Höhlenmensch
Leben wie die Hobbits: «Höhlen-Willy» und sein Reich im Wenslinger Wald

In jahrzehntelanger Arbeit hat sich Willy Nussbaum, den alle als «Höhlen-Willy» kennen, im Wald in Wenslingen sein Zuhause erschaffen.

Yannette Meshesha
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Höhlenmensch Höhlen-Willy
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Der Höhleneingang macht neugierig auf das Innere. Sabine Kuster
Die Küche ist gut ausgerüstet.

Höhlenmensch Höhlen-Willy

Yannette Meshesha

Grosse mit Plastik bedeckte Stapel von Holzscheiten säumen den schmalen Trampelpfad, der durch lichten Wald zu Willy Nussbaums Höhle hinunterführt. Mit kleinen, sicheren Schritten stapft der rüstige 80-Jährige voraus. «Das Holz da habe ich alles von diesem Abhang zusammengeräumt», sagt er und zeigt auf die steile Böschung, die dreissig Meter tief auf die Hauptstrasse zwischen Wenslingen und Tecknau geht. «Für die Gemeinden ist es zu aufwendig, hier zu holzen. Der Förster ist froh, wenn ich da ab und zu räume. Und ich kann das, was ich selber nicht brauche, verkaufen.»

Mit einem Sicherungsseil steige er dort hinunter und ziehe sich dann mit dem Holz wieder hoch. «Ich habe ja Zeit», sagt Höhlen-Willy, wie er in den umliegenden Gemeinden genannt wird.

Ein Ort zum Staunen

Das letzte Stück des Weges führt wieder bergauf und plötzlich findet man sich in einem Kindertraum wieder. Wohnen hier die Hobbits oder Robin Hood und Little John? Entlang einer bewachsenen Felswand führt der Weg weiter, vorbei an einem sonnigen Sitzplatz mit Tomatenstauden und eingetopften Kakteen, einem Goldfischteich mit Wasserfall und Seerosen. Dann ein in die Wand gebauter Geräteschuppen mit Holzlatten und Werkzeug.

Willy erklärt: «Da ist auch meine Holzpipeline. Durch dieses Rohr im Felsen kann ich von der Ebene oben das Holz hier herunterleiten, dann muss ich es nicht so weit tragen.» Rechts im kühlen Baumschatten steht ein selbst gebautes Cheminée aus Backsteinen zum Grillieren und ein grosser Tisch für Besuch. Hie und da blinzeln einem gebastelte oder in den Felsen gearbeitete Fantasiewesen zu.

Der Höhleneingang selber scheint mit der kleinen Treppe und den geschnitzten Holzfiguren eher in ein altes Haus als in eine Höhle zu führen. «Ich stelle noch schnell den Wasserfall an», sagt Willy und verschwindet in der Tür. Wenig später beginnt es rechts neben dem Eingang zu plätschern. Aus der Wand sprudelt Wasser über mehrere Vorsprünge und eingemeisselte Rinnen hinab in einen kleinen Teich. «Da habe ich eine Pumpe eingebaut, damit das Wasser wieder heraufgeleitet wird», erklärt Willy.

Ganz schön ausgetüftelt

Überhaupt verfügt der gutmütige Höhlenbewohner über erstaunliches handwerkliches Geschick und Ideenreichtum. Das wird spätestens beim Betreten der Höhle klar. Wer sich nackte Steinwände und eine karge Feuerstelle vorgestellt hat, dem fällt vor Überraschung und Staunen die Kinnlade herunter.

Der niedrige Raum ist komplett mit schönem Holz vertäfelt. Ein gemütliches Bett, Wandregale voller Bücher, Bilder und Reisesouvenirs, ein urchiger Holztisch mit altmodischer Hängelampe und ein gut ausgestattetes Weinregal geben einem das Gefühl, in einem Chalet in den Bergen zu sein.

Rechts eine Stube mit Sofa und Cheminée, hinten eine grosse Küche mit fliessendem Wasser und einem alten Eisenofen zum Kochen, Brotbacken und Heizen und einem «Naturkühlschrank». «Die Kälte des Felsens reicht, um dieses Schränkchen zu kühlen. Nur eine Lüftung musste ich einbauen, damit es nicht zu feucht wird.»

