Ein-Blick
Die modernen Wilhelm Tells – Zu Besuch im Armbrustschützenverein

Ein Blick beim Armbrustschützenverein. In der Rubrik «Ein-Blick» gewährt die «Schweiz am Wochenende» den Lesern Einblick in die Mikrokosmen unserer Gesellschaft.

Lucas Huber
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Mit dem 7500-Franken-Gerät lässt sich zentimetergenau zielen.

Mit dem 7500-Franken-Gerät lässt sich zentimetergenau zielen.

Lucas Huber

Ein Schmelzofen steht im Keller des Vereinshauses, das eigentlich ein Chalet ist, mit Holzofen und Täfer rundherum, Schützenstrasse in Reinach. Hier zu Hause ist der Armbrustschützenverein Reinach-Birseck, 61-jährig, eine kleine Jungschützenabteilung, zehn Aktivmitglieder, neun von ihnen Mannen. Was diese mit ihrem Ofen schmelzen, dazu später mehr.

Denn erst geht es, wenn es ums Schiessen mit Armbrüsten geht, stets auch um Wilhelm Tell, Sohn Walterli und einen roten Apfel. Vereinspräsident Franz Kaufmann ist sich dessen bewusst. Doch auf Tell lässt er sich nicht reduzieren. «Und ohnehin muss ich vorwegschicken: Die Armbrust ist keine Waffe, sondern ein Sportgerät.» Der Armbrustschützensport sei eine komplexe Angelegenheit, die jahrelang trainierte Bewegungsabläufe mit mentalen Aspekten vereine.

In der Rubrik «Ein-Blick» gewährt die «Schweiz am Wochenende» den Lesern Einblick in die Mikrokosmen unserer Gesellschaft. Die Redaktoren beleuchten lustige Vereine, angefressene Sammler oder abgedrehte Nerds. Natürlich kann sich melden, wer sich angesprochen fühlt.

So überrascht es nicht, dass absolute Stille herrscht, während die Schützen in ihren Ständen kniend die Zielscheibe ins Visier nehmen. Kein Wort fällt, 10 respektive 30 Meter beträgt die Distanz. Man sei dann, sagt einer der Schützen, der ein Band um die Stirn trägt wie einst Rambo im Film, «voll im Flow und eigentlich nicht mehr ansprechbar.»

Dieser Flow beginnt schon vor dem ersten Schuss, der die Zielscheibe mit rund 210 Kilometer pro Stunde durchschlagen wird, um sich in eine Bleiplatte zu bohren, aus der er sich nur dank eines Gewindes wieder löst. Holz würde derweil zersplittern, nur Blei hält die bis zu 500 Franken teuren Karbon- und Holzpfeile unbeschadet.

Wer es selbst versuchen will:

Die Armbrustschützen empfangen auf Voranmeldung gern zum Probeschiessen. Weitere Infos auf www.asvrb.ch

Mentale Höchstleistung

Und weil diese Pfeile tiefe Löcher im Metall hinterlassen, wird im Keller des Schützenchalets zu Reinach besagter Schmelzofen gelegentlich eingeheizt. Doch zurück zum Flow, der bei den Vorbereitungen der Schützen entsteht. Jeder hat sein eigenes Ritual, beim Anziehen des hautengen Anzugs, den man für die Stabilität trägt, genauso wie beim Überstreifen von Schützenjacke und -hose.

Einige schirmen sich mit Ohrenschutz vor den Geräuschen der anderen ab, fingerlose Handschuhe werden montiert, Muskeln gedehnt, Positionen eingenommen, Bügel in Achselhöhlen geklemmt, Armbrüste mit 30 Kilo Gewicht gespannt, 35 Gramm leichte Pfeile eingelegt, während Schiessaugen mit dem Ring des Diopters kreisen, die integrierte Waage stets im Wasser. Es ist der totale Fokus – und Armbrustschiessen mentale Höchstleistung.

Immer mittwochs treffen sich die Armbrustschützen, daneben bieten sie Firmenschiessen an und vermieten ihr Lokal. Ohne Nebeneinkünfte liesse sich der Betrieb nicht mehr finanzieren, sagt Kaufmann. Kommen Firmenbelegschaften zum Spass-Schiessen, laute die erste Frage jeweils, wer denn den Walterli mime, auf dessen Kopf der Apfel zu liegen komme. Natürlich keiner; der Verein hat dafür eigens eine Zielscheibe mit aufgedrucktem Apfel kreiert.

7500 Franken kostet eine hochwertige 30-Meter-Armbrust. Für Interessierte und Anfänger stehen darum eine Handvoll vereinseigene Armbrüste zur Verfügung. Kaufmann betont, dass es weltweit lediglich zwei Hersteller von Sportarmbrüsten gibt – «und die sitzen beide in der Schweiz.» Das macht den Armbrustschützensport zu einer regionalen Angelegenheit, die Hochburgen liegen in Deutschland, auf dem Balkan und in der Schweiz, die 2000 lizenzierte Armbrustschützen zählt. Und in Reinach.

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