Musik
Expansion: Festival Ton&Tal Rümlingen bespielt nun auch die Alpen

Das Baselbieter Festival expandiert in die Innerschweiz und ins Tessin. Die Rümlinger Klangexpedition fährt heute mit dem Postauto auf den Gotthard. Mit Klangaktionen im Freien wird erkundet, wie die Schweiz klingt.

Christian Fluri
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Das Ensemble «Ton & Tal» ist auf dem Weg zum Gotthard.

Das Ensemble «Ton & Tal» ist auf dem Weg zum Gotthard.

Sabine Hilscher

Die Klänge der Landschaft erkunden und zugleich die Landschaft mit eigenen Klängen bespielen, das gehört mit zum Grundkonzept des Festivals für Neue Musik im Baselbieter Dorf Rümlingen.

Die künstlerischen Leiter, die Komponisten und Musiker Daniel Ott (Festivalgründer), Urban Mäder und Annette Schmucki, betätigen sich dabei immer auch als Klangforscher, Klangarchäologen und Musikethnologen.

Das 24 Jahre alte, international bekannte Festival weitet sich nun aus und fragt: «Wie klingt die Schweiz?» Dabei geht es in die von Mythen ebenso geprägte wie belastete Schweiz: ins Gotthardgebiet, die Innerschweiz und das Emmental.

Die Initialzündung dazu gab das Festival Alpentöne in Altdorf. Johannes Rühl, der neue Festivalleiter, wollte mit den Rümlinger Kollegen zusammenarbeiten. Dies erzählt Daniel Ott im Gespräch mit der bz.

Über die Alpen, über den Jura

Die Rümlinger Leitung dachte über Altdorf hinaus: Mit zur Geschichte der Innerschweiz gehört die Alpenüberquerung, die selbst umgeben ist von Sagen. Am Gotthard wurde zudem ein zentrales Stück Industrie- beziehungsweise Eisenbahngeschichte geschrieben.

So ist das Rümlinger Festival gestern in Airolo gestartet und wandert nun mit dem Ensemble «Ton & Tal» - bestehend aus Musikerinnen und Musikern des neuen Jazz, der Neuen Musik und der Volksmusik - und einer Zuhörerschar - über den Gotthard nach Altdorf.

Danach geht es weiter über den Vierwaldstättersee nach Luzern, von dort über den Pilatus nach Obwalden und ins Emmental, dann über den Jura nach Rümlingen, weiter nach Augusta Raurica und an die Landesgrenze am Rhein, wo das Festival endet.

Wie klingt die Schweiz

Die Rümlinger Klangexpedition fährt heute mit dem Postauto auf den Gotthard. Der Weg nach Hospental ist eine Musik der Schritte. In Altdorf erfolgt die Eröffnung des Festivals «Alpentöne».

Am 18. August gehts im Nauen von Flüelen über den Vierwaldstättersee nach Luzern. Am Montag führt die Expedition auf den Pilatus und weiter nach Alpnach, am Dienstag von Alpnach über Heiligkreuz nach Schüpfheim. Am Mittwoch folgt die musikalische Reise ins Emmental nach Wasen zum Treffen mit den Hornussern. Am 23. August reist der Festival-Tross ins Baselbiet. Am Nachmittag erklingt eine Musik der Schritte von Buckten über Känerkinden, Wittinsburg nach Rümlingen. Am 24. gibt es einen musikalischen Dialog mit dem Wasserfall Giessen ein. In Augusta Raurica findet Roman Signers klingende Installation statt und spielt «Ton & Tal» Gipfelmusik. Abschluss ist in der Nacht am Rhein. (flu)

Details www.neue-musik-ruemlingen.ch

Vor einem Jahr gingen die Festivalmacher auf Erkundungstour, sammelten in allen Gebieten Klänge der Landschaft und fragten die Menschen in den Dörfern nach musikalischen Geschichten. Die gesammelten Klänge reichen vom Bergwind über Tierlaute, Motorengeräusche bis zu Alphorntönen und anderen Volksmusiken.

Aufbauend auf dem Material schrieben Annette Schmucki, Urban Mäder und Daniel Ott Kompositionen zur Bespielung der Landschaft. Laut Ott handelt es sich bei rund der einen Hälfte um ausgeschriebene Stücke, bei der anderen um Konzeptstücke, die teils im Kollektiv erarbeitet wurden.

«Hier konnten wir bereits in der Probephase auf die Qualitäten der improvisierenden Musikerinnen und Musiker im Ensemble bauen», merkt Ott an.

Die Musik von «Ton & Tal» tritt in einen Dialog mit den Klängen der Landschaft. «Annette Schmucki setzt zum Beispiel die Höhenlinien unserer Bergwanderungen in Musik», erzählt Daniel Ott.

