensichtlich nicht ganz wohl mit dem GPK-Bericht. Gemeindepräsidentin Nicole Nüssli versprach in besagter Sitzung, man werde die Situation genauer anschauen und dem Einwohnerrat Bericht erstatten.

Zuvor hatte Gemeinderat Philippe Hofmann zu einem Foto des Operationssessels in der Sanitätshilfsstelle Bachgraben gesagt: «Ich möchte auf diesem OP-Sessel nicht operiert werden, nicht einmal angefasst werden – das ist sonnenklar.»