Neuer Bildband
Emanuel Büchels farbiger Landschaftsblick: So sah der Kanton Basel vor der Trennung aus

Wie sah der damalige Kanton Basel rund 80 Jahre vor der Trennung aus? Ein neuer Bildband zeigt die handkolorierten Landschaftansichten von Emanuel Büchel, die bisher in einer Privatsammlung vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen waren.

Bojan Stula
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Emanuel Büchel Bildband
6 Bilder
Für heutige Betrachter nicht wiederzuerkennen: Der einstige Blick von Basel aus aufs Leimental mit «St. Margareta» (3), «Schloss und Dorf Binningen» (1), «die Ziegel Hütte» (2), «Spittal Haus» (4), «das Holee» (5), «der Birsig» (6) und «der Steinen Bache» (7).
«Wasserfall. Bey Liestal in dem Canton Basel»: So zeichnete Emanuel Büchel den heute zwischen A 22 und Fraumattstrasse eingezwängten Ergolz-Wasserfall Kessel.
Der Blick von Riehen aus auf die Stadt Basel gestaltete sich um 1750 noch weitgehend hindernisfrei. Die Originalbeschriftung lautete: „Lage von Wencken. – 1. Klein Riehen. 2. Basel. 3. Ausfluss der Birs in Rhein. 4. St. Jacob. 6. St. Margaretha. 7. Landskron.“
So sah die Hülften vor rund 250 Jahren aus. Originalbeschriftung: „Lage der Hülften-Schantze. – 1. Liechstahl. 2. Fülinstorf. 3. Nieder Schönthal. 4. Frenckendorf. 5. Die Ergöltz.“
Auch Sissach ist aus heutiger Optik kaum wiederzuerkennen. Originalbeschriftung: „Sissach. – 1. Hochwache. 2. Bischoffstein. 3. Letten. 4. Boeckten. 5. Gelterkinden.“

Emanuel Büchel Bildband

zvg

Nein, schwermütigen Nostalgikern und Dichtestressgeplagten ist dieses Buch nicht zu empfehlen. Diese unglaublich weitläufigen, unbebauten Landschaftsfluren, die sich zwischen den wenigen Ortschaften, Herrschafts- und Schlossbauten erstrecken, wecken innere Sehnsüchte nach einer heilen Welt und könnten im Direktvergleich zu heute regelrecht depressiv machen. Die neu entdeckte Liebe zur Natur des 18. Jahrhunderts, ganz im aufklärerischen Sinne eines Jean-Jacques Rousseau und Albrecht von Haller, ist Emanuel Büchels Werken deutlich anzusehen.

«Emanuel Büchels Kanton Basel um 1750» von Karl Martin Tanner

«Emanuel Büchels Kanton Basel um 1750» von Karl Martin Tanner

Es sind fröhliche Landschaftsansichten, die der 1705 geborene und 1775 verstorbene Zeichner von «seinem» Kanton Basel geschaffen hat. Unter heiter-blauem Himmel lustwandeln gut gekleidete Herrschaften am Fusse des Margarethenhügels, Vogelschwärme deuten eine reiche Fauna an, propere Bauern gehen geschäftig der Feldarbeit nach, und Flösser lassen ihr Holz kontrolliert die Birs runtertreiben. Wenn über dem mächtigen Schloss Münchenstein dunkelgraue Gewitterwolken aufziehen, ist dies auf Büchels Stichen meteorologisch die Ausnahme. Doch selbst aus dieser, durch heutige Erfahrung doppelt verklärten Sicht sind auch schwierige Lebens- und Mobilitätsbedingungen von damals erkennbar.

Kantonsverlag

Der achte Band der «bild.geschichten.bl»

«Emanuel Büchels Kanton Basel um 1750» von Karl Martin Tanner ist als achter Band in der Reihe «bild.geschichten.bl» im Baselbieter Kantonsverlag erschienen.

Der Seltisberger Biologe und Landschaftshistoriker knüpft damit gewissermassen an seinen Band «Augen-Blicke» von 1999 an, in dem er anhand von Fotografien des späten 19. und 20. Jahrhunderts den Landschaftswandel im Baselbiet dokumentiert hat. Die 156-seitige Neuerscheinung (ISBN 978-3-85673-694-1) ist im Buchhandel oder direkt beim Verlag Basel-Landschaft für 23 Franken erhältlich. (bos)

www.verlag.bl.ch

Nur ein schwankender Fussgängersteg überquerte bei St. Jakob die vielarmige, von Inselchen durchsetzte Birs. «Wollte man mit Ross und Wagen von Basel aus über einen der Jurapässe ins Mittelland gelangen, musste man entweder die Brücke unweit der Birsmündung in den Rhein oder die Brücke von Münchenstein nehmen», stellt die Kunsthistorikerin Yvonne Boerlin-Brodbeck fest; dies im Vorwort zu Karl Martin Tanners soeben erschienenem Bildband «Emanuel Büchels Kanton Basel um 1750».

Die Präzision der Büchel’schen Darstellungen erlaubt ein optisch opulentes Eintauchen in die Vergangenheit. Seine Bilder stellen auch für die Landschaftsforschung und Geschichtsschreibung der Region eine Quelle ersten Ranges dar.

Aus dem Besitz von Merians Erben

Karl Martin Tanners Verdienst ist es, dass er die bisher in einer Privatsammlung wohlbehüteten, handkolorierten Stiche einer breiten Öffentlichkeit zugänglich macht. Dem Seltisberger Biologen ist es offensichtlich gelungen, die heutigen, namentlich nicht genannten Eigentümer zur publizistischen Freigabe dieses visuellen Schatzes zu bewegen. Die von Tanner im Buch verwendete Bezeichnung «Sammlung Merian» weist auf den einstigen Besitzer, den Basler Kaufmann Alfred Merian-Thurneysen (1834–1916) hin, der die kolorierten Stiche gerahmt in seinem Sommerhaus «Im Heimatland» hängen hatte.

Die Unterteilung, nach welcher der Autor Büchels Stiche im Bildband anordnet, deutet auf Tanners landschaftshistorische Expertise und Leidenschaft hin. Die insgesamt 82 Landschaftsansichten werden in den Kapiteln «Wald- und Landwirtschaft», «Fliessendes und stehendes Wasser», «Häuser und Gärten» sowie «Wege und Menschen» thematisch zusammengefasst. Knappe, aber informative Angaben zu Büchels Biografie, zur Herstellung von Kupferstichen, aber auch Damals-heute-Vergleiche sowie die Wiedergabe von Büchels fünf topografischen Karten der Region Basel machen die Neuerscheinung zu einem aussergewöhnlich gewinnbringenden Lese- und Betrachtungsgenuss. Für die gelungene Bildbearbeitung, Gestaltung und Druckvorstufe zeichnet Markus Kappeler (Hochwald) verantwortlich.

Ursprünglich – und dadurch schliesst sich der Kreis zu Tanners Neuerscheinung – waren Büchels Landschaftsansichten Auftragsarbeiten für zwei zeitgenössische Buchprojekte. Seine Landschaftszeichnungen dienten als Vorlagen für schwarz-weisse Kupferstiche, die in Daniel Bruckners «Versuch einer Beschreibung historischer und natürlicher Merkwürdigkeiten der Landschaft Basel» (herausgegeben von 1748–1763) sowie David Herrlibergers «Topographie der Eydgenossschaft» (1754–1777) weite Beachtung fanden. Sie trugen wesentlich zu Emanuel Büchels Ruhm bei, der bekannteste Zeichner und Illustrator der Stadt Basel zur Jahrhundertmitte zu sein.

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