Analyse
Fall Wischberg: Dem Gutachter wurden Fesseln verpasst

Ein nachgewiesener Zusammenhang von überfüllter Deponie und Hofschäden könnte für die öffentliche Hand sehr schnell sehr teuer werden. Eine Analyse zur Landratsvorlage im Fall Wischberg.

Andreas Hirsbrunner
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Der Bauer Alfred Suter kämpft an vielen Fronten.
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2. Version von Fall Hof Maiberg in Hemmiken
Der Hof von Alfred Suter am Hemmiker Wischberg ist durch die überfüllte Deponie oben im Wald gefährdet. Davon zeugen die Risse an den Gebäuden.
Im Vordergrund der Problemhang zwischen der Deponie am Wischberg und dem 100 Meter weiter unten liegenden Hof Maiberg (Bildmitte) in Hemmiken.
Der stetig rutschende Hang hebt schon bald die Eternitplatten auf Alfred Suters Stalldach.

Der Bauer Alfred Suter kämpft an vielen Fronten.

Kenneth Nars

Formal ist völlig unspektakulär, was der Landrat morgen zum Fall Wischberg in Hemmiken zu befinden hat: Die Regierung beantragt, dass das Parlament vom geologischen Schlussbericht Kenntnis nehmen und einen Auftrag des Landrats von 2016 abschreiben soll. In ihrer Vorlage stellt sich die Regierung auf den Standpunkt, ihre Hausaufgaben gemacht zu haben.

Hausaufgaben, die ihr vor nunmehr über zehn Jahren das Kantonsgericht stellte. Es hatte zu beurteilen, ob die aufgefüllte Mergelgrube am Wischberg eine Renaturierung sei, wie es von der Gemeinde Hemmiken und dem Kanton behauptet wurde. Oder ob es nicht viel mehr eine Deponiebewilligung brauche, weil die Grube mit unsauberem Material überladen sei, wie es der unter der Grube lebende Landwirt Alfred Suter behauptete.

Das Gericht gab weder der einen noch der andern Seite recht, sondern stellte der Gemeinde als Betreiberin und dem Kanton als Aufsichtsorgan eben Hausaufgaben: Damit das Ganze als Renaturierung durchgehen könne, brauche es einen Nachweis, dass die Grube weder überfüllt noch mit unsauberem Material aufgefüllt worden ist und stabil ist. Es folgte ein Abnützungskampf mit Ösen und Haken, wie es in diesem Kanton wahrscheinlich noch nie der Fall gewesen war. Tonangebend waren lauter Juristen: auf Kantonsebene Regierungsrätin Sabine Pegoraro mit ihrem Hausjuristen Markus Stöcklin, für die Gemeinde Hemmiken Anwalt Michael Baader und für Landwirt Suter Anwalt Caspar Zellweger.

Den Durchbruch schaffte allerdings ein Nichtjurist. Der Geotechniker Jürg Nyfeler vom Ingenieurbüro Pfirter, Nyfeler und Partner gewann 2015 das Vertrauen aller Parteien, führte geologische Untersuchungen durch und arbeitete den jetzt vorliegenden Schlussbericht aus. Seine Antworten auf die richterlichen Fragen wurden rundum akzeptiert: Die ehemalige Mergelgrube ist überfüllt, es wurde unsauberes Material abgelagert, das auf eine Inertstoffdeponie gehört, und die Deponie ist gegenwärtig stabil. Die Folgerung daraus ist, dass die Gemeinde Hemmiken jetzt ein Deponiegesuch einreichen muss.

Die grosse (Streit-)Frage ist nun aber, ob der Kanton damit seine Pflichten als verantwortliches Aufsichtsorgan wirklich erledigt hat. Denn eine grosse Ungewissheit bleibt am Wischberg: Hat die überfüllte Deponie etwas mit den Schäden am darunter liegenden Hofgut Maiberg von Alfred Suter zu tun? Der Landwirt ist davon felsenfest überzeugt.

Seine Theorie: Die Überfüllung hat die Wasserläufe am Hang verändert, Wasser ist zwischen den stabilen Opalinus-Ton im Untergrund und die darüber liegenden Schichten geflossen, worauf letztere ins Rutschen kamen. Dass an dieser Theorie etwas dran sein könnte, lässt Gutachter Nyfeler zwischen den Zeilen seines Schlussberichts durchblicken: «Das Wasser hat immer einen Einfluss auf die Stabilitätsverhältnisse, weshalb der Wasserhaushalt nicht verändert werden sollte.» Oder an einer andern Stelle: «Jeder Hang mit tonigem Untergrund reagiert sehr empfindlich auf eine Bewässerung der Tonschichten.»

Untersucht hat Nyfeler aber die Wasserströme nicht umfassend, weil sie für Kanton und Gemeinde nicht zu den vom Gericht erteilten Hausaufgaben gehören. Entsprechend klammerte Hemmiken dies als formelle Auftraggeberin von Nyfelers Auftrag aus. Den Grund dafür lässt Nyfeler an einer Stelle seines Schlussberichts durchblicken: «Im Verlaufe der Besprechungen am Runden Tisch zeigte sich immer mehr, dass der Problemkreis Hangwasser/Wasserverhältnisse ein Thema ohne Konsensfindung ist.»

Das erstaunt wenig, denn ein nachgewiesener Zusammenhang von überfüllter Deponie und Hofschäden könnte für die öffentliche Hand sehr schnell sehr teuer werden und andernorts ähnliche Begehrlichkeiten wecken. Was der Landrat nicht weiss, wenn er morgen vom Schlussbericht Kenntnis nehmen soll: Nyfeler hat dem Runden Tisch aus Kanton, Gemeinde und Landwirt auch seine persönliche Sicht dargelegt, die nirgends im Bericht auftaucht.

So etwa zum Zusammenhang von «verfüllter Grube und Rutschung Hof»: «Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Neubau der Waldwege im Umfeld der alten Mergelgrube zu einer Veränderung der Hangwassersituation geführt hat, welche sich negativ auf die Hangstabilität ausgewirkt haben könnte.» Als Lösung schlägt er eine Drainage zwischen Grube und Hof vor. Und oberhalb des Stalls sollte die Kriechmasse mittels Sporen mit dem stabilen Opalinuston darunter verdübelt werden. Auch sollten für Nyfeler die Stallgebäude saniert werden.

In Pegoraros Baudirektion reagiert man giftig auf diese Vorschläge. Chefjurist Markus Stöcklin sagte kürzlich: «Herr Nyfelers Auftrag war, die drei Fragen des Gerichts zu beantworten und nicht, Empfehlungen abzugeben.» Auch wenn der Landrat morgen der Regierung folgen sollte, ist das Geschäft nicht vom Tisch: Jürg Wiedemann will die Regierung mittels Postulat verpflichten, die Hausaufgaben doch noch ganz zu erledigen und die Wasserfrage untersuchen zu lassen.

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