Artenschutz
Einst fast ausgerottet, heute wieder auf dem Vormarsch – auf den Spuren der Wildkatze im Baselbiet

Mirjam Bollinger
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Wildkatze

Wildkatze

Fabrice CAHEZ
Ein junges Exemplar der Europäischen Wildkatze (Felis silvestris) auf Entdeckungstour.

Ein junges Exemplar der Europäischen Wildkatze (Felis silvestris) auf Entdeckungstour.

CH Media

«Im aktuellen Monitoring versuchen wir, die Verbreitung der Wildkatze in der Schweiz zu ermitteln», erklärt Pascal Schweizer auf dem Weg nach Wintersingen. Der Praktikant im Amt für Wald beider Basel parkiert den Geländewagen am Waldrand und wir klettern in den bewaldeten Hang: Die Suche beginnt. Wir sind nicht etwa auf der Pirsch nach einer Wildkatze. Die Tiere sind scheu und treten selbst erfahrenen Wildhütern äusserst selten vor die Augen. Wir suchen einen von drei Lockstäben; die wichtigsten Bestandteile des Monitorings überhaupt.

Nach einer guten Stunde im Dickicht finden wir die Holzlatte. Nur armlang ragt sie aus dem Boden der lichten Stelle, umgeben von Büschen und Dornen. Schweizer zückt eine Taschenlampe und überprüft das aufgeraute Holz. «Schwarze Haare!», ruft er, zupft sie mit einer Pinzette vom Stab und steckt sie in einen kleinen Plastikbeutel.

Pascal Schweizer nimmt Haarproben.

Pascal Schweizer nimmt Haarproben.

Nicole Nars-Zimmer

«Die Haare werden im Labor genetisch analysiert. Falls sie tatsächlich von einer Wildkatze stammen, wird untersucht, ob eine Hybridisierung vorliegt.» Davon spricht man, wenn sich Wild- und Hauskatzen paaren. Mit einem Messer schabt der Praktikant an der Oberfläche des Holzes, um es erneut aufzurauen. Danach sprayt er den Lockstock mit Baldrian ein. «Baldrian ähnelt dem Duft eines Sexuallockstoffs von rolligen Katzen», erklärt Schweizer. Deswegen würden sich die Tiere so gerne an den Pflöcken reiben.

Wildkatze in der Schweiz auf dem Vormarsch

Die Kontrollen an den Lockstäben finden alle zwei Wochen statt, erklärt der Wildhüter Gabriel Sutter später am Telefon. Dabei handle es sich um insgesamt sieben Standortquadrate. In einem Quadrat befinden sich drei Lockstöcke und eine Fotofalle, die nach dem Zufallsprinzip ausgewählt wurden. Sutter nennt einige der Standorte, wobei rasch klar wird, dass sie über den ganzen Kanton verteilt sind: Liesberg, Laufen, Dittingen, Biel-Benken, Arlesheim, Liestal, Sissach und Waldenburg. «Eine Schätzung über die Anzahl der Tiere ist sehr schwierig, da das aktuelle Monitoring erst Ende 2020 abgeschlossen ist», sagt Sutter. Die letzte Messung, die zwischen 2008 und 2010 stattfand, liess aufgrund der erhobenen Daten eine Schätzung von einer Wildkatze auf zwei Quadratkilometer zu.

Diese Rechnung kann der Baselbieter Wildtierbiologe Darius Weber, unter dem das erste Monitoring durchgeführt wurde, bestätigen. «Für die aktuelle Messung gehe ich von einer weiteren Ausbreitung der Wildkatze aus», sagt Weber am Telefon. Dabei differenziert er: «Im zentralen Jurabogen dürfte der Bestand mehr oder weniger stabil geblieben sein; im östlichen Teil ist er weiterhin zunehmend. Im Norden ist die Wildkatze nach wie vor nur vereinzelt anzutreffen.» Besonders erfreulich sei, dass die Tiere inzwischen sogar im Mittelland vorkämen.

Beweis dank Fotofalle: Wildkatze in Laufen im Winter 2019.

Beweis dank Fotofalle: Wildkatze in Laufen im Winter 2019.

Zur Verfügung gestellt

Ausrottung wegen Image einer jagenden Bestie

In der Schweiz ist die Wildkatze seit 1962 geschützt. Weber weiss weshalb: «Das Tier wurde bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts von Jägern praktisch ausgerottet.» Zu Unrecht wurde die Katze lange Zeit als gefährliches Wildtier beschrieben. Ihr wurde nachgesagt, sie jage Hasen und Wild und würde den Jägern somit ihre Beute streitig machen. Friedrich von Tschudis Werk «Das Thierleben der Alpenwelt», das 1856 erschien, beschreibt die Wildkatze sogar als Angreiferin von Menschen: «Nun nimm dich in Acht, Schütze, und fasse die Bestie genau aufs Korn! Mit hochgekrümmtem Rücken und gehobenem Schwanze naht sie zischend dem Jäger, setzt sich wütend zur Wehr und springt auf den Menschen los. Ihre spitzen Krallen haut sie so fest ins Fleisch, besonders in die Brust, dass man sie fast nicht losreissen kann, und solche Wunden heilen schwer.» Der Wildtierbiologe ergänzt: «Mit diesen Vorurteilen erlitt die Wildkatze dasselbe Schicksal wie der Luchs und der Wolf – die Ausrottung.»

