Bubendorf
Erwin Müller tritt als Gemeindepräsident zurück – als es draufankam, zeigte er Rückgrat

Nach 15 Jahren tritt Erwin Müller als Gemeindepräsident zurück – ein Teamplayer mit christlichem Ethos.

Andreas Hirsbrunner
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Erwin Müller hat gut lachen: Er überlässt seinem Nachfolger ein florierendes Dorf.

Erwin Müller hat gut lachen: Er überlässt seinem Nachfolger ein florierendes Dorf.

Kenneth Nars

Am besten charakterisiert Erwin Müller wahrscheinlich das, was Bubendorf unter seiner Ägide als Gemeindepräsident die dicksten Schlagzeilen bescherte. 2005: Müller, seit Kurzem im Amt als oberster Bubendörfer, engagiert sich zusammen mit seiner Familie gegen die drohende Ausschaffung der kosovo-albanischen Familie Halili. Als das Ganze auf Messers Schneide steht, gewährt die reformierte Kirchgemeinde Bubendorf-Ramlinsburg der Familie Kirchenasyl. Als freiwillige Helfer mit dabei: das Ehepaar Müller.

Im Gemeinderat gibt es deswegen Spannungen. Und das zu einer Zeit, die Müller wegen anderweitiger Querelen im Gremium als die schwierigste Periode während seiner 15-jährigen Tätigkeit als Gemeindepräsident bezeichnet. Und trotzdem sagt er heute: «Das Kirchenasyl hat die Spannung zwischen der menschlichen und der formalen Ebene aufgezeigt. Ich würde aber aus meiner christlichen Verantwortung heraus auch heute wieder so handeln. Die Halilis waren damals aufgrund ihrer Vergangenheit im Kriegsgebiet so traumatisiert, dass man einfach hinstehen und ihnen helfen musste.»

Noch heute haben Müllers und Halilis Kontakt miteinander. Erwin Müller kann nur den Kopf schütteln über die Bürgergemeinde, welche die «sehr offene und hilfsbereite» Familie vor drei Jahren nicht einbürgern wollte. Mittlerweile sind übrigens die Frau und die beiden Söhne Bubendörfer Bürger. Die Einbürgerung von Hamdi Halili ist pendent, nachdem das Kantonsgericht den Fall zur Neubeurteilung an die Bürgergemeinde zurückgewiesen hat.

Fürs Gewerbe geschaut

Müller hat sein Einstehen für die Halilis nicht geschadet. Er wurde bei den folgenden Wahlen im Jahr 2008 wie auch bei allen späteren mit Glanzresultaten wiedergewählt. Müllers Stärke umschreibt Thomas Noack, der bis zu seinem Nachrücken in den Landrat im letzten Jahr zehn Jahre lang mit Müller im Bubendörfer Gemeinderat sass, so: «Am meisten beeindruckt hat mich, wie Erwin Müller das Gremium geführt hat. Mit seiner Diskussionsleitung, bei der er jeden zu Wort kommen liess und immer nach einer gemeinsamen Lösung suchte, hat er ein gutes Klima im Team geschaffen.»

Das habe dazu beigetragen, die Gemeinde weiterzubringen. Auch habe Müller die nicht immer einfachen Gemeindeversammlungen so geleitet, dass alle zu Wort kommen konnten und allen klar war, worüber abgestimmt wurde. Noack: «Es machte Spass, mit Erwin Müller im Gemeinderat zu sitzen.»

Bubendorf unter Müller

Tatsächlich hat sich Bubendorf unter Müller weiterentwickelt. Am Augenfälligsten ist als Einzelobjekt die neue Mehrzweckhalle und generell der Bauboom, der seit Jahrzehnten anhält. Das Dorf zähle heute etwa 2700 Arbeitsplätze, bis 2025 dürften es 3000 sein, sagt Müller. Vor allem der grösste Arbeitgeber, die Firma Bachem mit derzeit rund 700 Beschäftigten, werde weiterwachsen, wenn es so laufe wie jetzt. Das Gedeihen der örtlichen Wirtschaft war Müller immer ein grosses Anliegen und er traf sich jährlich mit den Exponenten zu einer Aussprache.

Verschlechterten sich die Rahmenbedingungen wie etwa die von der Autobus AG amputierten Busanschlüsse an die Schnellzüge von Liestal ins Mittelland, so setzte sich Müller an vorderster Front für Verbesserungen ein. Auch beim Siedlungsbau legte Bubendorf unter Müller stark zu.

Doch ein Blick in die Bevölkerungsstatistik zeigt Überraschendes: Bei Müllers Start als Gemeindepräsident vor 15 Jahren zählte das Dorf am Eingang zu den beiden Frenkentälern fast auf den Kopf gleich viele Einwohner wie heute, nämlich rund 4400. Müller erklärt das mit der veränderten Bevölkerungsstruktur. Der Anteil der Jüngsten (0 – 14 Jahre) verringerte sich massiv, im Gegenzug nahm jener der über 65-Jährigen stark zu.

Doch Müller erwartet eine Trendwende und damit wieder einen kleinen Bevölkerungsschub: «In den nächsten Jahren finden viele Häuser neue Besitzer, weil deren älteren Bewohner in Wohnungen ziehen.» Bremsend wirke bei diesem Transformationsprozess aber der hohe Bauland-Preis von 900 bis 1100 Franken pro Quadratmeter.

Er vermisst seine Kollegen

Am letzten Wochenende gab Müller das Gemeinderatszepter an Walter Bieri weiter. Vermissen wird der 66-Jährige «die tolle Zusammenarbeit im Gemeinderat». Man habe sich gegenseitig schätzen gelernt mit allen Stärken und Schwächen. Doch für den Parteilosen, der zwar vor 20 Jahren auf der Liste der EVP für den Landrat kandidierte, sich aber mit keinem Parteiprogramm identifizieren kann, ist der Rücktritt kein politischer Vollstopp.

Er wird noch bis zur Generalversammlung im nächsten März als Vizepräsident des Baselbieter Gemeindeverbands weiterwirken. Einer Organisation, der in den vergangenen Jahren gegenüber dem Kanton ein beachtlicher Emanzipationsprozess gelungen ist. «Es war nicht immer einfach mit dem Kanton, aber heute sind wir Partner», bilanziert Müller.

Und dann wird es ihm, der mittlerweile auch als engagierter Langzeit-Lehrer pensioniert ist, langweilig? Müller lacht und verweist auf seine grosse Familie mit je vier Kindern und Enkelkindern, seine handwerklichen und sportlichen Vorlieben, die in den letzten Jahren zurückstehen mussten und die er wieder aufleben lassen will, und seine ehrenamtlichen Tätigkeiten als Lagerleiter, Stiftungsrat beim «Räbhof» in Lausen und bei der reformierten Kirchgemeinde, die weitergehen. Und gäbe es einen weiteren Fall Halili, ist klar: Müller würde sich wieder für die Menschen in Not einsetzen.

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