Ormalingen
Grosse Nachfrage: Dieser Bauernbetrieb hat sich radikal umgestellt – und baut nun Bio-Kirschen an

Die Familie Itin hat ihren Hof in Ormalingen auf Bio-Betrieb umgestellt und gleich in eine teure Kirschenanlage investiert.

Andreas Hirsbrunner
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Drei Generationen, eine Passion für Kirschen (von links): Die Brüder Marcel und Roman, ihr Grossvater Werner und ihr Vater Andreas Itin.

Drei Generationen, eine Passion für Kirschen (von links): Die Brüder Marcel und Roman, ihr Grossvater Werner und ihr Vater Andreas Itin.

Kenneth Nars

Vor 20 Jahren überlegte sich Andreas Itin (57) erstmals, seinen mittlerweile 35 Hektaren grossen Bauernbetrieb mitten in Ormalingen auf Bio umzustellen. Von seinen zwei Standbeinen Milchwirtschaft und Ackerbau her hätte er es gewagt, nicht aber beim Obstbau. Weil es aber das Label, die Bio-Knospe, nur gibt, wenn der ganze Betrieb umgestellt wird, liess er die Idee wieder fallen. Itin: «Bio und Kirschen, das schloss sich damals für mich aus.» Heute ist alles anders. Seit 2017 betreiben Itin und seine beiden Söhne Roman (34) und Marcel (32) den Hof nach den Bio-Richtlinien; nach der obligatorischen Umstellungszeit von zwei Jahren erhalten Itins per Anfang 2019 das Knospen-Label.

Zum Gesinnungswandel haben verschiedene Aspekte beigetragen. Vater Itin erzählt: «Wir hatten vor zwei Jahren bei einer Bio-Obstbautagung beim Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL einen sehr guten Eindruck. Wir sahen, dass andere mit weniger Wissen im Kirschanbau die Umstellung schafften und kamen zum Schluss, dass das mit unserem Know-how auch gelingen sollte.» Dazu kam, dass sich Marcel Itin, der den Hof in nächster Zeit von seinem Vater übernimmt, in den biologischen Pflanzenschutz hineinkniete. Er meint dazu: «Das ist sehr anspruchsvoll. Und man muss als Bio-Obstbauer die Krankheiten und Schädlinge bei den Früchten besser kennen, denn die Biomittel wirken schwächer und sie müssen deshalb noch gezielter eingesetzt werden.»

Gefragte Bio-Kirschen

Etwas vom Schwierigsten sei die Bekämpfung der Blattläuse, hier gebe es bei Jungbäumen «null Toleranz», sagt Marcel Itin. Der Ebenrain biete aber «sehr gute» Unterstützung und der Erfahrungsaustausch unter den Steinobstbauern sei gross. Der Jungbauer steht morgens schon mal um vier Uhr auf, um den optimalen Termin für die Behandlung seiner Obstbäume zu erwischen.

Wenn Bauern ihre Zukunft planen, suchen sie nach erfolgversprechenden Nischen. Wo könnten diese liegen? Die bz stellt in einer vierteiligen Serie Beispiele vor. Bisher erschienen:

- Interview mit Ebenrain-Chef Lukas Kilcher (18. Juli)

- Micro Leaves – die Pflanzen im Keimstadium (23. Juli)

Beim Umstellungsentscheid der Itins spielte aber noch etwas anderes mit. Dazu Andreas Itin: «Bei Bio-Kirschen ist die Nachfrage grösser als das Angebot. Deshalb gab es auch in diesem Jahr mit sehr vielen Kirschen bei den Bio-Früchten keinen Annahmestopp.» Und natürlich zahlen die Abnehmer für Bio-Kirschen einen höheren Preis als für konventionelle. Also investierten Itins letztes Jahr in eine zweite Kirschenanlage. Sie rammten auf einer Hektare 550 Betonpfähle in den Boden, verspannten zahlreiche Drähte und setzten – allen voran der 90-jährige Werner Itin – 818 kleine Kirschbäume diverser Frühsorten wie Merchant und Burlat, aber auch spätere wie Kordia und Regina. Im kommenden Herbst folgt die Montage der Plastikdächer und Insektennetze. Letztere sind so etwas wie die Lebensversicherung der Kirschen gegen die gefürchtete Kirschessigfliege.

Das Ganze kostet knapp 160 000 Franken. Der Kanton respektive der Ebenrain leistet über das Programm Spezialkulturen einen Investitionsbeitrag von einem Drittel daran. Zu dieser Starthilfe sagt Andreas Itin: «Ohne diesen Beitrag hätten wir unseren Investitionsentscheid nach dem letztjährigen Frostjahr hinausgeschoben, weil uns das Geld fehlte.»

Im nächsten Jahr erwarten Itins den ersten kleinen Kirschenertrag in der neuen Anlage, ab 2021 eine Vollernte. Nebst dem anspruchsvolleren Pflanzenschutz zählt Andreas Itin auch die längere Abdeckzeit zum erhöhten Risiko des Bio-Tafelkirschenanbaus. Um den Pilzbefall als Folge von grosser Nässe zu minimieren, würden die Plastikdächer bereits während der Blütezeit über die Bäume gespannt. Doch in der ersten Aprilhälfte sei das Risiko von Schneefall relativ gross und schwerer Schnee würde die Plastikdächer kaputtmachen.

Coop und Migros in der Pflicht

Der Obstbau ist eines von vier etwa gleichwertigen Standbeinen von Itins Betrieb. Dazu zählen nebst der neuen Kirschen-Anlage eine bestehende über 70 Aren, eine Apfel-Anlage über 100 und eine Zwetschgen-Anlage über 50 Aren sowie 300 Hochstammbäume. Die weiteren drei Standbeine sind die 50 Milchkühe inklusive Ackerbau, der Direktverkauf sowie das Betreiben einer Biogasanlage und die Stromproduktion auf dem Stalldach mittels Solarzellen. Den Direktverkauf, einquartiert in einem ehemaligen Stall neben dem Wohnhaus an der Ormalinger Hauptstrasse, managt Andreas Itins Frau Helen. Angeboten werden frische Hofprodukte wie Früchte und Gemüse sowie Verarbeitetes von Konfitüre über Schnäpse bis hin zu Dörrfrüchten.

Und die Biogasanlage in Ormalingen, in der Gülle, Pferdemist und Grüngut in Strom, Wärme und Flüssignährstoff umgewandelt werden, betreiben die Itins im Auftrag der Biopower Nordwestschweiz in einem 50-Prozent-Pensum. Das alles schaffen sie mit sechs Personen: Vater, Mutter, zwei Söhne und je nach Saison zwei Polinnen.

Die Itins sehen dank ihrem diversifizierten Betrieb positiv in die Zukunft. Andreas Itin sagt aber auch im Zusammenhang mit seiner nicht ganz risikolosen Investition in die neue Bio-Kirschenanlage: «Das Früchteangebot der Grossverteiler ist riesig. Damit unsere einheimischen Früchte langfristig eine Chance haben, braucht es auch das Engagement von Coop und Migros für Schweizer Früchte.»

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