Chemiefirma
Druck auf marode Rohner AG: «Wenn die Sicherheit nicht gewährleistet ist, ist es Zeit zu schliessen»

Bereits am Montag, als die Havarie bei der Chemiefirma Rohner in Pratteln bekannt wurde, forderte die Gemeinde: Der Kanton soll einen provisorischen Betriebsstopp prüfen. Jetzt fordern Kenner der Chemiebranche sogar die definitive Schliessung.

Michel Ecklin
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Sperrzone Pratteln wegen Rohner AG
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Im März wurde bekannt, dass die Firma wegen einem Leck in einer Leitung seit mehreren Wochen das Grundwasser verschmutzt.
Am 16. Februar 2016 kam es bei der Rohner AG schon einmal zu einem Chemieunfall. Im Vergleich zum Rohrbruch war dieser weitherum sichtbar. (Archiv)
Damals kam es zu einer Explosion mit anschliessendem Brand.
Bei der Explosion wurden zwei Personen verletzt.
Die Trümmerteile wurden bis auf die Gleise geschleudert.

Sperrzone Pratteln wegen Rohner AG

Keystone

2016 eine Explosion, bei der zwei Mitarbeiter verletzt wurden; und jetzt das Leck in einer Leitung, von dem die Behörden nichts erfuhren, obwohl es das Grundwasser verschmutzte: Das sind zwei Zwischenfälle, mit denen die Prattler Chemiefirma Rohner AG für negative Schlagzeilen sorgte.

Nach dem jüngsten Störfall ist der Ärger über die Firma so gross, dass die Forderung laut wird, Rohner müsse ganz geschlossen werden. «Lieber heute als morgen» solle das der Fall sein, sagt der ehemalige Präsident der landrätlichen Umweltschutz- und Energiekommission, der Prattler Grüne Philipp Schoch.

Chronologie

Pratteln mit seinen vielen Industriearealen blickt auf eine ganze Reihe von Chemieunfällen zurück. Die Übersicht über die vergangenen zehn Jahre zeigt, dass dabei vor allem CABB im Fokus stand:

31. Mai 2010: In der Chemiefabrik der CABB AG explodiert ein Tank mit 55 000 Litern chemikalienhaltigem Produktionsabwasser. Vier Personen werden leicht verletzt.

24. September 2010: Bei der CABB laufen wegen eines Lecks in einer Pumpe 3000 Liter Chloracetylchlorid, eine giftige und ätzende Substanz, aus. Ein Teil davon bildet in Verbindung mit Luftfeuchtigkeit eine Wolke mit Salz- und Essigsäure. Dank des schwachen Winds und der Wasserwände der Feuerwehr bleibt die Wolke über dem Firmenareal stationär. Niemand wird verletzt.

21. Juni 2013: In einem Produktionsgebäude der CABB AG tritt in der Nacht eine ätzende und stark Nebel bildende Chemikalie aus.

3. Juli 2014: Bei der Explosion eines Tanks bei der CABB AG treten hochgiftige Stoffe aus. Ein Mitarbeiter wird vom toxischen Nebel erfasst und seine Lunge so schwer verätzt, dass er zwei Monate später stirbt.

16. Februar 2016: In der Rohner AG kommt es zu einer Explosion mit anschliessendem Brand. Zwei Personen werden verletzt. Die Explosion erfolgt in einer Abteilung, wo Abfallstoffe behandelt werden. Kurz darauf kommt es zu einem weiteren Zwischenfall, bei Aufräumarbeiten entsteht starker Gestank. Daraufhin stellt die Baselbieter Regierung die Firma unter Beobachtung des kantonalen Sicherheitsinspektorats.

5. und 6. Oktober 2016: Bei der CABB AG tritt Chlor aus. Am Folgetag stellen Polizisten fest, dass noch immer Chlor entweicht.

14. und 15. November 2016: In der CABB AG entweichen Schwefeldioxid und Chlorwasserstoff (Salzsäuregas) durch eine Dachluke. Einen Tag später tritt erneut Chlor aus. Kurz darauf wird ein Teil des Managements ausgewechselt.

11. März 2017: Erneut sickern in der CABB aus der Leitung eines Durchlaufzählers Chemikalien aus. Es handelt sich um eine flüssige Chemikalie, die als «eine Art chemischen Alkohols» beschrieben wird. Drei Mitarbeiter kommen ins Spital.

18. August 2017: Aus einem Leck tritt bei der CABB konzentrierte Schwefelsäure aus. Bei der Reparatur der defekten Leitung entweicht am Nachmittag erneut Schwefelsäure. Eine Person wird leicht verletzt.

