Velo-Hochbahn im Baselbiet
McDonald’s und Norman Foster sind seine Kunden – doch für seinen Heimatkanton darf er nicht bauen

Christoph Häring ist der Holz-König des Baselbiets. Seine Holzkonstrukte stehen überall auf dem Globus – das Projekt für eine Velo-Hochbahn von Augusta Raurica nach Pratteln jedoch ist sistiert. Häring versteht die Welt nicht mehr.

Benjamin Wieland
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Der Mock-up steht auf dem Parkplatz des Häring-Family-office in Muttenz: Das Projekt «Velohochbahn in Modulbauweise» wird nicht weiterverfolgt.
Häring baut auf dem ganzen Globus, etwa in London. Das Dach der Crossrail-Station Canary Wharf in London ist eine Häring-Konstruktion.
McDonald's ist Häring-Kunde, bestellte etwa diese Fassade für die Filiale in Egerkingen.
Diesen Auftrag erteilte der Erzbischof von Mailand: Kirchendom San Massimiliano in Varese
Auch geschwungen ist möglich. Die «Welle» am Berner Bahnhof.
Eine Wildtierbrücke über die Autobahn in Suhr.
Aesch will einen – Pratteln kriegt einen: Einen Holzdom. Hier ist der typenähnliche Saldome 2 in Riburg im Bau.
Beim Neubau des Amts für Umwelt und Energie in Basel an der Schifflände werden Häring-Elemente verbaut.
Der Saldome 2 Riburg hat einen Durchmesser von 120 Metern und ist 32,5 Meter hoch.
Für die AAGL in Liestal lieferte Häring eine Bushalle.
Eine Holz-Fassade von Häring an der Missionsstrasse in Basel.

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Roland Schmid

Wer Christoph Häring zuhört, wie er über seine Holzkuppeln referiert, möchte sich gleich selber solch einen Dom bestellen. Und sei es nur als extravagante Hundehütte.

«Holz ist der intelligente Rohstoff der Zukunft», schwärmte der Unternehmer etwa im September 2019 in Aesch. «Holz ist leicht, belastbar, ökologisch und rostet nicht», sagte er zu den Besuchern der Gemeindeversammlung. «Und das Beste ist: Holz wächst vor unserer Haustür – wir müssen es nur nutzen!» Der Ingenieur präsentierte in Aesch die Pläne für einen Dom. Unter der Kuppel sollen einst die NLA-Volleyballerinnen von Sm’Aesch-Pfeffingen spielen. Das Timber-age habe erst gerade begonnen, sagte Häring damals. Corona hat den Dom zu Aesch zwar verzögert. Doch die Realisierungschancen
sind intakt.

Vorwürfe schaden dem Ruf

Bei einem anderen Vorhaben von Härings Holzbauunternehmen war das Timber-age jedoch zu Ende, bevor es überhaupt richtig angefangen hatte: beim Velo-Highway in Pratteln.

Das Projekt für eine beheizte Velohochbahn scheiterte an Filzvorwürfen. Vergangene Woche sistiert der Grüne Baselbieter Baudirektor Isaac Reber die Pläne. Die Machbarkeitsstudie für die Hochbahn hatte die Häring AG ausgearbeitet, gemeinsam mit der Urb-X AG. Die Vorwürfe an die Urb-X seien rufschädigend, sagt Häring. Sie hätten auch seine Firma tangiert. Er hat ins Häring-Familiy-Office an der Tramstrasse in Muttenz geladen. Auch dieses Gebäude: fast komplett aus Holz.

Der 74-Jährige spricht schnell, die blauen Augen sind hellwach. Er wirkt zehn Jahre jünger, mindestens. Überall in den Räumen stehen Modelle. Ein Rundbogen für eine Landwirtschafts-Expo in China. Eine Holzkirche für den Erzbischof von Mailand. Das grösste Modell steht aber auf dem Parkplatz: Es ist ein Element für die Velohochbahn, in Originalgrösse. Der 1:1-Mock-Up sollte alle von der Idee überzeugen. Jetzt wirkt die Konstruktion eher wie ein Mahnmal.

Die Sägemehl-Connection: Mit dem E-Bike ans Schwingfest

Häring spricht von «Neidgenossen». Davon, dass in der reichen, satten Schweiz Risikobereitschaft nicht mehr anerkannt werde: «Wenn innovatives Unternehmertum schon unter Generalverdacht steht, dass etwas nicht korrekt gelaufen sein soll, dann ist das bedenklich und verwerflich.»

In die Schusslinie geriet vor allem die Urb-X AG, gegründet von Grünen-Landrat Klaus Kirchmayr und seinem Ratskollegen Bálint Csontos, Präsident der Baselbieter Grünen. Die Kritiker witterten Vetternwirtschaft: Ein grüner Baudirektor finanziere Parteifreunden einen Prototyp samt Patent. Isaac Reber verteidigte sich. Solch eine Hochbahn gebe es noch gar nicht. Es handle sich um ein Pionierprojekt. Und: Das Bauprojekt habe man ausschreiben wollen. An der Landratssitzung von vergangener Woche gab Reber bekannt, das Vorhaben werde vorerst nicht weiterverfolgt.

Auch Häring musste sich mit den Kungelei-Vorwürfen auseinandersetzen. Der Füllinsdörfer sass von 2015 bis 2019 im Landrat. Für die SVP. Die Partei, der auch Regierungsrat Thomas Weber angehört. Die Verbindung zwischen Weber und Häring: Die Teststrecke für die Velohochbahn hätte beim Gelände enden sollen, auf dem im August 2022 das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest (Esaf) steigt. Präsident des Esaf-OK: Thomas Weber.

