Neue Erkenntnisse
Die Nacht, in der in Basel und Binningen vor 80 Jahren die Bomben fielen

Ein Basler Forscher veröffentlicht neue Erkenntnisse zur irrtümlichen Bombardierung von Basel und Binningen vor 80 Jahren.

Bojan Stula
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Die Nacht, in der die Bomben fielen
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Die Bewohner im getroffenen Nachbarhaus am Höhenweg 22 hatten mehr Glück. Zwei Kinder krochen unverletzt aus den Trümmern. Das völlig zerstörte Haus am Binninger Höhenweg 19, in dem drei Frauen starben, musste abgerissen werden. Heute – damals: Das getroffene Wohnhaus am Winkelried wurde Jahrzehnte später durch einen Neubau ersetzt.
Die Bewohner im getroffenen Nachbarhaus am Höhenweg 22 hatten mehr Glück. Zwei Kinder krochen unverletzt aus den Trümmern. Das völlig zerstörte Haus am Binninger Höhenweg 19, in dem drei Frauen starben, musste abgerissen werden. Heute – damals: Das getroffene Wohnhaus am Winkelried wurde Jahrzehnte später durch einen Neubau ersetzt.

Die Nacht, in der die Bomben fielen

Bilder: ZVG/Patrick Schlenker

Zur Beerdigung der drei Frauen auf dem Gottesacker St.Margarethen war die Baselbieter Regierung vollständig erschienen. Im Basler Rathaus hielt der Grosse Rat eine Krisensitzung ab. Der radikaldemokratische Grossratspräsident Eugen Dietschi forderte den Bundesrat auf, bei der Regierung in London strengen Protest einzulegen sowie auf eine vollumfängliche Wiedergutmachung zu drängen. Auf rund 700'000 Franken schätzte die Brandversicherungsanstalt die entstandenen Gebäudeschäden.

Die Bombardierung von Basel und Binningen in der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 1940 war ein Irrtum. Begangen von Flugzeugen einer Bomberstaffel der britischen Royal Airforce (RAF), die eigentlich das 230 Kilometer nördlich gelegene Mannheim zum Ziel gehabt hatten. Für die Region Basel war es aber der erste reale, wahrhaft erschütternde Kriegseindruck mit den ersten Kriegstoten. Entsprechend hoch gingen in der Bevölkerung die Wogen.

Die «Basellandschaftliche Zeitung» empörte sich stärker als andere Zeitungen über das Vorgefallene: Die RAF-Piloten hätten «ihre Sorgfaltspflicht» verletzt, indem sie ihre Bombenlast über unbekanntem Gebiet ausklinkten. Aber von einer britischen Luftwaffe, die ganze Staffeln mit Piloten aus den Kolonien einsetze, könne auch nichts anderes erwartet werden, schimpfte die bz im Dezember 1940 mit rassistisch gefärbtem Unterton. In der Bevölkerung verfluchte man die vom Bundesrat angeordnete Verdunkelung, die es den Nachtfliegern verunmöglicht hatte, zwischen der neutralen Schweiz und dem Feindesland zu unterscheiden.

Die ersten Kriegstoten in der Region

Heute weiss wohl niemand besser Bescheid über die Bomben auf Basel und Binningen als der 47-jährige Basler Militärhistoriker Patrick Schlenker. Seit über einem Jahrzehnt trägt er akribisch sämtliche Details zusammen, redet mit Zeitzeugen, durchforstet die Archive und sammelt Gegenstände jener Zeit. Er war es auch, der anhand von seismologischen Aufzeichnungen den genauen Zeitpunkt und die Lage der Bombeneinschläge rekonstruiert hat.

Um 23.07 Uhr schlug die erste von vier Bomben in der Basler Centralbahnstrasse und auf den Gleisanlagen des Bahnhofs SBB ein. Wenig später detonierten am Winkelriedplatz vier weitere. Frieda Zorn, eine 41-jährige Deutsche wurde von den Bombensplittern getötet.

Doch der Spuk war noch nicht vorbei. Die britischen Flugzeuge kehrten nach einer weiten Schlaufe über das Leimental zurück: Um genau 11 Minuten und 15 Sekunden nach Mitternacht legte eine 500-Kilo-Bombe das Wohnhaus am Höhenweg 19 in Trümmer. Grossmutter, Mutter und Tochter Zeller wurden von Trümmerteilen erschlagen, der schlafende Ehemann samt Bett in den Garten geschleudert, überlebte aber. An einem Nachbarhaus riss der Detonationsdruck eine Seitenwand heraus. Glück im Unglück: Auf einer Wiese an der Langen Gasse gingen 53 Brandstabbomben nieder, die kaum Schaden anrichteten.

In vier Wochen wird sich diese tragische Bombennacht zum 80. Mal jähren. Patrick Schlenker hat aus diesem Anlass eine Serie von Heute-damals-Fotos zusammengestellt. Von einem Buchprojekt im Hinblick auf den 75. Jahrestag rieten ihm alle angefragten Buchverlage wegen mangelnder Verkaufsaussichten ab. Jetzt publiziert er laufend zum Thema im Internet.

Hinweis

Schlenkers Forschungen sind unter http://raf.durham-light-infantry.ch zusammengefasst.

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