17. und 18. Juni 2018: Bei CABB ereignen sich zwei Unfälle. Die Polizei informiert die Bevölkerung nicht. Beim ersten tritt ätzendes Oleum aus, zu Schaden kommt niemand. Beim zweiten platzt ein Glasrohr, wodurch ein Mitarbeiter verletzt wird. Die Öffentlichkeit erfährt erst später durch die Medien von den Unfällen. Nur einige Monate vorher liess die Firma verlauten, der Standort Pratteln sei punkto Sicherheit «State of the Art».

30. November 2018: Der Austritt einer geringer Menge chlorierter Essigsäure (Chloroacetylchlorid) löst bei der CABB einen Feuerwehreinsatz aus. Verletzt wird niemand.

12. Februar 2019: Die Rohner AG stellt einen Rohrbruch fest, bei dem Industrieabwasser austritt. Die Firma repariert das Leck, meldet es aber weder Kanton noch Gemeinde.

«Im Wohngebiet so gefährliche Sachen zu produzieren, geht schon mal nicht; wenn dabei nicht für die Sicherheit gesorgt ist, erst recht nicht; und wenn man dann auch noch die hohle Hand macht beim Kanton, dann reichts endgültig.»

Schoch spricht damit den Sondermüll an, den Rohner nach der Explosion 2016 auf ihrem Areal stehen liess, aus Geldknappheit. Der Kanton musste schliesslich für die Entsorgung aufkommen. Nach der Explosion wollte Rohner die Feuerwehrkosten nicht zahlen. 2016 schrammte die Firma knapp am Konkurs vorbei. Die Abwasserreinigungsanlage Rhein nahm nur noch gegen Vorkasse Wasser von Rohner an, und die eigene Vorsorgestiftung betrieb Rohner wegen Mitzinsschulden.

Diese finanziellen Schwierigkeiten sieht der Prattler BDP-Einwohnerrat Marc Bürgi als Grund, warum Rohner den Betrieb beenden sollte. Als Vertriebsleiter einer internationalen Ingenieurunternehmung im Chemiebereich sagt er: «Das ganze bei Rohner noch vorhandene Geld geht in die Produktion und in die Löhne, investiert wird nichts mehr.» Darunter leide natürlich der Unterhalt der Infrastruktur.

«Wenn die Sicherheit und der Umweltschutz nicht gewährleistet sind, ist es Zeit zu schliessen», findet er. Seiner Meinung nach sehen das viele in der regionalen Chemiebranche so. Kanton, Gemeinde und Management müssten jetzt eine gemeinsame Lösung finden, fordert er, um einen Schlussstrich zu ziehen, inklusive Sozialplan.

Per Leserbrief fordert der Ex-Sprecher der Baselbieter Kantonspolizei Meinrad Stöcklin die Behörden auf, endlich zu handeln. «Bei aller Wirtschaftsfreundlichkeit und Toleranz: es reicht», schreibt er. Weil er als Polizeisprecher viel mit Rohner zu tun hatte, meint er zu wissen: «Ich gehe davon aus, dass das Ausmass noch weit dramatischer ist, als nun bekannt geworden ist.» Sein Fazit: «Die Firma gehört mit sofortiger Wirkung geschlossen.»

CABB macht es besser

Bereits am Dienstag hatte auch der Gemeinderat Pratteln gefordert, der Kanton solle die Schliessung der Firma prüfen, allerdings nur eine temporäre. «Unser Vertrauen in die Firma Rohner ist schwer angeschlagen», sagt Gemeindepräsident Stephan Burgunder (FDP).

Er macht auch klar, dass Rohner es besser machen könnte, nämlich wie die Firma CABB in Pratteln – und das, obwohl CABB für weit mehr Störfälle verantwortlich zeichnete (siehe Chronologie links). «Mit CABB stehe ich in einem regelmässigen Austausch», sagt er. «Ich besitze die Handynummern aller relevanten Leute dort und werde immer sofort informiert, wenn etwas vorgefallen ist.»

CABB hat zudem in den vergangenen Jahren 85 Millionen Franken in Sicherheit und Kommunikation investiert, wie sowohl Bürgi als auch Schoch lobend attestieren. Nur: CABB gehört einem potenten Konzern, der die Mittel für Investitionen hat. Rohner hingegen ist eine Einzelfirma. Und von einem Grossen übernommen wird Rohner nicht so bald, wie Branchenkenner Bürgi erklärt: «Die Produkte der Firma sind nicht zukunftsfähig.»

Doch auch mit einem Konkurs wären die Probleme mit Rohner nicht gelöst, ganz im Gegenteil. Nach fast hundert Jahren Produktion sind Gebäude und Boden in Pratteln verseucht. Für die Sanierung wäre die öffentliche Hand verantwortlich. Das Amt für Umweltschutz und Energie schätzte die Kosten vor zwei Jahren auf einen zweistelligen Millionenbetrag.

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