LANDZUNGE UND STADTMUND
Warum Vorsicht nicht immer besser als Nachsicht ist

«Bereue lieber die Dinge, die Du getan hast, als jene, die Du nicht getan hast.»

Eva Oberli
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Die Vorsicht mag die Mutter der Porzellankiste sein, eine gute Geschichtenerzählerin ist sie aber nicht.

Die Vorsicht mag die Mutter der Porzellankiste sein, eine gute Geschichtenerzählerin ist sie aber nicht.

Bild: AZM Archiv

Bei manchen Dingen bin ich richtig froh, dass ich sie nie wieder in meinem ganzen Leben tun muss. Den Führerschein machen, zum Beispiel.

Wann immer ich einen zaghaft vorwärts rollenden Pkw mit einem blauen L, einem hoch konzentrierten 18-Jährigen am Steuer und einer hysterisch gestikulierenden Frau, wahlweise Fahrlehrerin oder Mutter, daneben sitzen sehe – man, tun mir die leid! Und zwar alle Beteiligten. Das bräuchte ich nicht noch einmal, diese ganze Farce mit Theorie lernen, Fahrstunden, Nothelferkurs, Verkehrskunde, Prüfungsfahrt, Führerausweis auf Probe und nochmal Wiederholungskurs – ne, echt nicht.

Ich drehe dann aus Rücksicht die Musik runter, folge dem Wagen mit doppeltem Sicherheitsabstand, sehe, wie vor dem Abbiegen anstelle des Blinkers die Scheibenwischer angehen, und denke mir «Ach je, Liebes, VKU und Schleuderkurs kommen erst noch.»

Enttäuschungen in der Stadt der Liebe

Bei manchen Dingen frage ich mich auch, ob ich sie überhaupt noch mal tun würde. Jetzt, wo ich weiss, wie es endet. Fahrradfahren lernen, ja – trotz der Schürfwunden. Fremdsprachen lernen auch, trotz der vielen Vocis, und auch Autofahren würde ich nochmals lernen – trotz allem.

Aber es gibt Städte, die würde ich nicht mehr besuchen. Paris zum Beispiel. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich vor drei Jahren das erste und wohl auch letzte Mal da war. Völlig begeistert war ich, dass man die französische Hauptstadt von Basel aus in nur drei Stunden mit dem Zug erreicht. All die Klischees, Filmszenen und Schwärmereien über die Stadt der Liebe hatte ich im Kopf. Ich war so was von bereit, an der Champs-Élysées in ein Croissant zu beissen, andächtig durch den Louvre zu schreiten und mich vom Charme dieser ach so zauberhaften Stadt vollends einnehmen zu lassen.

Und dann stand ich da. An der schmutzig-grauen Seine, neben der damals noch nicht halb abgebrannten Notre-Dame. Umgeben von gestressten Touristen und gereizten Einwohnern, mit Blick auf den Eiffelturm und dem allgegenwärtigen Gestank von Urin in der Nase und dachte mir nur: «Wow. Was für eine völlig überglorifizierte, trügerische Drecksstadt. Je n’y crois pas

Knieverletzungen und was diese uns lehren wollen

Hinterher ist man bekanntlich immer schlauer. Aber vorher unwissend zu sein, ist dennoch mehr Segen als Fluch. Mir wäre schon ziemlich viel durch die Lappen gegangen, hätte ich von vorne herein die Folgen gekannt und deswegen auf gewisse Dinge verzichtet.

Vermutlich hätte ich damals bei dieser Hundsverlochete in Hellikon auch nicht in hohen Schuhen die Sprossenwand erklommen, hätte ich gewusst, dass ich ein angerissenes Meniskusgewebe davontragen würde.

Ich wäre wohl, in dem Fall tragischerweise, gar nicht erst hingegangen. Denn bis zu dem Moment, als mein Absatz zwischen zwei Holmen hängen blieb und mein rechtes Knie daraufhin ein Geräusch von sich gab wie eine gebratene Wachtel, der man den Schenkel aus der Gelenkpfanne dreht – bis dahin war es wirklich ein toller Abend gewesen. Und eigentlich auch danach noch. Zwar konnte ich da nicht mehr richtig auftreten, aber das ist nicht so wichtig wie die Moral von der Geschichte:

«Menisken heilen und bei jeder Scheisse, die passiert, hat man hinterher mindestens eine gute Geschichte zu erzählen.»