Grüne Baselland
Nach dem Doppelrücktritt: Mehrere Hoffnungsträgerinnen sagen bereits ab

Die Rücktritte von Bálint Csontos als Parteipräsident und Klaus Kirchmayr als Fraktionschef werden bei den Baselbieter Grünen zwar akzeptiert, sorgen aber intern auch für Kritik. Die gemeinsame Firma scheint höhere Priorität zu geniessen. Die Suche nach der Nachfolge dürfte schwieriger werden als gedacht.

Michael Nittnaus
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Unter Bálint Csontos (Mitte) und Klaus Kirchmayr schaffte es Maya Graf in den Ständerat.

Unter Bálint Csontos (Mitte) und Klaus Kirchmayr schaffte es Maya Graf in den Ständerat.

bz

Ein grosser Verlust. Diese Worte kommen allen Baselbieter Grünen über die Lippen, welche die bz zu den Mittwochnacht verkündeten Rücktritten ihres Partei- und ihres Fraktionspräsidenten befragt. Tatsächlich geben mit Bálint Csontos Ende Oktober und Klaus Kirchmayr Ende November zwei Politiker ihre Führungsrollen ab, die grossen Anteil an den Wahlerfolgen 2019 hatten. Beide bleiben zwar Landräte, wollen aber explizit nicht mehr den Lead bei den Gesamterneuerungswahlen 2023 haben.

Bei Kirchmayr überrascht der Entscheid kaum. Der Aescher sitzt seit 2007 im Landrat, fast elf Jahre als Fraktionspräsident. 2023 darf er wegen der Amtszeitbeschränkung nicht mehr antreten. «Ich bin wirklich ein Dinosaurier. Jeder, der etwas von politischer Arithmetik versteht, weiss, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, das Fraktionspräsidium abzugeben, damit meine Nachfolge vor den nächsten Wahlen genügend Zeit hat», sagt er.

Was für eine Rolle spielt das gemeinsame Start-Up?

Anders sieht es bei Csontos aus. Der 24-jährige Jus-Student übernahm das Präsidium erst im August 2017 von Florence Brenzikofer. Im Landrat sitzt er gar erst seit vergangenem Sommer. Er merkt zwar an, dass er nach Marc Bürgi von der BDP (seit März 2016) und Martin Geiser von der EVP (Mai 2017) am drittlängsten eine Baselbieter Partei führe. Doch warum er nicht noch die nächsten Wahlen verantworten kann, möchte Csontos nicht klar sagen. Bloss: «Ich weiss nicht, wo ich dann in meinem Leben stehe.» Er wisse ganz genau, was er im nächsten halben Jahr tue, doch schon ab 2021 sei es völlig offen. «Das ist doch normal in meinem Alter», so der Ramlinsburger.

Sowohl Kirchmayr wie Csontos streiten ab, dass sie ihr politisches Engagement reduzieren, weil sie vor Kurzem gemeinsam ein Start-Up-Unternehmen gegründet haben (bz berichtete). Doch die Firma Urb-X AG mit Sitz in Birsfelden dürfte zumindest bei Csontos mitverantwortlich für den Entscheid gewesen sein, wie die bz weiss. Was die Firma genau macht, halten beide noch geheim. In ausgeschriebenen Jobprofilen ist die Rede von autonomer Intelligenz in der Verkehrsplanung. Kirchmayr meldete ein Patent für eine Erfindung an. «Es ist etwas Konkretes, nichts Virtuelles wie eine App», sagt er. Und Csontos fügt verschmitzt an: «In Sachen Coolness können wir mit Tesla mithalten.»

Philipp Schoch: «Leute stehen nicht Schlange»

Alle angefragten Grünen bedauern Csontos Entscheid, den dieser erst vergangene Woche intern breit kommunizierte. «Der Zeitpunkt war nicht wirklich vorhersehbar, aber die Jungen muss man halt manchmal ziehen lassen», sagt etwa Landrätin Rahel Bänziger. Und alt Landrat Philipp Schoch, der selbst zehn Jahre Parteipräsident war, sagt: «Ich hätte mir gewünscht, dass Bálint länger im Amt bleibt als nur drei Jahre. Es ist nicht so, dass hinter ihm die Leute Schlange stehen.» Er respektiere den Entscheid der Beiden, «aber es geht halt schon viel Know-how verloren an der Parteispitze».

Schoch ist der einzige, der die Problematik der Nachfolger-Suche anspricht. Csontos selbst sagt, dass «es nicht schlau ist, länger auf dem Sessel zu bleiben, wenn wir so viele andere gute Leute haben». Und Kirchmayr baut gar Druck auf: «Das Fraktionspräsidium ist ein tolles, aber intensives Amt, für das man Durchsetzungs- und Einfühlungsvermögen sowie Verhandlungsgeschick braucht.»

Laura Grazioli und Meret Franke haben keine Zeit

Einig sind sich zudem fast alle, dass es anzustreben sei, dass ein Landratsmitglied die Partei führt. Doch mit Laura Grazioli und Meret Franke sagen bereits zwei Hoffnungsträgerinnen auf Anfrage für beide freien Ämter ab. Das Killerargument wie so oft: zu wenig Zeit. Gewichtige Stimmen wie Bänziger oder Lotti Stokar trifft zudem wie Kirchmayr die Amtszeitguillotine.

Am Samstag bestimmt die Parteileitung eine Findungskommission. Eine interessante Idee bringt Nationalrätin Florence Brenzikofer aber schon jetzt ins Spiel: «Vielleicht sollte man bei der Suche auch jene berücksichtigen, die in den Landrat nachrücken könnten.» Ein kurzer Blick auf die Wahlergebnisse 2019 zeigt: Erstnachrückende für Kirchmayr ist die Reinacher Einwohnerrätin Katrin Joos Reimer, für Bänziger die angehende Binninger Einwohnerrätin Bettina Wölnerhanssen und für Stokar der Oberwiler Gemeinderat Christian Pestalozzi.