Schule
Die Lehrpersonen sind so gläsern wie noch nie zuvor

Das Drama um die entlassene Muttenzer Seklehrerin zeigt: Die Lehrkräfte müssen in der heutigen Zeit besonders aufpassen, wie sie sich verhalten. Dies gilt auch für soziale Medien und den ausserschulischen Kontakt mit den Schülern.

Leif Simonsen
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Die Aargauer Lehrer erhalten eine Checkliste für die Verhaltensweise bei Amokläufen. Symbolbild/az-archiv

Die Aargauer Lehrer erhalten eine Checkliste für die Verhaltensweise bei Amokläufen. Symbolbild/az-archiv

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Das Drama vom Muttenzer Margelackerschulhaus ist für den Baselbieter Lehrervereinspräsidenten Michael Weiss ein deutliches Zeichen: Die Lehrer müssen in der heutigen Zeit von Social Media, Internet und Handygebrauch vorsichtiger sein als je zuvor. «Früher konnten sie sich sehr viel erlauben. Es blieb nahezu alles im Klassenzimmer. Dass heute keine Ohrfeigen mehr verteilt werden, ist natürlich gut. Aber hin und wieder droht es, ins andere Extrem zu kippen.»

Das andere Extrem ist das, was die Muttenzer Sekundarschullehrerin Anita Biedert am eigenen Leib erfahren musste. Sie hatte einem Schüler das SMS mit dem Inhalt «Vergiss den CH-Pass mit deinen Deutschkenntnissen» geschrieben. Der Schüler hatte geschwänzt und sich mit den Worten abgemeldet: «Schuel schisst mi a.»

Daraufhin war die Sache eskaliert, Biedert wurde im Lehrerkollegium gemobbt, wurde von der Schulleitung gezwungen, sich für den angeblich rassistischen Vorfall zu entschuldigen. Letztendlich verlor Biedert ihre die Stelle.

Jeder setzt eigene Grenzen

Sei es eine SMS im Affekt, eine intime Facebook-Botschaft, ein Handyanruf an einem Samstagabend. Wo müssen die Lehrer heute ihre Grenzen ziehen zwischen Privatem und Beruflichem? «Klare Richtlinien sind schwierig zu erstellen, weil es immer neue Kommunikationsmittel und -wege gibt», sagt Michael Weiss. Er persönlich achtet darauf, im Umgang mit den Schülern sehr formell zu sein. Via Handy etwa wählt er stets die gleiche Ansprache («lieber ...) und Grussformel («mit freundlichen Grüssen»).

Auch bei den Baselbieter Schulleitern ist die Gefahr bekannt. Beat Lüthy, Präsident des Schulleiterverbands, mahnt zur äussersten Vorsicht. «Ich persönlich rate von Facebook-Freundschaften mit Schülern ab.»

Auch um sich zu schützen, besitzt Lüthy keine Handynummern seiner Schüler. Er bestreitet aber nicht, dass der Besitz von Handynummern auch mal nützlich sein könnte. «In Schullagern kann das durchaus hilfreich sein.»

Lüthy sagt, dass es im Lehrerkollegium keinen einheitlichen Umgang mit den modernen Kommunikationsmitteln gibt. «Viele schreiben SMS an ihre Schüler und erkundigen sich bei Absenzen nach dem Grund.» Für Lüthy ist das legitim, er hält es gar für vernünftig: «Die Sekundarlehrer fühlen sich ja verantwortlich für die Schüler, sind oft auch besorgt.»

Zurückholen ist kaum möglich

Dass Handlungsbedarf besteht, hat vor diesem Hintergrund auch der Dachverband der Schweizerischen Lehrerinnen und Lehrer (LCH) erkannt. Im letzten September hat er zusammen mit den Lehrerdachverbänden aus Deutschland und Österreich einen Leitfaden zum Umgang mit Social Media veröffentlicht. Unter anderem gilt hier die Empfehlung: «So wie Sie sich auch im täglichen beruflichen Leben als Lehrperson geben, so sollten Sie auch online kommunizieren – nicht zu persönlich und freundschaftlich.»

Neben der nötigen Distanz, welche die Lehrer gegenüber den Schülern in ihrer Rolle als «öffentliche Person» bewahren sollten, warnt das Handbuch genauso vor Schnellschüssen. Der Wortlaut des Leitfadens erinnert in erschreckender Weise an den Fall in Muttenz: «Seien Sie zurückhaltend mit allzu schnellen Aktivitäten. Ein ‹Zurückholen› von Gesagtem oder von Fotos aus dem Internet ist kaum mehr möglich. Auch Medien nehmen krasse Aussagen gerne auf und schaukeln sie weiter auf.»

Die Wirkung von Fehlern sei deshalb im Vergleich zum normalen Alltag enorm, heisst es im Leitfaden für Lehrer und Schulleiter weiter. Die Konsequenzen könnten schlimmstenfalls bis zum Verlust der Anstellung und zur völligen sozialen Ausgrenzung führen.

Während Baselland diesbezüglich weder Gesetze noch Richtlinien kennt, tut sich auf höherer Ebene einiges. LCH-Präsident Beat Zemp macht die Beobachtung, dass es in den Schweizer Schulen einen Trend in Richtung Zentralisierung und Professionalisierung der Informatikdienste gibt.

In Teilen Deutschlands sei man aber noch ein Stück weiter: «Es gibt Bundesländer, die den Kontakt zwischen Lehrpersonen und Schülern nur über eigene, geschützte Webportale erlauben statt über soziale Medien.»

Das in letzter Zeit oft thematisierte «Cybermobbing», also Mobbing übers Netz, betreffe zwar vor allem Schüler, manchmal aber auch Lehrer. «In krassen Fällen empfehlen wir, Anzeige zu erstatten», rät Zemp.