Pratteln
Mit dem Knigge-Kurs kommen Jugendliche einfacher durchs Leben

Die Jugendlichen des Prattler Jugendtreffpunkts übten in einem Workshop die richtigen Umgangsformen und bewirteten die eingeladenen Gäste. Der Knigge-Kurs «Ich bin mehr» kommt aus dem Kleinbasel und weckt schweizweit Interesse.

Michel Ecklin
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Küche statt Coolness: Prattler Jugendliche lernten im Knigge-Kurs «Ich bin mehr» von der Inzlinger Spitzenköchin Simone Beha das gesunde Kochen und anständiges Benehmen.Martin Töngi

Küche statt Coolness: Prattler Jugendliche lernten im Knigge-Kurs «Ich bin mehr» von der Inzlinger Spitzenköchin Simone Beha das gesunde Kochen und anständiges Benehmen.Martin Töngi

Ehrfürchtig nimmt der 15-Jährige eine blütenweisse Serviette in die Hand und versucht, sie so zu falten, dass man sie fächerartig aufstellen kann. Das gelingt nicht beim ersten Anlauf. «Scheissalbaner, machsch alles kaputt!», zünselt sein Kumpel und stellt die Füsse auf den Stuhl ihm gegenüber. Selber kämpft er auch grad mit einer Serviette. «Füsse weg vom Stuhl», sagt Hotelfachmann Rainer Wiedmer und erklärt das mit den Servietten nochmals.

Nebenan verteilen zwei Mädchen langstielige Weingläser auf den Tischen. Erst gehen sie mit den filigranen Dingern um, als wären es Tennisbälle – da ertönt beim Aneinanderstossen ein kristallener Klang, und plötzlich sind ihre Bewegungen viel ruhiger.

Zwei Freundinnen setzen sich still an einen der weiss gedeckten Tische, staunen über all das funkelnde Geschirr um sie herum – und fangen an zu kichern. Offensichtlich ist für sie alles neu hier.

Zwölf Jugendliche von 14 bis 17 Jahren machten am Wochenende im Prattler Hotel Engel einen Knigge-Kurs. «Ich bin mehr» heisst das Projekt, das die Jugendarbeit Basel (Juar) zusammen mit dem Jugendtreffpunkt Pratteln organisierte.

Unübliche Rollen einnehmen

«Mit ihrer Coolness untereinander überdecken Jugendliche oft Unsicherheit», so erklärt Waltraud Waibel, die fachliche Projektleiterin, das Ziel des Projekts, das sie mitentwickelt und im Jugi Dreirosen erprobt hat. Mit dem Knigge-Kurs sollten die Jugendlichen merken, dass sie sich anders verhalten können, als sie es gewohnt sind. «Sie sollen spüren, dass es schön ist, andere Verhaltensweisen als die üblichen zu erleben.»

Konkret geschah dies in Pratteln in drei Workshops mit externen Profis. Da übten die Jugendlichen zum Beispiel, beim Gespräch dem Gegenüber in die Augen zu schauen. Dazu gehörten auch Tischmanieren. Wiedmer erklärte zum Beispiel, dass man beim Kaffeetrinken den Tropfen am Löffel «bitte nicht abschlecken soll».

Die Kids machten aufmerksam mit. «Solche Sachen muss man lernen», sagte ein Jugendlicher. «Sonst hat man Probleme im Leben.» Sein Kollege meinte: «Ich will mal von meinem Boss befördert werden. Der soll nicht glauben, ich sei ein Vollmongo.»

In Rollenspielen übten die Jugendlichen Situationen, in denen es auf den äusseren Auftritt ankommt, typischerweise ein Bewerbungsgespräch in einer Firma. «Ich habe gelernt, dass ich nicht ständig vom einen Bein auf das andere hüpfen sollte», meinte ein gross gewachsener Junge. Höhepunkt von «Ich bin mehr» war schliesslich das Vorbereiten einer gesunden Mahlzeit, zusammen mit der Inzlinger Spitzenköchin Simone Beha.

Das Essen wurde am Samstagabend eingeladenen Gästen serviert, neben Vertretern der Gemeinde auch dem Boxer Arnold Gjergjaj («Cobra»), der in Pratteln aufgewachsen ist.

Exportprodukt aus Basel

Mit «Ich bin mehr» sei es im Dreirosen gelungen «dass die Jugendlichen ihr Verhalten reflektieren, ohne dass wir den Drohfinger erheben», wie Albrecht Schönbucher sagt. Er ist Geschäftsleiter der Juar, die das Kleinbasler Jugi führt. Die Juar möchte jetzt ihr Produkt exportieren. Die Finanzierung für 15 Orte in der Deutschschweiz ist dank Sponsoren gesichert. Interesse gibt es in Zürich, Bern und St. Gallen.

Erste Aussenstation war jetzt Pratteln. Der Leiter des Jugis, Geleg Chodak, hatte «realistische Erwartungen» an «Ich bin mehr». Wenn schon nur ein Jugendlicher etwas vom Kniggekurs mitnehme, sei das Ziel erreicht. Doch am Wochenende wurde er positiv überrascht. «Zwei Tage lang hab ich kein einziges ‹mir schtinggt’s› gehört» – und das mit Jugendlichen, die oft massive Gewaltprobleme hätten.

In den Pausen zeigte sich, dass die Workshops bei einigen Teenies Zukunftsfragen auslösten. So entstand eine eifrige Diskussion darüber, ob man einen Beruf auswählen solle, bei dem man (wie im Gastgewerbe) viel stehen muss.

Und Projektleiterin Waibel hat im Dreirosen-Jugi eines festgestellt: «Manch einer ist froh über seine neu gelernten Umgangsformen, wenn er zum ersten Mal der Mutter seiner neuen Freundin gegenübersteht.»

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