Die Idee mit dem Esaf sei im Team entstanden, verteidigt sich Häring: «Wir hatten zuerst als Standort für eine Teststrecke die Lachmatt in Muttenz vorgesehen. Dann kam der Vorschlag vom Vertreter des Bundesamts für Strassen, die Pilotstrecke in Pratteln zu bauen. So können sich die Schwingfestbesucher ein E-Bike ausleihen und bequem vom Parkplatz im Raum Augusta Raurica zum Festgelände radeln.»

Als 17-Jähriger nach Kanada geschickt

Das erste Zusammentreffen mit Klaus Kirchmayr wiederum habe sich im Rahmen einer Besichtigung des Häring-Tochterunternehmens Roth in Burgdorf ergeben, sagt Häring: «Kirchmayr war stark beeindruckt von der volldigitalisierten Hochleistungsproduktion von grossen Tragwerkselementen aus Holz. Er sagte mir: ‹Ich komme auf Dich zurück!›» Am 3. Februar 2020 habe ihm Kirchmayr die Idee des Bike-Highways vorgestellt.

«Es hiess, das Projekt habe einen wunden Punkt», sagt Häring. «Doch wo ist er? Das Verfahren der Prüfung der Machbarkeit war sauber und transparent. Unsere Arbeit wurde auf 156 Seiten dokumentiert. Und den Mock-Up haben wir selber finanziert.»

Es hiess, das Projekt habe einen wunden Punkt. Doch, wo ist er?

(Quelle: Christoph Häring, Unternehmer)

Häring-Konstruktionen trifft man auf Schritt und Tritt. Die zwei Salzdome in Riburg. Die «Welle» am Bahnhof Bern. Eine Bushalle der AAGL in Liestal. Das Dach der U-Bahn-Station Canary Wharf in London, entworfen von Architekt Norman Foster. Alleine in der Schweiz beschäftigt das mittlerweile 140 Jahre alte Familienunternehmen rund 150 Mitarbeitende, sie sind in Muttenz, Eiken, Zürich und Burgdorf tätig. Doch Häring hat expandiert, vor allem nach Asien: ein Produktionswerk in China, Vertretungen in Hongkong und Singapur. Zu den Kunden zählen McDonald’s und der König von Bhutan.

Er kenne die Welt, sagt Häring. Er habe vier Jahre in Brasilien gearbeitet. Und als er 17 war, hätten ihn seine Eltern nach Kanada geschickt, mit einem One-Way-Ticket: «Sie sagten mir: ‹Das Geld für den Rückflug musst Du Dir selber verdienen!›» Chris, wie er sich nannte, gefiel es offenbar in Nordamerika. Nach einem Jahr hätten ihn die Eltern zurückbeordern müssen. Er sei an der ETH fürs Studium angemeldet, liessen sie ihn wissen: Bauingenieur. Ihm wäre Maschinenbau lieber gewesen. 1978 bat ihn sein Vater, in den Familienbetrieb, damals noch in Pratteln zu Hause, einzusteigen.

Jetzt sei die fünfte Generation daran, das Ruder zu übernehmen, sagt der dreifache Vater. Er hat sich ins Family-Office und in den Verwaltungsrat zurückgezogen.

Massgeschneidertes Produkt bestellen ist erlaubt

Häring kritisiert die Beschaffungsgesetze in der Schweiz. «Es muss doch der öffentlichen Hand möglich sein, solch ein ausstrahlendes und innovatives Produkt zu realisieren.» Isaac Reber gab in der Fragestunde der Landratssitzung vom 22. September zu verstehen, die Vergabe des Studienauftrags sei nicht zufällig an die Häring AG erfolgt: Sie verfüge «über die entsprechende Reputation sowie langjährige Erfahrung in der Erstellung von Holzbauten».

Eine Spezialanfertigung wie jene vom Konsortium Häring/Urb-X schlösse das Baselbieter Beschaffungsgesetz auch nicht aus. Paragraf 19 lässt freihändige Vergaben zu, wenn eine «Beschaffungsstelle Prototypen oder Erstanfertigungen» kauft, «die auf ihr Ersuchen hin» entwickelt werden, und zwar «für einen bestimmten Forschungs-, Versuchs-, Studien- oder Neuentwicklungsauftrag».

Der Vorwurf, den mehrere Landratsmitglieder äusserten, zielte in eine andere Richtung: Mit der Vergabe der Machbarkeitsstudie habe festgestanden, dass bei der späteren Ausschreibung Häring/Urb-X zum Handkuss gekommen wären. Was die Kritiker sagen wollten: Ein abgekartetes Spiel. Was auch mitschwang: die Kosten dem Staat – die Gewinne Privaten.

Häring sieht schwarz für den Westen

Für Häring liegt der Fehler im System. Das öffentliche Beschaffungswesen forciere Gleichmacherei. Dabei sei doch jeder Unternehmer bestrebt, ein einzigartiges, unvergleichliches Produkt anzubieten. Für die Gesellschaft springe aber auch etwas heraus, was man am Velohochbahn-Projekt gut aufzeigen könne: Jobs, Wertschöpfung, exportierbares Know-how.

Dann wird der Patron grundsätzlich. Einen «Umbruch in der Weltwirtschaft» sieht er aufkommen – mit dem Westen auf der Verliererseite: «Die Basisdemokratie ist zu langsam. Leider sind da andere Staatsformen schneller. Vor allem die asiatischen Weltgegenden laufen uns den Rang ab. Aber hier scheint das niemanden wirklich zu stören. Wir sind schon unglaublich bequem geworden.»

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