Plakatkampagne
Mister Handicap aus Liestal ziert SBB-Plakate

Michael Fässler macht mit den SBB gemeinsame Sache. Er möchte für alle einstehen, die mobil sein wollen, und den Menschen Mut machen.

Simon Tschopp
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SBB-Plakate mit Michael Fässler in der Unterführung des Liestaler Bahnhofs, die täglich Tausende Leute passieren.

SBB-Plakate mit Michael Fässler in der Unterführung des Liestaler Bahnhofs, die täglich Tausende Leute passieren.

Nicole Nars-Zimmer niz

Die SBB bekommen Hilfe aus dem Baselbiet – von Michael Fässler aus Liestal. Der Mister Handicap von 2012 ziert im Rollstuhl die grossen Plakate der Schweizerischen Bundesbahnen. Sie hängen derzeit in den Bahnhöfen. «In Zukunft kann er schweizweit selbständig reisen», steht darauf. Damit versprechen die SBB, dass sich auf ihrem Streckennetz körperlich Beeinträchtigte bis spätestens 2024 unkompliziert und hindernisfrei fortbewegen können.

«Der Kontakt ist via eine Agentur zustande gekommen, die sich bei mir gemeldet hat», erzählt der 28-Jährige. Er habe nicht lange überlegen müssen, zu dieser Kampagne Ja zu sagen. Denn mit der Botschaft könne er sich voll identifizieren. «Ich möchte für alle einstehen, die mobil sein wollen. Denn ohne Mobilität gibts kein Leben.» Fässler ist seit einer Hirnblutung, die er Ende 2005 als junger, hoffnungsvoller Eishockeyspieler während eines Probetrainings beim SC Bern erlitten hat, linksseitig an Arm und Bein gelähmt. Er lag vier Wochen im Koma und musste er erst wieder reden und gehen lernen. Heute benötigt er den Rollstuhl nur noch, wenn es ihm nicht gut geht oder für längere Strecken.

«Viele sprechen mich darauf an»

Die Plakate mit Michael Fässler sind seit Mitte Januar in Schweizer Bahnhöfen zu sehen und werden laut SBB-Medienstelle in den nächsten Tagen wieder entfernt. Online dauert die Kampagne ein ganzes Jahr. Dazu ist mit Fässler ein 90-Sekunden-Clip gedreht worden, mit Szenen auf dem Bahnhof Liestal und in der Laufner Eishalle. Auf dem Plakat posiert der Baselbieter auf dem Perron im Kantonshauptort. Er sei erstaunt über das Echo. «Viele Leute sprechen mich darauf an.» Das ganze Shooting dauerte drei Tage und sei anstrengend gewesen.

Michael Fässler befindet sich derzeit in einer intensiven Rehabilitationsphase in der Rehab Basel. Das wird er jedes Jahr auf sich nehmen, um sein Gehbild zu verbessern und zu stabilisieren. «Ich möchte gerne wieder einen Schritt vorwärtsmachen, um mich im Alltag noch besser zurechtzufinden.» Mit den wöchentlich halbstündigen Physiotherapie-Einheiten trat der Handicapierte an Ort. Dank seines Willens, seiner Disziplin und eines starken Umfelds steht Fässler heute dort, wo er sich vor zehn Jahren nie und nimmer gesehen hat. Er trauert nicht mehr der Vergangenheit nach, sondern freut sich darüber, dass ihm ein zweites Leben geschenkt worden ist. Dankbarkeit pur.

Auch für Rehab Basel ist Michael Fässler ein gefragter Mann. Die Einrichtung feiert heuer ihr 50-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass wirbt die Klinik für ihre Dienste – unter anderem mit Fässler.

Dieser ist ausgebildeter Mentaltrainer und selbstständig tätig. Er coacht hauptsächlich Sportler; ebenfalls zu seiner Kundschaft gehören Geschäftsleute, Künstler und Studenten. Michael Fässler unterstützt seine Klienten auf dem Weg, damit sie sich mit ihren eigenen Situationen besser arrangieren können. Mentale Stärke könne jeder Mensch trainieren, weiss Fässler. «Ich habe mit meinen jungen Jahren schon so viel erleben dürfen und müssen und realisiert, dass sehr viele Menschen davon profitieren können.»

Schon als Hockeyspieler betrieb der heute 28-Jährige Mentaltraining, jedoch mit mässigem Erfolg, weil ihm das Handwerk dazu gefehlt hatte. Nach seinem Schicksalsschlag hat Michael Fässler während der Rehabilitation immer wieder gespürt, wie wichtig der mentale Bereich ist, in einer «vermeintlich sehr, sehr schlechten Ausgangsposition irgendetwas Positives machen zu müssen. Woher nimmt man die Motivation? Wie werden neue Ziele gesteckt?»

Auch in seiner zweiten Sportkarriere als erfolgreicher Rollstuhl-Tischtennisspieler hat sich bei Fässler herausgestellt, dass «das Mentale unglaublich wichtig ist». Der Liestaler schaffte es zwar bis in die Top 40 der Welt, hängte diese Laufbahn aber vor gut einem Jahr an den Nagel. Der ambitionierte Sportler musste einsehen, dass seine hochgesteckten Ziele nicht zu erreichen waren. Dazu gehört hätte eine Teilnahme an den letztjährigen Paralympics. Nun hofft er, einmal als Mentaltrainer bei Olympia dabei zu sein.

Michael Fässler war 2012 zum ersten Mister Handicap erkoren worden und hatte dieses Amt gleich zwei Jahre inne, weil im Folgejahr die Wahl ausfiel. «Das war eine spannende Zeit. Ich konnte durch die gewonnene Bekanntheit mehr Leute erreichen mit dem, was ich sagen wollte. Ich konnte ein grosses Beziehungsnetz aufbauen.» Interessant gewesen sei auch, wie man vom Umfeld wichtig gemacht worden sei. «Ich stehe für die Sache ein, Menschen Mut zu machen.» Und er habe auch gemerkt: «Wir sind alles Menschen, die alle den gleichen Respekt verdienen – egal ob beeinträchtigt oder nicht.»

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