Psychiatrie Baselland
Erlebnisse, die in keiner Spitalbilanz vorkommen

Die Psychiatrie Baselland schreibt bei einem Jahresumsatz von 100 Millionen einen Gewinn von 1,8 Millionen Franken. Doch viel wichtiger sind Dinge, die nicht an der Pressekonferenz gesagt werden.

Bojan Stula
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Die Psychiatrie Baselland gehört mit 100 Millionen Franken Umsatz zu den systemrelevanten Institutionen im Kanton (Archivbild).

Die Psychiatrie Baselland gehört mit 100 Millionen Franken Umsatz zu den systemrelevanten Institutionen im Kanton (Archivbild).

Kenneth Nars

Nicht ohne stolz sagt die Psychiatrie Baselland von sich, dass sie mit rund 800 Angestellten und einem Jahresumsatz von 100 Millionen Franken zu den «systemrelevanten» Institutionen gehört. Nicht erst seit ihrer Auslagerung ist es Mode, dass Spitäler jährliche Bilanzpressekonferenzen abhalten, an denen sie über Umsatz, Gewinn, Netto- und Bruttovermögen parlieren. Die einzige Information, die mich seit jeher im Zusammenhang mit Spitälern und Heilanstalten interessiert hat, ist jene, wie viele Menschen sie gesund pflegen. Diese Zahl erfährt man in der Regel nicht. Aber dies nur nebenbei; die Unternehmen und Aktiengesellschaften sind ja von Gesetzes wegen zur Auskunft ihrer Wirtschaftlichkeit verpflichtet.

Viel wichtiger als die 1,8 Millionen Franken Gewinn, welche die Psychiatrie 2013 schreiben konnte, war darum die Botschaft von Chefarzt Joachim Küchenhoff, dass im Kantonsspital Laufen seit rund einem halben Jahr ein ganzheitliches Programm zur Schmerzbekämpfung angelaufen ist, in dem neben der üblichen Schmerztherapie mit Medikamenten der Patient auch eine intensive psychiatrische Behandlung erhält.

Für Küchenhoff, ein international renommierter Facharzt, der sich selbst als «Fan» von fächerübergreifenden Behandlungsansätzen bezeichnet, ist das Laufner Projekt ein weiterer Beweis dessen, wie ernsthaft Spitalleitung und Ärzte-Team ihrer Philosophie von einer personalaufwendigen persönlichen Betreuung der Patienten nachleben. So stand es in der bz vom Mittwoch.

Das ist einer Leserin sauer aufgestossen. Sie sei entsetzt darüber, wie unkritisch das Interview mit Küchenhoff in der bz geführt wurde. Sie selber befindet sich in einem langjährigen Rechtsstreit mit der Psychiatrie Baselland. Als ehemalige Patientin sei sie im Spital in eine Medikamentenabhängigkeit geführt worden, die sie noch lange nach ihrer Entlassung beeinträchtigt habe. Jetzt kämpft sie um Aufklärung und Gerechtigkeit, spricht von Vertuschung und Verschleppung seitens der Behörden. Die bz hat bereits über diesen Fall berichtet, der zweifellos eine schwere Belastung für beide Seiten, Klägerin und Spital, darstellt – doch jetzt, im ganzen Interview, kein Wort darüber.

Sie sei sich sicher, dass noch viele andere Psychiatriepatienten falsch behandelt werden. Wahrscheinlich werde sich die Gesellschaft in 20 Jahren rückblickend fragen, wie so ein Systemfehler nur möglich sein konnte. Genau gleich, wie man heute ungläubig auf die Fremdplatzierungen in der Schweiz, Sterilisationen von «liederlichen» Personen und die «Kinder der Landstrasse»-Programme der 1950er-Jahre zurückblickt, die damals von den Behörden als nötige Massnahmen im Umgang mit all jenen angesehen wurden, die ausserhalb der Norm leben mussten.

Gut möglich, dass die Frau mit ihrer Prognose recht hat. Selbstverständlich ist jegliche medizinische Behandlung nicht nur vom aktuellen Forschungsstand, sondern auch von den gerade geltenden gesellschaftlichen Prinzipien getrieben. Viele Asyle glichen noch bis ins 19. Jahrhundert eher dem Foltermuseum in Sissach als einem Spital – was durchaus verständlich ist, galten doch Geisteskranke jahrhundertelang als vom Teufel Besessene.

Psychiatrie-CEO Hans-Peter Ulmann versichert jedenfalls, dass er jede einzelne Beschwerde ernst nimmt. Fast 10'000 Patienten behandelt das Spital jedes Jahr. Anzeichen von flächendeckender Fehlbehandlung gibt es keine; es wäre schlicht verzerrend gewesen, der positiven Jahresbilanz einer so grossen Institution einen umstrittenen Einzelfall entgegen zu stellen.

Als ich vor ein paar Tagen über das Psychiatriegelände zum Tiergarten lief, begegnete ich einer Gruppe, die offensichtlich unter Zeitdruck unterwegs zu einem Termin war. Eine Frau mit mehrfach schwerer Behinderung blieb plötzlich stehen, schrie wild um sich. Den beiden Betreuern war die «Nicht schon wieder»- und «Warum ausgerechnet jetzt?»-Anspannung deutlich anzusehen. Am liebsten hätten sie wohl zurückgeschrien. Aber beherrscht und mit ruhigen Worten bewegten sie die Frau zum Weiterlaufen. Zwei stille Helden des Pflegealltags, heute wie in 20 Jahren. Sie tauchen genauso wenig in einer Spitalbilanz auf wie eine Fehlbehandlung. Ich weiss genau, weshalb mir Nettogewinne von Spitälern nichts bedeuten.

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