Liestal
Fraumattquartier in Liestal: Lärm und Abfall waren einmal

Das einstige Liestaler «Ghetto» ist aufgewertet worden und kommt heute gepflegt daher. Die Bewohner fühlen sich wohl und es gibt ein aktives Quartiersleben. Dennoch ist es ein Ausnahmequartier.

Andreas Hirsbrunner
Drucken
Teilen
Das Fraumattquartier wirkt mit seinen sanierten Häusern und dem umgebenden Grün schon fast adrett.

Das Fraumattquartier wirkt mit seinen sanierten Häusern und dem umgebenden Grün schon fast adrett.

Kenneth Nars

Von «Problemquartier», ja sogar von «Ghetto» war schon die Rede. Doch davon ist an diesem Samstagnachmittag im Liestaler Fraumattquartier nichts auszumachen: Akustisch dominieren wie fast überall im Land an sonnigen Samstagen die Motorrasenmäher, visuell die überwiegend gepflegt wirkenden Mehrfamilienhäuser mit ihren Rabatten. Auf dem verkehrsberuhigten Kesselweg spielt eine Handvoll Kinder, an einem schattigen Plätzchen halten vier Rentner ein Schwätzchen – ein Bild, das sich kaum von jenem anderer Schweizer Quartiere unterscheidet.

Oder vielleicht doch? In einem Hauseingang verschwindet eine ältere, bunt gekleidete Frau mit Kopftuch, im Quartierladen steht ein Regal mit balkanischen Spezialitäten, auf dem Spielplatz schaukeln zwei ältere türkische Männer mit einem kleinen Knaben auf dem Schoss und plaudern, ein mazedonisches Ehepaar schaut seinen Kindern beim Gigampfen zu. Er fühle sich wohl hier, sagt der Mazedonier um die dreissig, der seit 14 Jahren im Quartier wohnt. Das einzige, was besser sein könnte: «Die Kinder sollten auf dem Spielplatz wieder Fussball spielen dürfen.»

Kein Durchschnittsquartier

Die Zahlen der Stadt Liestal bestätigen den zweiten Eindruck – das Fraumattquartier ist kein normales Quartier: Im Geviert Fraumattstrasse–Kesselweg–Weiermattstrasse sind 51,7 Prozent der Bevölkerung Ausländer, Tendenz konstant. Und ein Viertel der rund 2000 Bewohner ist jünger als 20 Jahre. Für ganz Liestal belaufen sich die entsprechenden Zahlen auf 24 Prozent Ausländeranteil respektive ein Fünftel Junge.

Ähnlich wie auf dem Spielplatz tönt es auch im fünften Stock eines nahen Wohnblocks, wo das Ehepaar Erich (66) und Paula (67) Joho seit 40 Jahren wohnt: «Uns ist wohl hier. Wenn das Quartier so schlecht wäre wie in den Medien dargestellt, wären wir schon längstens weggezogen», sagt Erich Joho. Eigentlich sei die Wohnlage perfekt: der Bus zum Liestaler Bahnhof und ins Zentrum von Basel praktisch vor der Haustüre, das Einkaufszentrum Schönthal in Fussdistanz und die Ergolz mit ihrem grünen Uferstreifen unmittelbar vor der Wohnung. Positiv sei auch, dass sich das Viertel von einem Schlafquartier in den 70er-Jahren in ein lebendiges Quartier entwickelt habe. Natürlich sei der Ausländeranteil hoch – im Wohnblock von Johos sind fünf von zwölf Parteien Schweizer –; aber das mache keine Probleme. Und grinsend fügt Erich Joho bei: «Wir sind schliesslich auch Ausländer, denn wir sind aus dem Kanton Zürich zugezogen.»

Einzelne Quartierecken erinnern an frühere Zeiten; hier schimmert auch die Sprachenvielfalt durch.

Einzelne Quartierecken erinnern an frühere Zeiten; hier schimmert auch die Sprachenvielfalt durch.

Martin Töngi

Aktives Quartierleben

Grund für Johos Wohnortswahl waren ihre Kinder: Im Fraumatt hätten sie viele Spielkameraden und einen kurzen Schulweg gehabt. Auch der Kontakt unter den Quartierbewohnern, ob Ausländer oder Schweizer, sei gut, sagt Erich Joho, der sich aktiv ins Quartierleben eingibt. Heute würden selbst Türken bei dem von ihm vor 37 Jahren mitbegründeten Räbeliechtli-Umzug von einer Tradition reden, ergänzt er lachend.

