Bottmingen/Binningen
Die Schäfchen wollen sich ihren Hirten nicht aufdrängen lassen

Die Evangelisch-reformierten Kirchenpflege Binningen-Bottmingen wollte die Pfarrstelle ohne öffentliche Ausschreibung besetzen. Doch die Kirchgemeindeversammlung machte ihr einen Strich durch die Rechnung.

Michel Ecklin
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Hinter den Mauern der Evangelisch-Reformieren Kirche in Bottmingen wird um eine Pfarrstelle gestritten.

Hinter den Mauern der Evangelisch-Reformieren Kirche in Bottmingen wird um eine Pfarrstelle gestritten.

Kenneth Nars

Der Plan der Evangelisch-reformierten Kirchenpflege Binningen-Bottmingen ist nicht aufgegangen. Sie wollte den Pfarrer Martin Breitenfeldt definitiv anstellen, nachdem er seit über einem Jahr die Stelle stellvertretend besetzt hatte. Deshalb hatte die Pfarrwahlkommission, in der die Kirchenpflege gut vertreten ist, die frei werdende Stelle nicht öffentlich ausgeschrieben. Stattdessen hatte sie Breitenfeldt als einzigen Kandidaten berufen. Die Kirchgemeindeversammlung sollte Breitenfeldt am Donnerstag nur noch absegnen. Doch dieses Szenario kam bei den 132 Gemeindemitgliedern im Bottminger Saal nicht gut an. Fast einstimmig beschlossen sie, dass die freie Stelle zwingend auszuschreiben ist und somit die Kirchenbasis eine Auswahl haben soll.

Damit ist in der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Binningen-Bottmingen ein Konflikt offen ausgebrochen, der schon länger geschwelt hatte und für einige Gerüchte gesorgt hatte. So war im Vorfeld Breitenfeldts Führungsstil kritisiert worden. Der gebürtige Bremer soll als Direktor von Mission 21 zahlreiche Kündigungen provoziert haben (bz berichtete). Er selber bestritt das. Doch ausschlaggebend war das an der Kirchgemeindeversammlung nicht. Vielmehr entdeckten viele Gläubige im Verlauf der zweieinhalbstündigen Versammlung staunend, dass Breitenfeldt im Seelsorgeteam nicht erwünscht ist.

Energie für Gemeinde ausgeben

Worin das Unwohlsein über den 60-Jährigen besteht, wollte vor den versammelten Gemeindemitgliedern kein Mitglied des Seelsorgeteams detailliert erläutern, mit Hinweis auf den Persönlichkeitsschutz. So brachte Pfarrerin Stéph Zwicky Vicente ihre drei Monate lange Abwesenheit «wegen diversen Umständen in dieser Gemeinde» mit Breitenfeldt in Verbindung. «Ich habe begründete Bedenken gegen den berufenen Kandidaten», sagte sie. Das ganze Pfarrteam sei gegen Breitenfeldt eingestellt. «Und die Stimmung in unserem Team strahlt in die ganze Gemeinde hinaus.»

Ihr Pfarrerskollege Tom Myhre meinte, er wolle seine Energie für die Gemeinde ausgeben, nicht innerhalb des Teams. Auch die dritte Pfarrerin, Kim Marie, erklärte sich «aufgrund der bisherigen Zusammenarbeit mit ihm nicht einverstanden mit der Berufung Breitenfeldts». Denn «die Intensität der Konflikte im Team sprechen dagegen». Details gab auch sie keine an. Ähnlich unscharf blieben die Sozialdiakonen. «Es gibt Spannungen, aber sie sind kaum fassbar», sagte einer, «die Arbeit mit Breitenfeldt kostet uns zu viel Energie» eine andere.

Am konkretesten wurde einige gewöhnliche Gemeindemitglieder, etwa eine Frau, die ehrenamtlich Altersnachmittage leitet. «Der Herr Pfarrer Breitenfeldt grüsst die älteren Menschen nicht», hatte sie festgestellt. Zudem, so andere Stimmen, soll er Abmachungen nicht eingehalten und Entscheide ohne die Betroffenen gefällt haben. «Die Menschen werden überrollt», so brachte eine Frau das Unwohlsein auf den Punkt. Handkehrum wurde an der Kirchgemeindeversammlung deutlich, dass Breitenfeld auch Anhänger hat. Seine Gottesdienste gelten als «schön» und «erhaben».

Kein Team opfern

Die Pfarrwahlkommission musste also ihren Entscheid fällen vor dem Dilemma, entweder das Seelsorgeteam zu verärgern oder einige Gemeindemitglieder zu enttäuschen. «Es war schon ein Thema, die Stelle auszuschreiben», sagte Kommissionspräsidentin Daniela Starke. Am Ende hätten sich aber drei Viertel der Kommission für eine Berufung ausgesprochen.

Trotzdem leuchtete vielen Binninger und Bottminger Protestanten das Vorgehen der Pfarrwahlkommission nicht ein. Offenbar hatte diese den Baselbieter Kirchenrat um Rat gefragt, unter welchen Umständen die Besetzung einer Pfarrstelle ohne Ausschreibung möglich sei. Die Antwort – dass das nur ausnahmsweise geschehen solle – sei unterschlagen worden, so eine Behauptung an der Kirchgemeindeversammlung. Die ehemalige Präsidentin der Pfarrwahlkommission gab dies sogar als Grund an, warum sie im Frühling zurücktrat. Doch wie Stellenbesetzungen abzulaufen haben, sei nirgends festgehalten, hielt Kirchenpflegepräsident Urs von Bidder fest.

Bewirbt sich Breitenfeldt?

Zwar forderten einige Kirchenmitglieder, die Pfarrer sollten sich zusammenraufen und miteinander arbeiten. Doch die grosse Mehrheit der Kirchenbasis hält offenbar an der Harmonie im Pfarrteam fest. «Wir wollen eine ehrenvolle Nomination», sagte zum Beispiel ein Gemeindemitglied. «Ich bin nicht bereit, ein Team zu opfern» ein anderes.

Nach der abgelehnten Berufung Breitenfeldts sagte ein Kirchenmitglied: «Wir müssen uns bewusst sein, dass wir heute Abend einen fähigen Pfarrer mit Schimpf und Schande rausgeschmissen haben.» Doch noch ist offen, was der verschmähte Pfarrer tut. Er könnte sich für die offene Stelle bewerben – oder im Gegenteil aufgrund des Missvertrauensvotums seine bis zum nächsten Sommer befristete Anstellung vorzeitig beenden. Sein Vertrag würde das jedenfalls erlauben. «Es wird sicher nicht einfach», sagt Starke. «Die Auseinandersetzungen in unserer Gemeinde brauchen jetzt Zeit», sagte von Bidder.

Vor der Versammlung hatte Breitenfeldt der bz erklärt, danach keine Auskünfte zu erteilen. Das Gemeindesekretariat will der bz nicht mal ein aktuelles Bild von ihm liefern - offenbar sind die Kirchgemeinde und Breitenfeldt bereits daran, sich langsam voneinander zu distanzieren.

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