Corona-Virus
Marktfahrer trifft die Pandemie besonders hart: «Für viele Schausteller ist das praktisch der Todesstoss»

Momentan werden Märkte trotz Erlaubnis abgesagt. Die Gemeinden scheuten den Aufwand, lautet der Vorwurf der Marktbetreiber.

Zara Zatti
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Der Warenmarkt in Laufen findet auch dieses Jahr statt, wenn auch in einem kleineren Umfang. Das ist nicht überall so.

Der Warenmarkt in Laufen findet auch dieses Jahr statt, wenn auch in einem kleineren Umfang. Das ist nicht überall so.

Heiner Leuthardt

Es ist ein düsteres Jahr für die Schweizer Marktfahrer. Die Corona-Pandemie trifft die bunte Branche besonders hart. Die Hauptsaison für Schausteller dauert von März bis November, in diesen Monaten verdienen die Kleinunternehmer das Geld zum Überleben. Abgesehen von den Weihnachtsmärkten ruht das Geschäft im Winter.

Dieses Jahr konnten viele Betreiber ihre Stände gar nicht erst aufbauen. Mitte März rief der Bundesrat den Shutdown aus, just zum Start der Saison. Zwei Monate später dann die frohe Botschaft: Ab dem 11. Mai sind alle Märkte wieder erlaubt. Wie sich herausstellen sollte, war das aber noch lange nicht das Ende des Tunnels.

Viele werden die nächste Saison nicht mehr erleben

Eine grosse Messe nach der anderen wurde abgesagt, diese Woche folgte die Herbstmesse in Basel. Die Absage ist für die Betroffenen eine Katastrophe: «Für viele Schausteller ist das praktisch der Todesstoss», sagt Nadine Waltzer, Co-Präsidentin der Sektion Nordwestschweiz des Schweizerischen Marktverbandes SMV. Gian Jonasch, Präsident der Sektion Nordwestschweiz, legt die harten Zahlen auf den Tisch: Bereits zehn Prozent der Standbetreiber in der Region hätten aufgeben müssen. Geht es mit den Absagen weiter, rechnet er mit bis zu 80 Prozent, die es nächstes Jahr nicht mehr geben wird.
Doch nicht nur die grossen Messen werden dieses Jahr nicht stattfinden, auch kleinere Märkte in der Region wurden abgesagt. So geschehen in Sissach.

Auch am Portiunkula Markt in Dornach werden Anfang August dieses Jahr keine Stände stehen. Für Gian Jonasch unverständlich: «Momentan finden grosse Demonstrationen statt und auch Clubbesuche sind erlaubt, aber ein Markt im Freien wird nicht durchgeführt». Zwar könnten die kleineren Märkte die Messen nicht ersetzten, «damit man aber überhaupt irgendwo arbeiten kann, sind wir momentan gerade auf diese angewiesen», sagt Jonasch. Seiner Meinung nach scheuen die Gemeinden den Mehraufwand.

Die Bereitschaft der Gemeinden ist unterschiedlich

Der Dornacher Gemeindepräsident Christian Schlatter gibt zu: «Der Aufwand für die Anpassungen wären exorbitant gewesen. Ausserdem hätte sich der Charakter derart verändert, dass sich der Gemeinderat schweren Herzens für eine Absage entschieden hat, nachdem wir einige Alternativen geprüft hatten.» Das Schutzkonzept des SMV sieht etwa vor, die Stände in einem grösseren Abstand aufzustellen oder Bodenmarkierungen anzubringen.

«Der Aufwand hält sich in Grenzen», findet hingegen Wolfgang Imhof, Marktchef in Reinach. Insgesamt habe er etwa 100 bis 120 Stunden zusätzlich leisten müssen. In Reinach haben in der Corona-Zeit bereits zwei Märkte stattgefunden, am 28. Juli ist sogar ein Extramarkt geplant. Imhof ist sich der schwierigen Situation bewusst: «Die Schausteller ruhen jetzt seit acht Monaten, die ersten Weihnachtsmärkte sind auch schon abgesagt. Da ist es schwer zu überleben».

Auch in Laufen wird es am 16. August einen Zusatzmarkt geben, erklärt Marktchefin Margot Borer. Wieso sie den Mehraufwand in Kauf nimmt: «Es ist jetzt wichtig, den Händlern einen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen». Normalerweise stehen in Laufen zwischen 80 und 120 Stände, am 2. Juni wurden sie auf 40 reduziert.

Diese Woche gab es dann einen kleinen Lichtblick für die Schausteller. Der Bundesrat gab am Mittwoch bekannt, dass er die Nothilfe für Selbstständige, wozu auch die Marktbetreiber zählen, bis Mitte September verlängert. Der SMV freut sich zwar über den Entscheid, damit sei das Problem aber noch lange nicht gelöst. «Die Gelder geben eine gewisse Überlebenssicherheit, dass man nicht verhungert. Die hohen Fixkosten werden damit aber nicht gedeckt», sagt SMV-Präsident Jürg Diriwächter. Die Gemeinden kann Diriwächter ein Stück weit verstehen: «Ich kann die Scheu vor dem Mehraufwand bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen. Die Gemeinden sind sich der Tragweite ihrer Entscheide aber nicht bewusst, es geht hier um Existenzen.»