Fusion
Muttenz zittert, Pratteln frohlockt – Wie wird sich HuntsmanClariant auf die Region auswirken?

Im Baselbiet sorgt die Fusion von Clariant und Huntsman für gemischte Gefühle.

Benjamin Wieland
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Wenn zwei zusammengehen, profitieren selten alle: Seit Montag ist klar, dass Clariant und Huntsman fusionieren wollen.

Wenn zwei zusammengehen, profitieren selten alle: Seit Montag ist klar, dass Clariant und Huntsman fusionieren wollen.

Keystone/GEORGIOS KEFALAS

Dass eine der bedeutendsten Firmen seiner Gemeinde fusionieren wird, erfuhr Stephan Burgunder (FDP) wie alle anderen Nicht-Eingeweihten auch: aus zweiter Hand, also aus den Medien. «Ich habe die Nachricht als Push-Meldung aufs Handy erhalten», sagt der Prattler Gemeindepräsident zur bz. «Und ich war positiv überrascht.»

Clariant und der US-amerikanische Konkurrent Huntsman gaben gestern um 7 Uhr Schweizer Zeit bekannt, dass sie zusammengehen wollen. Wie dies bei Fusionsabsichten von börsenkotierten Unternehmen vorgeschrieben ist, musste über das Vorhaben strengste Geheimhaltung gewahrt werden. Dies, um verbotene Insidergeschäfte zu verhindern. Ein Satz der Meldung dürfte Burgunder besonders gefreut haben: Pratteln soll juristischer Sitz der neuen HuntsmanClariant werden. Bereits heute hat Clariant in der Agglomerationsgemeinde die zentralen Konzernfunktionen angesiedelt.

«Ich rechne damit, dass die Zahl der Jobs des neuen Unternehmens in Pratteln gleich bleibt oder sogar noch leicht ansteigt», sagt Burgunder. «Der Sitz ist und bleibt hier. Das zeigt, dass wir wettbewerbsfähig sind. Pratteln ist der ‹place to be›.»

Selber ein Spin-off

Ursprünglich war Clariant aber eine Muttenzer Firma. Dem Muttenzer Gemeindepräsidenten Peter Vogt erging es am Montag wie seinem Amtskollegen aus Pratteln: Er musste aus den Nachrichten die Heiratsabsichten der beiden Unternehmen zur Kenntnis nehmen. «Mir war nichts bekannt, das auf eine anstehende Fusion hätte hinweisen können», sagt der CVP-Politiker. «Ich habe auch überhaupt keine Gerüchte in diese Richtung vernommen.»

Clariant entstand 1995, als Sandoz seine Chemiesparte auslagerte. Ein Jahr danach vereinigte sich Sandoz mit Ciba zu Novartis. 2010 gab Clariant bekannt, die Leitungsfunktionen wenige hundert Meter weiter östlich von Muttenz anzusiedeln, rund 140 Angestellte zogen ins benachbarte Pratteln um, in den «Aquabasilea»-Komplex.

Ein Teil der Produktion des Spezialchemie-Unternehmens verblieb jedoch in Muttenz, im Gebiet Schweizerhalle, das auf Muttenzer und Prattler Territorium liegt. «Für mich ist entscheidend», sagt Vogt, «dass die Produktion bei uns erhalten bleibt.» Er erwarte jetzt von Clariant weitere Informationen. Er werde so rasch wie möglich mit dem Leiter des Muttenzer Werks Kontakt aufnehmen.

Zumindest Muttenz ist in Sachen Huntsman ein gebranntes Kind. 2007 schloss der Konzern mit Sitz in Salt Lake City das Werk Schweizerhalle. 120 Jobs fielen weg, 80 Mitarbeiter erhielten die Kündigung. Die US-Amerikaner konzentrierten ihre Aktivitäten in der Nordwestschweiz seither an der Basler Klybeckstrasse.

Auch Clariant baute in Schweizerhalle ab. Von fast 1000 Stellen blieben bis 2014 noch deren 660 übrig, seither hat es weitere Abbaurunden gegeben. Clariant gründete deshalb die Infrapark AG: Sie sollte die leer stehenden Fabrikanlagen vermarkten und an andere Firmen vermieten. Das Modell hatte Erfolg. «Wir hoffen nun», sagt Vogt, «dass es mit dem Infrapark weitergeht wie bisher. Ich werde mich dafür einsetzen.»

Wenig zuversichtlich zeigt sich «Angestellte Schweiz», der grösste Arbeitnehmerverband der Chemie- und Pharmaindustrie. Man wisse von anderen Fusionen, heisst es in einem Communiqué, «dass sie selten ohne Stellenabbau vonstattengehen.» Es sei zudem zu befürchten, dass die Mitspracherechte der angestellten eingeschränkt werden könnten, «da der operative Sitz der neuen HuntsmanClariant in den USA sein wird.»

Die Gewerkschaft Unia wiederum fordert beide Konzerne dazu auf, die Fusion «ohne Stellenabbau und ohne Verschlechterung der Arbeitsbedingungen zu vollziehen.» Alle Arbeitnehmenden in der Schweiz müssten einem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) unterstehen.

«Nehmen Kottmann beim Wort»

Hariolf Kottmann, der designierte Verwaltungsrats-Präsident von HuntsmanClariant, sagte gestern, die beiden Unternehmen seien in komplementären Bereichen tätig und könnten nun Synergien nutzen. Darum sei nicht mit einem Stellenabbau in der Schweiz zu rechnen. Unia-Mediensprecher Thomas Leuzinger sagt dazu: «Wir nehmen Herrn Kottmann beim Wort!»
Optimistisch zeigt man sich bei der Baselbieter Volkswirtschafs- und Gesundheitsdirektion (VGD).

Sie schreibt, die angekündigte Zusammenarbeit zwischen Clariant und Huntsman scheine geeignet, «die Kompetenz der beiden Unternehmungen zu stärken.» Die chemische Industrie habe im Kanton Baselland «ausgezeichnete Zukunftsperspektiven». Ihre Zuversicht für die «forschungsnahe Chemie» begründet die VGD unter anderem mit dem stark spezialisierten Arbeitsmarkt sowie mit den renommierten Instituten an Universität und Fachhochschule.

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