Noch länger im Quartier wohnt Peter Ehrsam (68): Er ist – mit ein paar Unterbrüchen – seit 1952 hier. Und auch ihm ist es wohl, obwohl er die Entwicklung anders erlebte: Früher sei das Quartier klein gewesen und man habe sich gekannt. Dann seien viele Wohnblöcke gebaut worden, in die kaum je investiert worden sei, und es seien immer mehr Ausländer zugezogen. Diese hätten nach eigenen Regeln unter sich gelebt und die Konflikte wegen nächtlichem Lärm und wilder Abfallentsorgung hätten zugenommen. Vor ein paar Jahren habe dann ein Wandel eingesetzt: «Die Blöcke wurden umgebaut, die Mieten wurden teurer, und es gab Eigentumswohnungen. Dadurch sind andere Ausländer wie etwa Assistenzärzte des Spitals gekommen.» Das habe das Leben ruhiger und angenehmer gemacht. Ehrsam bezeichnet den Kontakt zwischen Schweizern und Ausländern vor allem wegen der Sprachbarriere aber als «schwach».

Sprachenvielfalt

Mit dem schon fast babylonischen Sprachengewirr kämpft auch Yael Graber. Sie unterrichtet seit sieben Jahren als Primarlehrerin im Fraumattschulhaus und ist Schulhausvorsteherin. An ihrer Schule würden zwei Dutzend verschiedene Muttersprachen gesprochen, etwa 80 Prozent der knapp 200 Schüler seien ausländischer Herkunft. Die Kulturvielfalt sei einerseits eine Chance für die Kinder, andererseits mangle es den fremdsprachigen Kindern an Sprachvorbildern, was sich negativ auf deren deutschen Wortschatz und die Grammatik auswirke. Probleme können aber auch Nährboden für innovative Lösungen sein, wie die Fraumattschule oder das Quartierzentrum beweisen: Die Schule hat ein Förderkonzept namens «Pädagogik der Vielfalt» entwickelt, das von der Pädagogischen Hochschule mit dem Comenius-Preis für hervorragende Projekte aus der Bildungsförderung honoriert wurde. Kern des Konzepts ist, die Stärken und nicht die Defizite der Kinder in den Vordergrund zu stellen.

Für Stadtpräsident Lukas Ott liegen die Schule und der Verein Zentrum Fraumatt mit ihren Projekten genau richtig; beide werden von den Behörden denn auch unterstützt. Ott sagt: «Viele Aktive im Quartier setzen sich für Vernetzung und Integration ein und sorgen damit für eine bessere Balance. Die Vielfalt und vielen jungen Menschen sind wichtige Potenziale, die wir nutzen müssen.» Auch bauliche Massnahmen hätten zu einer Attraktivitätssteigerung beigetragen: Die Stadt habe ins Schulhaus investiert und wolle die Anknüpfung des Fraumattquartiers ans Zentrum noch verbessern. Und private Investoren hätten in den letzten Jahren viel Wohnraum im Quartier saniert. Ott: «Ich bin zufrieden mit dem Status Quo im Fraumattquartier.»

Quartierzentrum: «Wir sind auf Erfolgskurs»

Der Tenor an der ersten Mitgliederversammlung des Vereins Zentrums Fraumatt am Mittwochabend war übereinstimmend: Vom Vorstand über die Betriebskommission und Projektleiter Paul Dilitz bis hin zur begleitenden Fachhochschule waren alle zufrieden mit dem Start des neuen Quartierzentrums. Vereinspräsidentin Elisabeth Augstburger sagte: «Wir sind auf Erfolgskurs.»
Das Zentrum, das Quartierbewohnern seit etwas mehr als einem Jahr als Anlaufstelle bei Fragen und Problemen sowie als Begegnungsort dient, wurde bisher von über 3000 Personen zwei Dutzend verschiedener Nationalitäten besucht. Mit einem Drittel standen Besucher aus dem Kosovo an der Spitze, gefolgt von Albanern und Türken; in den hintern Rängen befinden sich die Schweizer. Deren vermehrte Präsenz, aber auch jene der Männer allgemein, zählen die Verantwortlichen zu den verbesserungswürdigen Punkten. Auf besondern Anklang stiessen Zumba-Fitness-Kurse und kulinarische Anlässe. Jugendliche und Kinder nutzten das Zentrum oft als Treffpunkt und Spielort.
Am Horizont steht nun die Frage: Was passiert nach dem Mai 2014? Dann nämlich läuft die Pilotphase des Quartierzentrums und damit auch die zugesagten Beiträge der Stadt Liestal, des Swisslos Fonds Baselland und einiger Stiftungen aus. (HI)

Aktuelle Nachrichten