Landzunge und Stadtmund
Der Berg ruft und ich gebe Echo

Für mich waren Berge immer so was wie der Mond. Ich sehe sie mir sehr gerne aus der Ferne an, aber in dem zerklüfteten Gebiet wohnen wollen möchte ich dann doch nicht. Für mich ist es daher ziemlich praktisch in der Schweiz zu leben, wo ein Besuch in den Bergen in einem Tagesausflug abgehandelt werden kann.

Eva Oberli
Eva Oberli
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Einmal die Schweizer Alpen sehen, das ist für Menschen aus der ganzen Welt ein Grund, in dieses Land zu reisen. Verständlich, denn sei es im Berner Oberland oder im Taminatal, diese gewaltigen Gesteinsformationen machen ganz schön etwas her. Erst recht, wenn noch ein Häubchen aus glitzerndem Firnschnee oben drauf liegt, oder ein Gipfelkreuz auf dem Grat steckt, dass sich im Morgenrot gegen das glühende Firmament abhebt. Da verstehe ich jeden Hobbyfotografen, der bei klirrender Kälte im Zelt auf dem Pilatus übernachtet, um dieses Naturschauspiel einzufangen.

Aber aller Imposanz und majestätischer Erhabenheit zum Trotz, denke ich beim Anblick von Bergen auch immer direkt an schroffe Felsen, an Gerölllawinen, Steinschlag und dünne Luft. Das kann daran liegen, dass ich viel zu früh in meinem Leben den Film «Nordwand» gesehen habe. Tagelang trug ich die Bilder des erfroren im Seil hängenden Toni Kurz und die Todesschreie des abstürzenden Andreas Hinterstoisser mit mir herum und empfand für eine geraume Zeit alles oberhalb der Baumgrenze als relativ unsympathisch.

Das Fernweh nach luftiger Höhe

Doch in letzter Zeit überkommt mich immer öfter die Wanderlust. Dann will ich mir ein Karohemd und festes Schuhwerk anziehen, Lichtschutzfaktor 50 auftragen und alles einpacken, was man für einen Ausflug in die Berge noch so braucht: ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm. Und dann ab ins Gebirge, nach weiss-rot-weissen Signalisierungen und Steinböcken Ausschau halten.

Je mehr ich mich mit Höhenwanderwegen, Panorama-Rundgängen und SAC-Hütten auseinandersetze, umso mehr fällt mir auf, wie erschreckend wenig Ahnung ich von Bergen im Allgemeinen und den Landeseigenen im Besonderen hab. Nebst den Klassikern Matterhorn, Dufourspitze und dem Grindelwalder Trio kenne ich nur noch den Säntis und ein paar Hörner vom Skifahren. Und den Niesen, klar.

Aber einen Berg, der sich den Namen mit dem Vorgang teilt, bei dem infolge einer Reizung der Nasenschleimhaut ruckartig Luft mit einem lauten Geräusch durch Nase und Mund ausgestossen wird, kann ich nicht ernst nehmen.

Auch dann nicht, wenn er Mantel und Degen umhat. Finsteraarhorn und Schreckhorn machen da namentlich schon einen besseren Job. Die kannte ich von klein auf, weil man die Gipfel bei klarem Wetter von uns zu Hause sehen kann. Was nicht bedeutet, dass die beiden unsere Hausberge sind, wie ich Jahre später im Geografieunterricht erfahren musste.

Aber machen wir uns nichts vor, um die 4000er der Alpenkette zu bezwingen, fehlen mir sowohl die passende Ausrüstung als auch die alpinistische Erfahrung. Und es muss ja nicht gleich die «Mordwand» sein, für den Anfang reicht auch die Lauchflue.