Das Ensemble musiziert wandernd, ebenso auf Schiffen, in der Eisenbahn oder der Zahnradbahn auf den Pilatus. «Wenn wir nicht zu Fuss unterwegs sind, benutzen wir öffentliche Verkehrsmittel», erklärt Ott. Das Napfgebirge wird mit «Ton auf Standstein, Mergel, Nagelfluh» erforscht.

In Wasen im Emmental wird «Ton & Tal» ein Klang-Gespräch mit den dortigen Hornussern führen. Auf den Wanderungen gebe es auch Phasen, in denen die Musik schweigt - und der Tross mit Musikern und Zuhörern ganz den Klängen der Berge und der Täler, der Tiere und des Wassers lauschen.

An den Stationen der Klangreise - ob in Altdorf, Luzern, Alpnach oder Langenthal - kommt es zu musikalischen Begegnungen mit örtlichen Gruppen wie Vereinen.

Mit auf die musikalische Expedition geht eine historische Jahrmarktsorgel. Sie spielt auf Rollen gestanzte Kompositionen, die das Festival in Auftrag gegeben hat. Darunter ist Musik von Ruedi Häusermann, Heinz Holliger, Andreas Schett und anderen.

Eine Überraschung ist in Augusta Raurica am 24. August angesagt. Der Künstler Roman Signer lädt ein zum Duett zwischen einem Flügel - gespielt von Stefan Wirth - und einem Helikopter mit seinen Wind produzierenden Rotoren.

Die Mineure am Gotthard

Den Festivalmachern geht es bei der Expedition auch darum, in Form von Klängen Geschichten der Schweiz und ihrer Mythen zu erzählen. Dazu wird Tim Crohn, der als Schriftsteller mitwandert, aus dem von ihm ausgegrabenen Ur-Tell von Johann Wolfgang Goethe rezitieren.

Die Filarmonica Airolese und die Filarmonica Piottese mit ihrem süditalienischen und sizilianischen Repertoire erinnern an die Bandas der Mineure, erzählen in lebendigen Klängen die Geschichte der am Bau des 1882 eröffneten Gotthardtunnels mitwirkenden italienischen Arbeiter.

Mit dem Ensemble «Ton & Tal» und anderen ortsansässigen Gruppen bespielten sie die Strassen Airolos. Neue Musik tritt in einen spannungsvollen Dialog mit traditionellen (Volks-)Musiken. «Das italienische Banda-Stück ‹Ferragosto› spielen wir zusammen, teils verfremden wir Traditionelles und entwickeln es weiter», erklärt Ott.

Das Ensemble «Ton & Tal»

Die Mitwirkenden des auf Klangexpedition gehenden Ensembles «Ton & Tal» sind: Shirley Anne Hofmann (Euphonium, Trompete, Akkordeon), Co Streiff (Altsaxophon), Hans Koch (Sopransaxophon, Bassklarinette), Peter Schärli (Trompete), Balthasar Streiff (Trompete, Alphorn, Büchel), Samuel Stoll (Horn, Alphorn, Büchel), Stephen Menotti (Posaune), Hans Hassler (Akkordeon, Klarinette), Christophe Dufaux (Akkordeon), Marcel Oetiker (Schwyzerörgeli), Christoph Brunner (Schlagzeug), Christian Dierstein (Schlagzeug), Benjamin Brodbeck (Schlagzeug). (flu)

Zudem unternimmt der italienische Klarinettist und Saxophonist Gian Luigi Trovesi gemeinsam mit den Bandas eine musikalische Erkundung des Gotthards.

«Alle Orte machen mit»

Das Projekt der musikalischen Expedition ist überall auf Begeisterung gestossen. Alle Orte wirken kraft ihrer Möglichkeiten mit, merkt Ott erfreut an.

Das Lucerne Festival beteiligt sich mit einer eigenen musikalischen Aktion: Wenn «Ton & Tal» am 18. August auf dem Nauen in den Hafen einfährt und das Lucerne Festival, das sich dieses Jahr dem Thema Revolution widmet, mit Zitaten aus Strawinskys «Le sacre du printemps» begrüsst, antworten der Trompeter Reinhold Fähndrich und Bläser des Lucerne Festival Orchestras mit Richard Strauss' «Alpensinfonie».

Ein solch grosses Unternehmen kostet auch. Das Budget beträgt laut Daniel Ott rund 300'000 Franken. Ein gutes Drittel davon ist durch den jährlichen Baselbieter Subventionsbeitrag ans Festival gedeckt.

Ott zeigt sich hoch erfreut über die grosse Unterstützung, die die zeitgenössische Musik von der Bildungsdirektion Baselland und ihrer Kulturabteilung erfährt. Alle bereisten Kantone - vom Tessin bis Bern - und die Pro Helvetia beteiligen sich an den Kosten. So kann das spannende Kunstunternehmen erfolgreich realisiert werden.