Nähkästchen
Naomi Reichlin ging nicht an den Frauenstreik – denn «die Forderungen waren Sozialismus light»

Naomi Reichlin, Vize-Präsidentin der Baselbieter FDP, ging nicht an den Frauenstreik. Mit der «Schweiz am Wochenende» plauderte sie aus dem Nähkästchen.

Benjamin Wieland
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Im Nähkästchen der «Schweiz am Wochenende» befinden sich 24 Lösli mit verschiedenen Begriffen, die zur interviewten Person passen. Naomi Reichlin, hier auf der Terrasse der Kantonsbibliothek Baselland in Liestal, zieht das Los mit dem Begriff «Solidarität».

Im Nähkästchen der «Schweiz am Wochenende» befinden sich 24 Lösli mit verschiedenen Begriffen, die zur interviewten Person passen. Naomi Reichlin, hier auf der Terrasse der Kantonsbibliothek Baselland in Liestal, zieht das Los mit dem Begriff «Solidarität».

Nicole Nars-Zimmer (niz)

Naomi Reichlin, welchen Begriff haben Sie gezogen?

Naomi Reichlin: Solidarität. Interessant!

Sie ahnen, worauf wir hinaus wollen?

So spontan nicht.

Letzte Woche war Frauenstreik. Sie haben verkündet, nicht hinzugehen. Das wäre doch solidarisch gewesen!

Ich wäre bereit, an einem Anlass für die Gleichstellung teilzunehmen. Ich war aber nicht bereit, an diesem Frauenstreik teilzunehmen. Ich habe mir überlegt: Wofür gebe ich meine Stimme, wenn ich mitlaufe? Auf den ersten Blick geht es um Gleichberechtigung. Das tönt vernünftig. Doch als ich nachforschte, sah ich, dass vieles dahinter steckt, das ich nicht vertreten kann. Dinge, die im Parteiprogramm der Jungsozialisten stehen könnten. Niemand ist gegen Gleichberechtigung. Aber nicht mit diesen Prämissen.

Welche Forderungen störten sie?

Es hiess etwa, Frauen seien die ersten, die vom Kapitalismus unterdrückt würden. Das ist daneben. Dann die Forderung, die Vollarbeitszeit auf 20 bis 25 Stunden pro Woche zu verkürzen. Die Hausarbeit soll unter das Arbeitsgesetz gestellt werden. Das alles ist Sozialismus light.

Andere bürgerliche Frauen gingen – nach längerem Zögern – trotzdem an den Frauenstreik. Warum?

Ich kann nicht für andere sprechen, und ich mache auch keiner Teilnehmerin einen Vorwurf. Es gab sicher auch einen starken Druck mitzumachen – gerade an der Universität. An der Uni Basel gehörte es fast zum guten Ton mitzulaufen. Im Uni-Milieu sympathisiert man eher mit Ideen aus dem linken Spektrum. Ich weiss auch, wieso: Die Forderungen tönen meist gut, haben ein ehrbares Ziel. Das Problem ist: Sobald man nachhakt, wie die Forderungen umgesetzt werden sollen, wie sie finanziert werden können, wird es rasch still.

Sie wurden auf dem Newsportal «Primenews» zitiert, als Frau sollte man sich nicht als Opfer abstempeln lassen. Ist es nicht legitim, sich gegen strukturelle Benachteiligung zu wehren?

Mein Problem ist, dass man sich als Frau als Opfer abstempeln lässt. Die Botschaft des Frauenstreiks war: Wir Frauen sind Opfer des Patriarchats – alle, grundsätzlich. Es hiess, wir Frauen würden vom Kollektiv der Männer unterdrückt. Es wurde nirgends erwähnt, dass auch Männer drunterkommen. Für mich ist es eine Beleidigung, wenn wir Frauen als Gesamtheit als Opfer dargestellt werden. Wir Frauen lassen uns doch nicht unterdrücken!

Es gibt strukturelle Diskriminierung, Frauen verdienen weniger als Männer. Ein Teil der Differenz ist nicht mit objektiven Faktoren erklärbar.

Frauen haben in gewissen Bereichen noch Nachteile gegenüber den Männern, das stimmt. Aber Männer haben auch Nachteile: Sie leben fünf Jahre kürzer, die Obdachlosenheime sind voll mit Männern. Ich möchte wirklich kein Mann sein!

Wäre es nicht ein Ansatz, einen Mindestfrauenanteil zu fordern, etwa in der Politik oder in Verwaltungsräten?

Davon halte ich nichts. In der Konsequenz wäre überall Parität anzustreben. Auf der Baustelle müssten 50 Prozent Frauen arbeiten – absurd! Der liberale Ansatz geht anders. Wir fragen: Was möchte das Individuum, welche Talente und Fähigkeiten hat es? Jede Frau soll gemäss ihren eigenen Interessen entscheiden dürfen, welchen Weg sie einschlagen will: ob Hausfrau, Teilzeit- oder Vollzeitkarriere! Die nordischen Länder gelten als Gleichstellungs-Vorbilder. Dort haben Frauen grösstmögliche Wahlfreiheit bei der Berufswahl. Und was ist passiert? Die Frauen gingen zurück zu typischen Frauenberufen, Männer zu typischen Männerberufen. Trotzdem gibt es Frauen, die es anders machen wollen – und die sollen die gleichen Möglichkeiten haben wie Männer.

In ihrem Studium sind Sie wahrscheinlich die einzige Freisinnige. Schwimmen Sie gerne gegen den Strom?

Es stimmt, viele meiner Freunde und Mitstudierenden sind politisch ganz anders gestrickt. Ich habe kein Problem damit auszuscheren. Aber als Prinzip wäre das nicht erstrebenswert.

Warum die FDP?

Ich bin mit 14 den Jungfreisinnigen beigetreten. Die Motivation war mein Interesse an der Politik. Ich liebe die politische Auseinandersetzung über alles. Die Freisinnigen Grundsätze haben mich überzeugt: Die Freiheit der Entscheidung und dass es möglichst keine gesellschaftlichen Normen geben soll, wie das Individuum sein Leben zu führen hat. Das ist der Schlüssel zu einer Gesellschaft, die funktioniert.

Sie geben als Hobbys Kochen, Musik und Sport an. Es ist gerade Frauenfussball-WM. Gucken Sie die Spiele?

Nein. Fussball interessiert mich nicht.

Sie könnten aus Solidarität mitgucken?

Warum sollte ich Fussball schauen, nur weil Frauen spielen? Falls aber meine WG-Mitbewohnerinnen ein Spiel gucken würden, wäre ich dabei – aus Solidarität.

Was macht Naomi Reichlin, wenn sie sich vom Politisieren erholen will?

Sport und Kochen, oder: TV-Serien. Etwa «The Good Fight». Dort geht es – das passt jetzt gerade bestens – um eine starke Frau.

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