Der Landbasler
Frühherbst auf einem Landfriedhof

Der Landbasler versucht sich in wehmütigen Gedanken.

Thomas Schweizer*
Thomas Schweizer*
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Ein Grabstein soll Symbol für das Leben, nicht für den Tod des Verstorbenen sein.

Ein Grabstein soll Symbol für das Leben, nicht für den Tod des Verstorbenen sein.

Oliver Menge

Bin ich bereits im Winter meines Lebens angelangt, oder erweist mir die Schöpfung noch die Gunst weiterer heller Tage? Herbst ist es auf jeden Fall geworden und der Leichtsinn und das Leuchten früherer Zeiten sind dahin. Ich kann der Welt nicht ausweichen. Derlei Gedanken beschäftigen mich auf der Fahrt hinauf zur Kirche St. Blasius. Sie steht hoch über Ziefen und bietet einen schönen Ausblick über das Dorf und das Föiflibertal. Hier hatte der
legendäre Pfarrer Philipp Alder während Jahrzehnten gewirkt. Jonas Breitenstein wiederum, der spätere Pfarrer in Binningen und erste Baselbieter Mundartdichter, wuchs in Ziefen auf. Eine Gedenktafel, kürzlich an seinem Geburtshaus angebracht, erinnert an ihn. Einige Fresken in der Kirche aus dem Jahr 1936 gehen hingegen auf Alders Impulse zurück.

Neben dem Gotteshaus steht ein stattliches Anwesen, in dem früher der Pförtner gewohnt hatte. An der Südwand ist ein Rebstock herangewachsen. Jetzt hängt er voller Trauben, die zur letzten Reife drängen. Wir sind im frühen September, und der Sommer putzt sich noch einmal heraus, luftig, bunt und mit beschwingter Heiterkeit. Ich wende mich zuerst dem Friedhof zu. Vor ein paar Jahren haben wir hier eine meiner Schulkameradinnen zu Grabe getragen. Margrit und ich sassen acht Jahre lang in der gleichen Klasse. Sie hatte früh geheiratet, war aus dem Dorf weggezogen und hatte mit ihrem Mann während Jahrzehnten als tüchtige Bäuerin einen Hof ob Ziefen bewirtschaftet.

Wie erschrecke ich aber beim Lesen des Todesjahres, das auf dem Grabstein steht. Margrit ist bereits vor 14 Jahren verstorben. Für Momente vibriert die Zeit, diese unerbittliche Künderin des steten Wandels. Ungerührt treibt sie mich voran und mahnt mich immer wieder an die eigene Vergänglichkeit. Das stimmt mich nachdenklich und heiter zugleich. Gottlob ist die alte Weggefährtin, die Melancholie, auch diesmal wieder treu an meiner Seite. Sie weckt Erinnerungen an früher und gibt mir neue Einsichten und Gefühle. Das lässt mich die Absurditäten des Lebens besser ertragen. Wenn noch der Humor dazukommt, wie er etwa in Breitensteins idyllischen Geschichten immer wieder herrlich aufleuchtet, kann ich versöhnlich der Fatalität und der Zerbrechlichkeit des Daseins begegnen. Humor schafft Distanz zu Widerwärtigkeiten und Kümmernissen.

Der Wind frischt auf und streicht jetzt über die Gräber und durch die Bäume. Bald werden sich die Blätter lösen und sanft zu Boden gleiten. « Les feuilles mortes» nennt man sie im Französischen. Tot werden sie am Boden liegen. Aber sie gehören zur Natur, und so spricht das Goethe-Gedicht «Selige Sehnsucht» (aus dem «West-östlichen Divan») vom «Stirb und werde». Eine Sehnsucht, die zur Vollendung kommen will. Es ist die Suche nach dem Ankommen. Auf dem Weg dorthin freue ich mich an kleinen Dingen und grossen Ereignissen. Bald beginnt im Baselbiet die Traubenlese wieder. Das Lächeln eines Spätsommertages verführt mich zur Lebensfreude beim Gedanken an kommende Wein- und Lesefeste.

Thomas Schweizer ist ein ehemaliger Lehrer am Basler Gymnasium Bäumlihof und heute als Buchautor und Literat tätig. Er lebt in Füllinsdorf.