Gelterkinden
Konzertchor Oberbaselbiet lässt untergegangene Kaffeehauskultur aufleben

Im Café Schiesser in Basel verrät Marco Beltrani, dass er selbst keinen Kaffee trinkt. «Für mich ist ein Café vor allem ein Ort, wo man sich trifft», sagt der neue, erst 26-jährige Dirigent des Konzertchors Oberbaselbiet.

Thomas Brunnschweiler
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Dirigent Marco Beltrani mag Kaffeehäuser – dort trinkt er aber, wie hier im Basler Café Schiesser, keinen Kaffee, sondern Tee.

Dirigent Marco Beltrani mag Kaffeehäuser – dort trinkt er aber, wie hier im Basler Café Schiesser, keinen Kaffee, sondern Tee.

Martin Töngi

Offenbar fasziniert ihn aber das Thema «Kaffeehaus» doch so stark, dass er sein neues Programm «Alles Kaffee oder was?» aus musikalischen Werken über Kaffee und Gebäck zusammengestellt hat. «Im ‹Marabu› in Gelterkinden gibt es Tischchen und Stühle, wo man vor dem Konzert zu Barpiano-Klängen Kaffee und Kuchen geniessen kann», sagt er.

Wer an Kaffeehäuser denkt, dem fallen sofort diejenigen in Wien ein. Sie sind so legendär, dass sie seit 2011 sogar Teil des immateriellen Kulturerbes der Unesco sind. Vor allem am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Wiener Kaffeehäuser Treffpunkte für Literaten, Künstler und Musiker.

Im Vergleich mit der Fülle an Kaffeezubereitungsarten in Wien – es sollen an die 50 sein – wirkt die Schweizer Kaffeekultur geradezu armselig. Aber auch in Basel gab und gibt es Cafés mit Cachet und Tradition, etwa das Grand Café Huguenin am Barfi oder das Café Schiesser am Marktplatz.

Kein Traditionscafé im Baselbiet

Dagegen existiert das Café Pellmont an der Freien Strasse nicht mehr. Dort komponierte einst der junge Paul Sacher im ersten Stock und studierte Partituren. Sachers waren Nachbarn und Freunde der Pellmonts. Anna Sacher half sogar im beliebten Café aus, das nach Konzerten ein Treffpunkt für die Kulturbeflissenen war. Im Baselbiet gibt es keine vergleichbaren traditionellen Cafés. Erwähnenswert ist jedoch das Café Mühleisen in Liestal, das seit einiger Zeit Plattform für zahlreiche kulturelle Events ist.

Kaum ein Kapitel der Kulturgeschichte ist so spannend wie die Geschichte des Kaffees und des Kaffeehauses. Seit Hirten – so will es die Legende – im Königreich Kaffa per Zufall die Wirkung der roten Früchte entdeckten, sind weltweit unzählige Tassen Kaffee getrunken worden. Im 14. Jahrhundert gelangte der Kaffee aus Äthiopien nach Arabien, wo das heutige al-Mukha im Jemen noch immer an das Wort «Mokka» erinnert. Über die Türkei kam der Kaffee nach Europa.

Schon vor Deutschland und Österreich verfügten Venedig, London und Paris im 17. Jahrhundert über Kaffeehäuser. Das erste deutsche Kaffeehaus stand 1673 in Bremen, und in Wien eröffnete 1685 ein Armenier das erste Lokal.

Wetter, Weltlage und Wirtschaft

Eine grosse Bedeutung hatten die Institutionen bei der Entstehung einer aufgeklärten bürgerlichen Gesellschaft – was eigentlich paradox ist, weil der Kaffee meist von Sklaven gepflückt wurde. In den Kaffeehäusern wurde – am frühesten in England – der Standesdünkel überwunden, weil Adlige und Lohnkutscher am selben Tisch sassen und über Wetter, Weltlage und Wirtschaftsprobleme sprachen. Hier konnte sich gemäss der Studien der Sozialwissenschafter Jürgen Habermas und Richard Sennett eine bürgerliche Öffentlichkeit etablieren, und hier wurden die Ideen der Aufklärung diskutiert.

Weniger bekannt ist die Tatsache, dass Kaffeehäuser auch die Geburtsorte des Post- und Versicherungswesens waren. Der Versicherer Lloyd’s etwa begann im gleichnamigen Kaffeehaus in London.

Das in der Türkei noch bis ins 19. Jahrhundert bekämpfte Kaffeetrinken brachte dem Westen durch den «nüchternen Rausch» des Kaffeegenusses, wie Voltaire es ausdrückte, buchstäblich mehr Wachheit, Arbeitslust und Effizienz.

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