Durch den Vorratsraum voller selbst gemachter Konfitüre und selbst gebrautem Bier gelangt man in ein kleines Bad mit Einbaudusche und Waschbecken. «Das Meiste habe ich in der Mulde unten bei Grieder gefunden. Die Leute werfen ja alles Mögliche weg.» Willy sammelt für seinen Bedarf Regenwasser, aber auch Tropfwasser vom Felsen. «Das ist vom Stein so gereinigt, dass man es problemlos trinken kann.» Geheizt wird der Raum durch ein Röhrensystem. Hinter dem Cheminée in der Stube wärmt sich das Wasser auf und läuft dann durch Wände und Decke.

Ein Leben voller Geschichten

Die vielen Wandbehänge und Souvenirs in der Höhle erzählen Geschichten von abenteuerlichen Reisen. «Das ist die Säge von einem Schwerthai. Die habe ich aus Alaska mitgebracht», deutet Willy auf das gezackte, meterlange Ding an der Wand. «Und diese Sachen haben mir die Aborigines in Australien geschenkt, weil ich ihnen den Haifisch gegeben habe, den ich dort gefangen habe.» Er legt die mit eingeritzten Bildern überzogenen, getrockneten Baumfrüchte auf den Tisch zu den Landkarten und Fotos, die den jüngeren Höhlen-Willy mit Bart auf dem Velo in Norwegen oder beim Klettern im Bündnerland zeigen.

Geschichten und Erinnerungen blühen in Höhlen-Willy auf, von Frachtschiffen und Jugendherbergen, Rundreisen durch Australien und dem Übernachten unter freiem Himmel in Skandinavien.

«Ich habe vor etwa 50 Jahren hier angefangen», erzählt Willy. «Ich hatte meinen Job bei der Weinhandlung verloren und konnte meine Wohnung nicht mehr bezahlen.» Als er bei der Gemeinde um Unterstützung bat, riet man ihm spöttisch, er solle doch in einer Höhle wohnen gehen. «Das habe ich dann auch gemacht», lacht Willy verschmitzt.

«Ich habe mir einen Kreuzmeissel, Fusel und Sprengstoff gekauft und die Höhle in diese Felswand gesprengt. Damals hat das noch niemanden interessiert.» Vier Jahre lang lebte er in seiner Höhle, bis er sich dank einer neuen Anstellung zusätzlich ein Zimmer und später dann wieder eine Wohnung leisten konnte. «Ich gehe auch jetzt fast jeden Tag einmal in meiner Wohnung vorbei, aber die meiste Zeit bin ich hier. Im Winter bin ich manchmal auch zwei Wochen am Stück hier oben, weil es so gemütlich ist.»

Geschätzt und geduldet

Die Höhle sei schon immer sein Hobby gewesen. «Ich bin einfach nicht so wie die Anderen. Und ich wollte etwas haben, das sonst niemand hat.» Er geniesse es, hier seine Ruhe zu haben, lebe aber nicht abgeschieden. In den umliegenden Gemeinden, wo er auch gute Freunde hat, ist er bekannt und geschätzt.

«Ich bin gerne unter Leuten und habe auch manchmal Besuch hier.» Mit den Behörden gebe es nur wenig Konflikte. «Die Gemeinde ist froh, dass ich hier regelmässig den Wald räume und lässt mich darum in Ruhe wohnen.»

Nur wegen der Krankenkasse habe es einmal Ärger gegeben. «Ich habe mein Leben lang gearbeitet und alles ehrlich versteuert. Jetzt will ich in Ruhe gelassen werden.» Mit dem Geld sei er lieber auf Reisen gegangen, anstatt die Prämien zu bezahlen. «Manchmal mache ich gerne verbotene Sachen», grinst Willy verschmitzt. Nach einigem Hin und Her sei man mit der Krankenkasse auf eine günstige Lösung gekommen, mit der er sich abgefunden habe. «Jetzt wird es mir halt direkt von den Ergänzungsleistungen abgezogen.»

Ansonsten lebe er von der AHV und den Erträgen aus dem Holzverkauf. «Ich bin hier gut eingerichtet und alles hat seine Ordnung.» Baumaterial und Ähnliches bekomme er häufig von umliegenden Handwerksbetrieben, die froh seien, die Sachen loszuwerden. So komme er immer gut durch.

«Man muss sich zu helfen wissen und man muss einfach reden mit den Leuten», hält Willy fest. «Ich nehme nur, was ich brauchen kann und ich will niemandem etwas klauen.» Geduld ist für Willy essenziell. «Gut Ding will Weile haben», sagt er und schaut sich in seinem kleinen Reich zufrieden um.

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