Pferde
Massgefertigte Sättel: Anna Miest weiss, was Pferde wollen

Anna Miest aus Wenslingen betreibt eine fast vergessene Kunst: Sie stellt Sättel nach Mass her, um Pferde vor unnötigem Leid zu bewahren. Dabei greift sie auf teilweise über 100 Jahr alte Fachliteratur zurück.

Gian Snozzi
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Altes Handwerk, neu entdeckt: Anna Miest überschreitet für die Sattlerei Grenzen.

Altes Handwerk, neu entdeckt: Anna Miest überschreitet für die Sattlerei Grenzen.

Nicole Nars-Zimmer

Der Besuch einer neuen Kundin steht an. Trotz des schlechten Wetters ist Anna Miest gut gelaunt. Die 30-jährige Baselbieterin, die mit allen per Du ist, trägt einen langen graublauen Mantel und schwere Wanderschuhe. «Nein, selber reite ich nicht», sagt sie, «denn Pferde sind nicht zum Reiten gemacht. Das entspricht nicht ihrer Natur. Wenn ich Sättel baue, betreibe ich Schadensbegrenzung.»

Natürlicherweise ziehen Pferde in kleinen Gruppen über karg bewachsene Ebenen. 16 Stunden am Tag fressen sie kurzes, faseriges Gras. Ihre Köpfe tragen sie die meiste Zeit nah am Boden und nicht in der erhobenen Position, die beim Reiten üblich ist. Sie sind bis ins hohe Alter lernfähig und wollen beschäftigt werden. «Davon ist die Realität oft weit entfernt», erklärt die Sattlerin, «23 Stunden isoliert in einer drei auf drei Meter grossen Box, hochkalorisches Futter, verabreicht in einzelnen Portionen und obendrein eine Stunde ineffizientes Training.»

Die Frau aus Wenslingen kennt die Folgen: «Normalerweise kommen Pferdehalter zu mir, weil sie denken, etwas stimme nicht mit ihrem Sattel.» Häufig läge darin aber nicht das einzige Problem. Pferde seien im Grunde nicht zum Tragen von Lasten auf dem Rücken gebaut. Deshalb reagieren sie empfindlich auf unprofessionelles Reiten. Zudem sei in der Schweiz wegen des begrenzten Raums und der hohen Kosten eine artgerechte Haltung praktisch nicht möglich.

Rückenpartie abtasten

Eine Stunde dauert die Fahrt in den Stall im Norden des Kantons Zürich. Die Kundin holt Boris, einen grossen Hannoveraner Wallach, aus dem Stall. Es ist die erste Begegnung von Pferd und Sattlerin. Miest streckt ihre Hand aus und lässt das Tier daran schnuppern. Dann tastet sie die Rückenpartie ab. Sie spürt den Muskeltonus und sucht nach schmerzhaften Punkten. Dabei erhält sie eine Vorstellung von der Form, die der Sattel später einmal haben soll. Boris’ braunes Fell ist an einigen Stellen ergraut: ein Anzeichen für vernarbte Wunden, die von Fehlbelastungen herrühren. Zur Erinnerung macht sie Fotos mit ihrem iPhone.

Miests Weg zur Sattlerin war verschlungen. Nach dem Gymnasium lernt sie Grafikerin und schliesst mit Auszeichnung ab. Danach studiert sie ein Jahr Kunstgeschichte und Germanistik an der Universität, «weil jeder in seinem Leben einmal ein Studium geschmissen haben sollte», wie sie selbst lachend zugibt. Was sie wirklich will, ist ein Handwerk. Deshalb lernt sie Sattlerin in einer Werkstatt für Geschirre, Sättel und antike Kutschen in Gossau. Nebenbei besucht sie Fortbildungen des Schweizerischen Verbandes für Tierphysiotherapie. Dort befasst sie sich mit der Biomechanik, Anatomie und dem Verhalten von Pferden. 2009 macht sich die gebürtige Baslerin selbstständig. Heute betreibt sie an der Hauptstrasse in Wenslingen ihre Werkstatt in der früheren Postfiliale.