In den 1960er- und 1970er-Jahren fanden Wiederansiedlungen im Kanton Bern und im Waadtländer Jura statt. Der heutige Wildkatzenbestand in der Region ist gemäss Einschätzung von Darius Weber jedoch nicht auf diese Aussetzungen zurückzuführen, sondern es sind direkte Nachfahren einer Kleinpopulation, welche die Ausrottung überlebte.

Unklare Interaktionen mit Kleintieren und Menschen

Bei aller Freude über die Rückkehr der Wildkatze kommt die Frage nach den ökologischen Interaktionen zwischen dem Tier und seiner Umgebung manchmal zu kurz. Unklar ist beispielsweise, welche Auswirkungen die Katze auf Vogel-, Reptilien- und Amphibienbestände hat. Lea Maronde, Wildtierökologin und Leiterin des Wildkatzenprojekts bei der Schweizer Raubtierforschung Kora erklärt: «Die Beute der Wildkatze besteht zu 90 Prozent aus Kleinnagetieren.» Insofern stelle sie – im Gegensatz zur verwandten Hauskatze – kaum eine Gefahr für Vögel und Reptilien dar. Der Rückgang derselben sei in erster Linie auf die Veränderung geeigneter Lebensräume zurückzuführen. Weber teilt diese Einschätzung, ergänzt jedoch: «Für gewisse bodenbrütende Vögel ist die Katze durchaus eine Bedrohung.» Auch manche Mausart sei potenziell gefährdet, ist sich Weber sicher.

Dass sich das Tier gleich der Hauskatze selbst domestizieren würde, bezweifelt Weber: «Die Hauskatze hat sich den Mäusen angeschlossen, nicht den Menschen. Da sich – des Getreides wegen – Mäuse in der Nähe von Menschen aufhielten, zog es auch die Katze in Menschennähe.» Heute würde man in Mitteleuropa eine veränderte Landwirtschaft antreffen, die eine Wiederholung dieses Vorgangs kaum erlauben würde.

Die Wildkatze wurde von Pro Natura zum Tier des Jahres 2020 gewählt, wobei sie für freie Naturentwicklung, wilde Wälder und somit für Naturschutz werben soll. «Wir sind sehr gespannt auf die definitiven Resultate zur Wildkatze im Baselbiet», freut sich Sutter, «sie sollen im Frühjahr 2021 bereitgestellt werden.»

Merkmale der Wildkatze im Überblick

Die Wildkatze (Felis silvestris) lässt sich anhand von äusseren Merkmalen kaum von der Hauskatze unterscheiden. Ihr typisches Aussehen, wozu der schwarze Rückenstreifen, der buschige Schwanz und die verwaschenen Fellstreifen gehören, kommt auch bei Hauskatzen vor. Eine sichere Bestimmung muss daher mithilfe von genetischen Haarproben vorgenommen werden. Heimisch ist das Wildtier bislang vor allem in «strukturreichen, zusammenhängenden Waldgebieten, weil sie dort sowohl Deckung als auch Nahrung findet», erklärt die Leiterin des Kora-Wildkatzenprojekts Lea Maronde. Jungtiere können Fuchs, Marder, Luchs und Uhu als Fressfeinde haben, für ausgewachsene Tiere stellt der Strassenverkehr die häufigste nicht-natürliche Todesursache dar. Als zusätzliche Gefahr beurteilen Biologen die Verpaarung zwischen Wild- und Hauskatzen. Darius Weber, der Baselbieter Wildkatzenexperte und Leiter des ersten Monitorings in den Jahren 2008 bis 2010 weiss von einer Hybridisierungsrate von 25 Prozent. Im aktuellen Monitoring erwartet er ein ähnliches Resultat: «Aus Studien zu Wolf-Hund-Hybridisierungen wissen wir, dass Verpaarungen hauptsächlich dann vorkommen, wenn zu wenig artgleiche Partner vorhanden sind. Da sich die Population im Blauengebiet weitgehend regeneriert hat, gehe ich dort von wenigen Mischlingen aus.»

Bislang fanden in der Schweiz zwei Wildkatzenmonitorings im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (Bafu) statt. Das erste führte die Hintermann & Weber AG zwischen 2008 und 2010 durch; die aktuelle Messung (2018 bis 2020) organisiert Wildtier Schweiz. Weber ist in beide Monitorings involviert, wobei die Feldarbeit von örtlichen Wildhütern vorgenommen wird.

Weitere Infos unter www.pronatura.ch