«Jöö»
Hermeline im Baselbiet – So süss, dass auch andere Arten etwas davon haben

Eine Reinacher Firma fördert Hermeline im Unterbaselbiet – davon profitieren auch andere Tierarten.

Michel Ecklin
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Diesen Hermelin konnte die Solidago bei einem Asthaufen fotografieren, den ihre Mitarbeiter bei Therwil erstellt hatten.

Diesen Hermelin konnte die Solidago bei einem Asthaufen fotografieren, den ihre Mitarbeiter bei Therwil erstellt hatten.

René Bürgisser

Niemand widersteht dem Hermelin. Nicht nur Tierfreunde werden schwach, wenn das pelzige Tierchen seinen länglichen Körper elegant durchs Gelände schlängelt, das Männchen macht und mit den dunklen Augen die Landschaft nach Beute absucht. Das fand auch Andy Schären, als er in seinem Garten im Therwiler Rebberg eines dieser seltenen Wesen auf einem Steinhaufen herumturnen sah.

Schären ist Geschäftsführer von Solidago Naturschutz GmbH, einer gemeinnützigen Firma, die unter anderem Wiedereingliederungsprogramme anbietet. Und er beschloss kurzerhand, ein Projekt zu lancieren, damit das Hermelin wieder häufiger in der Region zu sehen ist. In den Fokus nahm er die Gemeinden Therwil, Reinach, Aesch und Ettingen. «Wir wissen sehr gut, was das Hermelin braucht», sagt er. Das seien nur zwei Dinge: Erstens viele Mäuse, weil das Raubtier sich davon ernährt; und zweitens die Möglichkeit, sich zu verstecken – denn das tagesaktive Hermelin lebt nicht im Wald und braucht deshalb eine möglichst vielfältige, kleinräumige Landschaft.

Wechselnde Fellfarbe

Das Hermelin (Mustela erminea) kommt in allen gemässigten Zonen der Nordhalbkugel vor. Seine Grösse variiert je nach Lebensraum. Bei uns im Tiefland sind die Tiere ungefähr 30 Zentimeter lang – falls es sie überhaupt noch gibt. Denn früher wurden sie wegen ihres Pelzes gejagt, heute finden sie in ausgeräumten Landschaften kaum Rückzugsmöglichkeiten mehr. Auffallend ist ihre wechselnde Fellfarbe. Im Winter sind sie ganz weiss, im Sommer ist ihr Rücken braun.

Überwältigendes Echo

Eine Viertelmillion Franken für fünf Jahre kriegte Schärlen für sein Projekt zusammen. 90 Prozent davon kamen von Stiftungen, die vier Gemeinden gaben Anschubfinanzierungen. Und so sprachen Schären und seine Mitarbeiter ab 2015 die Landbesitzer an, ob sie bereit wären, auf ihren Arealen Stein- und Asthaufen erstellen zu lassen. Zudem sollten sie hohes Gras und Hecken wachsen lassen, um den Hermelinen Schutz zu bieten. Oder wie Pro Natura schreibt: «Für das Hermelin ist die Welt dort in Ordnung, wo etwas ‹Unordnung› herrscht.»

Das Echo war überwältigend, Solidago konnte zahlreiche Stein- und Asthaufen erstellen. Insbesondere die Bauern freuen sich über die neuen Raubtiere, stellt Schären fest. «Hermeline sind für die Landwirtschaft wertvoll, weil sie effiziente Mäusejäger sind», sagt denn auch Lukas Kilcher, Leiter des Landwirtschaftlichen Zentrums Ebenrain. Die Massnahmen zu ihren Gunsten würden zwar Platz beanspruchen. «Aber Bauern, die den Hermelinen diesen Platz zur Verfügung stellen, können vom Nutzen der Hermeline profitieren.» In der Innerschweiz gehen die Bauern sogar so weit, dass sie ihre Hauskatzen durch Hermeline ersetzen wollen, weil diese Mäuse besser fangen.

Hermeline jagen fast nur Mäuse, manchmal auch Kaninchen. Vögel fressen sie hingegen selten, Reptilien und Amphibien fast nie. Deshalb geniessen sie bei Naturschützern einen anderen Stellenwert als Katzen. Pro Natura Schweiz hat die Art sogar zum «Tier des Jahres 2018» ernannt. Aber auch von Privaten bekam Schärlen fast nur positive Reaktionen, dank dem «Jöö-Effekt», die Hermeline unweigerlich erzeugen. «Mit Kröten wäre das sicher anders gewesen», sagt er. «Der Hermelin geht auch nicht an die Kabel von Autos, wie das Marder tun.»

Deshalb setzt seine Firma den pelzigen Jäger bewusst als «Schirm-Art» ein, wie er es nennt. Die herzigen Tiere motivierten die Bevölkerung, sich für Naturschutz einzusetzen. Von den Massnahmen wie Ast- und Steinhaufen könnten dann auch zahlreiche andere Arten profitieren, etwa Igel, Eidechsen und Insekten. Das erklärt, warum Schären sein Projekt in der Agglomeration durchführt. Im weniger dicht besiedelten Oberbaselbiet könnte er vielleicht mit weniger Aufwand mehr Exemplare anlocken. Doch es würden weniger Menschen mit Umweg über diese Tierart für Naturschutz begeistert. Zudem seien landwirtschaftlich genutzte Flächen oft zu ausgeräumt. «Der Therwiler Rebberg ist klein strukturiert und deshalb ideal für Hermeline», sagt er.

Mutter soll bleiben

Noch zwei Jahre läuft das Projekt der Firma Solidago, und Schären ist jetzt schon überzeugt: Es ist ein Erfolg. Quantifizieren kann er das allerdings nicht, weil Hermeline sehr mobil sind und grosse Reviere haben. Und zu seinem Bedauern wird das Projekt mangels Interesse der regionalen Biologen nicht wissenschaftlich begleitet. Doch letzes Jahr habe er ein Muttertier mit Kleinen gesichtet. «Hermeline fühlen sich hier offensichtlich wohl», folgert er daraus. Seine Hoffnung ist jetzt, dass eine Mutter ihren Nachwuchs dauerhaft an einem Haufen grosszieht, den Solidago erstellt hat.

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