Aesch
Mit einer japanischen Philosophie hat Firma Produktionszeiten verkürzt

Die Flanschenfabrik Angenstein in Aesch konnte in den letzten Jahren seine Produktionszeiten verkürzen. Dies wegen einer japanischen Betriebsphilosophie, bei der die Ordnung ein zentraler Aspekt ist. Was gibt es sonst noch für Vorteile dadurch?

Stefan Schuppli
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Die Firma Angenstein fährt gut mit japanischer Betriebsphilosophie
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Abendschicht an der grossen Drehbank: Diese XXL-Kunststoffklappe muss demnächst eingebaut und ausgeliefert werden.
Ein grosses Kunststoffteil. Dieses eignet sich besonders für aggressive Substanzen bei nicht allzuhohen Temperaturen.
Kunststoffteile.
CEO Martin Helfenstein erklärt die Grundphilosophie seiner Firma.
CEO Martin Helfenstein erklärt die Grundphilosophie seiner Firma.
CEO Martin Helfenstein erläutert das Kaizen-Prinzip.
Die Gäste auf Betriebsführung durch die Firma.
Die Gäste auf Betriebsführung durch die Firma.
Das Podium mit Matthias Zehnder, Chefredaktor bz (links), und CEO Martin Helfenstein.
Das Podium mit Matthias Zehnder, Chefredaktor bz (links), und CEO Martin Helfenstein.
Die Gäste beim Apéro.

Die Firma Angenstein fährt gut mit japanischer Betriebsphilosophie

Roland Schmid

Angenstein? Na klar, eine Burg, ein Tunnel, eine Pfadiabteilung... Doch nicht nur. «Angenstein», so heisst seit 2008 die ehemalige Flanschenfabrik. Schon wieder ein Rätsel: Was sind Flanschen? Fachleute wissen, dass Flanschen Rohrverbindungsteile sind, im Prinzip an Rohre angeschweisste Ringe, versehen mit Löchern, damit man sie mit anderen Rohren verschrauben kann, die ebenfalls mit angeschweissten, gelochten Scheiben versehen sind.

Angenstein wirkt im Verborgenen

Bauteile Angenstein, eine Spezialistin für die Bearbeitung von Metall und Kunststoff sowie Zulieferin der Industrie in Aesch, stellt Dinge her, die meist irgendwo in industriellen Anlagen eingebaut werden. Sie sind also oftmals gar nicht sichtbar.
• Im Metallbereich umfassen die Arbeiten der Angenstein unter anderem das Brennschneiden und die mechanische Fertigung sowie Baugruppen, verfahrenstechnische Maschinen und Apparate.
• Der Kunststoffbereich umfasst Kunststoffapparatebau, Auskleidungen, Lüftungsbau/Lüftungskanäle, Sonderflansche, Absperrklappen, Druckhalteventile und Instrumente aus Kunststoff.
• Die Firma bietet überdies ein breites Sortiment an Standardprodukten für die Prozessindustrie, die Haustechnik und die Umwelttechnik an, wie etwa Normflansche, Schauglasarmaturen, Schauglasleuchten und Kamerasysteme (Lumiglas). www.angenstein.ch (STS)

Riesige Rauchgasklappen

«Der Namenswechsel drängte sich auf, weil wir längst nicht mehr nur Flanschen herstellen», sagte Firmenchef Martin Helfenstein am Donnerstagabend an der GesichtsPunkte-Veranstaltung von PricewaterhouseCoopers und der bz. Seit der Übernahme der Firma Ditzler ist Angenstein auch im Kunststoffbereich tätig.

GesichtsPunkte

Im schwierigen globalen Marktumfeld werden auch mittelgrosse lokale Unternehmen mit spezifischen Herausforderungen konfrontiert. Unter dem Titel «GesichtsPunkte» veranstalten die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers und «Die Nordwestschweiz» seit diesem Jahr eine Serie von Anlässen, an denen die Globalisierung der Märkte aus lokaler Perspektive beleuchtet wird. Der nächste Anlass wird 2014 ebenfalls in einer Firma in der Region stattfinden. (sts)

So werden an der Hauptstrasse in Aesch metergrosse Rauchgasklappen hergestellt, die auch sehr aggressive Dämpfe aushalten, wie an dem eindrücklichen Rundgang zu sehen war. Auch um 7 Uhr abends waren noch einige Arbeiter am Werk - Zweischichtbetrieb. Eine Anlage muss noch in diesem Jahr fertiggestellt werden.

Die Fabrikhallen sind tadellos aufgeräumt. Helfenstein erklärt, dass Ordnung ein zentrales Element von «Kaizen» sei, einer japanischen Betriebs- oder Organisationsphilosophie. Kaizen, das heisst aber vor allem, dass die Prozesse kontinuierlich verbessert werden sollen. Und nicht nur das: jeder, jede muss dazu beitragen. Und die Verbesserung betreffe auch den Mitarbeiter selbst. Von ihm werden jedes Jahr vier Vorschläge erwartet, und da versteht Helfenstein keinen Spass, wie sich am nachfolgenden Gespräch in der Halle der Angenstein-Tochter Jacquet Osiro zeigte (bz-Chefredaktor Matthias Zehnder stellte die Fragen).

Ja, man habe in den vergangenen zwei, drei Jahren gute Erfolge gehabt, auch messbare. In ihrer Fabrik sei durch dieses Vorschlagswesen die Produktionszeiten verkürzt worden. Auch habe man vergleichbare Gruppen gehabt, die einen, die mit Kaizen arbeiteten, die anderen nicht. Auch hier: ein messbarer Unterschied.

Für die Vorschläge gibt es ein Formular, auf dem das Problem kurz skizziert und ein Vorschlag abgegeben wird. Die Vorschläge kommen an eine Pinnwand und werden von den Teams in reglmässigen Abständen besprochen. Ein grosser Teil wird umgesetzt. Belohnungen gibt es, ausser der Aufmerksamkeit der Kollegen, keine. Auch kleinste Verbesserungen sind wichtig. Das System Kaizen fordere sowohl Führung wie Mitarbeitende sehr, bestätigt Helfenstein. Und wenn jemand diese vier Vorschläge pro Jahr nicht bringt? «Schwierig. Dann hat er auf lange Sicht ein Problem. Er hat in dieser Firma keinen Platz.»

1:12 sei «idiotisch»

Deutlich wird Helfenstein, als er zur 1:12-Initiative angesprochen wird. «Extrem ärgerlich» sei sie, «dumm und blöde». Und das obwohl die Firma nur indirekt davon betroffen sei (Angenstein-Kunden sind mehrheitlich Grosskonzerne). «Diese Initiative ist eine pauschale Verunglimpfung des Unternehmertums». In der Schweiz habe man kaum Probleme mit den Lohndifferenzen.

Nach einigen sehr profitablen Jahren erlitt Angestein 2008 einen starken Einbruch. Mit ein Problem war der hohe Frankenkurs. «Es waren schwierige Jahre. Aber immerhin hatten wir die Substanz, um Überleben zu können.» Die Marge habe sich noch nicht vollständig erholt. Der Preisdruck sei vor allem bei kleineren Produkten spürbar, nicht aber bei grossen. Denn dort habe Angenstein wenig Konkurrenz.

Jetzt gehe es darum, die Strukturen zu optimieren. So denke man daran, die beiden Standorte in Aesch an der Industriestrasse zusammenzulegen.