Beinahe vergessene Techniken

Mit dem in der Lehre erworbenen Wissen gibt sie sich jedoch nicht zufrieden. Bei Rudolf Maurer, einem Sattler aus Unterkulm im Kanton Aargau, lernt sie, wie man Sättel mit beinahe in Vergessenheit geratenen Techniken herstellt. «Zu Beginn wurde Ruedi von vielen belächelt», erklärt Miest, «weil er einen Einmannbetrieb in einem winzigen Atelier führt und keine Meisterprüfung abgelegt hat.» Das Handwerk habe er sich weitgehend selber beigebracht. Jahrelang habe er Sättel auseinandergebaut und alte Fachbücher studiert. Heute werde die Qualität seiner Arbeit bewundert. Miest hält ihn für einen der Besten überhaupt.

Sättel werden meistens in Kleinserien produziert, mit vorgefertigten Sattelbäumen. Diese bilden das Gerüst – das eigentliche Herz der Sättel. Fast alle der ein bis zwei Dutzend einheimischen Betriebe beziehen dieses entscheidende Bauteil aus Fabrikproduktion. In diesem Fall besteht es entweder aus schichtverleimtem Holz und Stahlfedern oder aus einer gegossenen Kunststoffschale. Im Gegensatz dazu baut Miest ihre Sattelbäume selber aus fünf Millimeter dickem Rindsleder. Früher waren solche Lederbäume weitverbreitet. Als sich jedoch die billigere industrielle Fabrikation in der Zwischenkriegszeit durchsetzte, gerieten sie beinahe in Vergessenheit.

Auch die Ästhetik zählt

Dabei haben sie entscheidende Vorteile: Einerseits sind sie erheblich beweglicher als die starren Holz- und Kunststoffbäume. Anderseits können die Lederbaumsättel individuell dem Pferd und dem Reiter angepasst werden. Aber nicht nur die Bäume sind Handarbeit, sondern auch alles andere an Miests Sätteln. Die Herstellung der Kissen beispielsweise beruht ebenfalls auf einer wiederentdeckten alten Handwerkstechnik, kombiniert mit neuen Erkenntnissen.

Miest holt einen fertigen sogenannten spanischen Schulsattel hervor. Er besteht aus pflanzlich gegerbtem rotbraunem Rindsleder. «Ich bin auch Grafikerin. Deshalb ist mir neben der Passgenauigkeit auch die Ästhetik sehr wichtig. Klassisch und schnörkellos, ohne unnötige Zusätze wie Ziernieten, abgesteppte Muster und ausgefallene Farben sollen die Sättel sein. Jedes Detail arbeite ich so, dass es eine Makroaufnahme überleben würde.»

Eine neue Sattlergeneration

Obwohl selbst noch jung, ist Miest seit letztem Jahr mit der Ausbildung der neuen Sattlergeneration betraut. Einmal pro Woche lehrt sie am Berufsbildungszentrum Zofingen, wo sie für die 20 Auszubildenden der gesamten Deutschschweiz zuständig ist. Da es im neu geschaffenen Fachbereich noch keine modernen Lehrmittel gibt, schreibt sie diese gleich selber. Dafür studiert sie an den Wochenenden zeitgenössische Fachartikel, zum Teil aber auch über 100-jährige Literatur. Systematisch arbeitet sie Kapitel um Kapitel eines langen Inhaltsverzeichnisses ab.

Im letzten Jahr erlitt sie eine Sinusvenenthrombose, ein gefährliches Blutgerinnsel im Hirn. Eine Zeit lang musste sie deshalb kürzertreten, aber keine Sekunde habe sie daran gedacht, mit dem Sattlern aufzuhören. An jedem der Einzelstücke arbeitet sie mehr als 60 Stunden. Zwei oder drei Mal fährt sie auf Stallvisite, um direkt am Pferd den Fortgang der Arbeit zu prüfen. «Ein bisschen Stolz ist schon dabei, wenn ich einen Sattel fertigstelle», sagt Miest. Sie sei aber auch gespannt, ob alles so funktioniert, wie sie es sich vorgestellt habe. Reich werde man mit dabei nicht. Aber das war nie ihr Ziel. «Diese Arbeit macht mich glücklich. Wenn ich dabei Pferde vor unnötigem Schmerz bewahre, umso besser.»

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