Witterswil
Eine ungewöhnliche Mönchsweihe

Am Samstag wurde in der Zen-Meditationshalle «Mukitaimon» Fabian Eggert vom Zenpriester Shosan Kogetsu aus Reinach zum Zen-Mönch ordiniert.

Thomas Brunnschweiler
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Meister Shosan Kogetsu schert dem neuen Mönch das letzte Haarbüschel ab.

Meister Shosan Kogetsu schert dem neuen Mönch das letzte Haarbüschel ab.

Thomas Brunnschweiler

Das Dojo – der Meditationsraum – von Zenmeister Shosan Kogetsu, mit bürgerlichem Namen Jörg Bader, befindet sich im Dachstock eines Bauernhauses. Neben den Zenschülerinnen und -schülern sind ein Dutzend Gäste anwesend. Unter dem Klang von Glöckchen und dem Japanischen Holzfisch, einer Art Schlitztrommel, treten die Protagonisten ein: Meister Shosan Kogetsu, Meister Vanja Palmers und Fabian Eggert, der die Mönchsweihe erhalten soll.

Vanja vollzieht mit Räucherstäbchen die symbolische Reinigung des Raums. Shosan im erdbraunen Priesterkleid hält das Kusen, die Unterweisung, wobei er das Ritual erklärt und Leonhard Cohens «Halleluja» abspielt. Beiläufig erfährt man, dass Cohen selbst ein Zen-Mönch war und zeitweilig in einem Zen-Zentrum nahe Los Angeles lebte.

Für Zen ist Buddha kein Gott, sondern ein Meister

Zen ist eine Strömung des Mahayana-Buddhismus. Das chinesische Chan leitet sich vom Sanskritwort Dhana ab, das ungefähr «Zustand meditativer Versenkung» bedeutet. Im 12. Jahrhundert gelangte der Chan-Buddhismus nach Japan und wurde zum Zen. Im Zentrum steht Zazen, das Sitzen in der Versenkung. Zen gilt als «der weglose Weg» oder «das torlose Tor». Zen ist ein reduktionistischer Weg, im Hier und Jetzt zu leben und die Anhaftung an die Illusion eines Ich zu überwinden. Es ist keine Religion, sondern eine Lebensweise, die sich der Vernunft entzieht. Sie lässt sich auf alle Lebensbereiche übertragen: die Kunst des Bogenschiessens (Kyudo) und des Blumensteckens (Kado), die Teezeremonie (Chado) oder die Lyrik («Haiku»). Für die Zen-Schulen ist Buddha ein Meister, nie aber ein vergöttlichtes Wesen wie im Hinajana-Buddhismus. In Japan gibt es die Zen-Schulen Rinzai, Soto und Obaku sowie die moderne Richtung des Sanbo Kyodan.

Der Einzuweihende vollzieht neun Niederwerfungen für Eltern, Ahnen, Lehrer und Anwesende. Er erhält vom Meister das Kechimyaku, die Bestätigung der Blutlinie bis Buddha, und das in langwieriger Arbeit selbst genähte Kesa, das schwarze Mönchskleid. Mit dem Rakusu, einer kleinen Version des Kesa, in dem in Kalligrafie der Mönchsname steht, erhält Fabian Eggert seinen Namen: Fusan Shinkangen – «Der Geist kehrt zum Ursprung zurück».

Danach nimmt er als Auftakt zu den Gelübden Zuflucht zu Buddha, Dharma (Lehre) und Sangha (Gemeinschaft). Die zehn Kais sind ethische Selbstverpflichtungen. Alles vollzieht sich würdig, bedächtig und feierlich, aber nicht steif. Nach einer weiteren Räucherung rezitieren alle Zen-Anhänger das Herz-Sutra, bevor die Prozession langsam wieder den Raum verlässt.

Die Nicht-Erwartung

Jörg Bader, in dessen Witterwiler meditationshalle die Zeremonie stattfand, begann mit 35 Jahren zu meditieren und durchlief eine Zen-Karriere, wobei das Wort Karriere nicht eigentlich zum Zen passt. «Im Zen wird man oder man wird nicht», sagt Bader. Seine Ordination zum Priester erhielt er von zwei Meistern der Soto-Linie des Haupt-Zen-Zentrums in Kalifornien. Damit stehe er in der Blutlinie, die über den japanischen Meister Dogen bis zu Buddha reiche.

Gefragt, warum man Zen nicht erklären könne, sagt er: «Es ist wie das Nichts, das man auch nicht erklären kann.» Bader verbrachte einen ganzen Monat im höchstgelegenen Kloster Antai-ji nördlich von Kobe. Er hat darüber einen Roman geschrieben, in dem die Strapazen der täglichen, bis 15-stündigen Meditation und die strenge Arbeit in den mit Jauche gefüllten Reisfeldern geschildert wird.

Für Bader – oder eben Shosan Kogetsu – ist Zen fast fundamentalistisch. «Als Zen-Mönche sind wir in der letzten Phase, aus dem Rad der Wiedergeburten auszusteigen», sagt er. Bei der Soto-Richtung, der er angehört, tritt die Erleuchtungserfahrung, die in der Rinzai-Richtung zentral ist, eher in den Hintergrund. Es geht im Soto um das Shikantaza, das «Einfach-nur-sitzen», die absichtslose Aufmerksamkeit des Geistes im Zazen. Nicht zufällig heisst sein Dojo «Mukitaimon»: «Das Tor der Nichterwartung».

Bader, der sich intensiv mit Philosophie auseinandergesetzt hat, kam über Zen zu seiner eigenen Weltanschauung. Er nennt sie reduktionistischen Existenzialismus. «Es geht um die pure Existenz, reduziert auf das Hier und Jetzt», erklärt er. Da dem Zen-Buddhismus eine Gottesvorstellung fremd ist, kann der Zenmeister mit der Verknüpfung von Christentum und Zen nicht viel anfangen. «Das ist eigentlich ein Widerspruch in sich», sagt er.

Gefahr der Instrumentalisierung

Das Leben von Jörg Bader war höchst abwechslungsreich. Seine Vorfahren waren fahrende Bader. Als Kind lebte er zwei Jahre mit einem japanischen Jungen aus einer kaiserlichen Familie zusammen und lernte schon früh die japanische Kultur schätzen. Nach dem Abbruch eines Geologiestudiums wurde er Coiffeur und arbeitete beim legendären Hairstylisten Vidal Sassoon in London. Als Geschäftsführer der Coiffure Opéra in Genf frisierte er unter anderem Richard Burton, Jean-Paul Belmondo und Alain Delon. Der Dekadenz des Glamourlebens überdrüssig, eröffnete Bader in Basel 1968 das Studio «Pop Hair» und hatte danach bis 2011 einen Salon bei der Markthalle.

Neben der Meditation widmet sich Bader jeden Dienstag dem Kyudo, dem japanischen Bogenschiessen. Darin wurde er von den höchsten japanischen Meistern ausgebildet. In und um Basel gibt es mehrere Zendos (Räume für Zen-Meditation) oder Dojos (Hallen für Zen-Aktivitäten). Die meisten gehören der Soto-Richtung an.

Zen-Praktizierende wie Jörg Bader wehren sich jedoch gegen eine Instrumentalisierung des Zen, wie sie im sogenannten Bindestrich-Zen – Business-Zen, Wellness-Zen oder Therapie-Zen – zum Ausdruck kommt.

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