Jubiläum
Die erste Schweizer Ludothek gab es in Münchenstein – daraus wurde eine Erfolgsgeschichte

1972 öffnete die Münchensteiner Ludothek ihre Türen. Der Nationale Verband wird nächstes Jahr 40-jährig.

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Ludothek Münchenstein

Ludothek Münchenstein

Boris Burkhardt
Die Kinder von Conny Wermuth dürfen sich in der Ludothek Hofstetten-Flüh noch ein paar CD aussuchen.

Die Kinder von Conny Wermuth dürfen sich in der Ludothek Hofstetten-Flüh noch ein paar CD aussuchen.

Boris Burkhardt

Grossmutter Daniela Maurer aus Bottmingen stellt die Brio-Eisenbahn im Hartplastikbehälter auf den Tresen, damit Sarah Koch-Frey die Ausleihe für vier Wochen registrieren kann. Derweil dreht ihr vier Jahre alter Enkel Timéo aus Biel-Benken in der Feuerwehr-Seifenkiste mit einem passenden Plastikhelm auf dem Kopf noch ein paar Runden zwischen den Regalen hindurch, auf denen Playmobil-Packungen und grosse Plastikpiratenschiffe für kleinere Kinder stehen.

Es ist Donnerstagnachmittag, kurz vor 16 Uhr: Die Ludothek Binningen schliesst gleich. Als letzte Kundin für heute leiht sich die achtjährige Florianne aus Basel mit ihrem Grossvater, der in Binningen wohnt, eine Kiste mit magnetischen Stäben zum Basteln aus.

Zehn Kunden haben Koch-Frey und ihre Kollegin Sandra Güntert heute seit 14 Uhr gezählt: ein sehr ruhiger Nachmittag, was aber so kurz vor Weihnachten nicht ungewöhnlich ist.

17 Ludotheken gehören dem Regionalverband Basel an

Ludotheken sind eine Schweizer Erfolgsgeschichte, wie es sie in Deutschland zum Beispiel nicht gibt. Anfang der Siebzigerjahre fasste das Konzept einer «Bibliothek» für Spiele und Spielsachen aus dem angelsächsischen Raum Fuss in der Schweiz.

Die erste Ludothek wurde 1972 sogar in der Nordwestschweiz, in Münchenstein, eröffnet; Binningen folgte 1977. Der Verband der Schweizer Ludotheken (VSL) ist 1980 gegründet worden und feiert im kommenden Jahr seinen 40. Geburtstag mit Veranstaltungen schweizweit und in der Region.

Dem Regionalverband Basel sind derzeit 17 Ludotheken zwischen Riehen und Gelterkinden, Rheinfelden und Hofstetten-Flüh angeschlossen, zehn davon im Kanton Baselland. Die Mitglieds-Ludotheken richten ihr Angebot nach den Betriebsstandards des VSL aus.

Vielen mögen beim Wort «Ludothek» vor allem Brett- und Gesellschaftsspiele in den Sinn kommen; doch die Ludotheken bieten weitaus mehr. In Binningen gibt es zum Beispiel eine Zuckerwattemaschine und ein grosses Glücksrad, die jüngst für das Dorffest in Binningen und das Schulfest in Schönenbuch ausgeliehen worden sind.

Zum Standardangebot gehören auch Fahrzeuge für Kinder vom Bobbycar bis zum Trottinett, wie zum Beispiel Timéos Feuerwehrauto: In der Ludothek Binningen sind heute alle vollzählig vorhanden; im Winter würden sie verständlicherweise seltener ausgeliehen, sagt Koch-Frey.

Die Ludotheken der Nordwestschweiz sind alle als selbstständige Vereine organisiert. Sie werden aber mit unterschiedlicher Intensität von den Gemeinden unterstützt und nutzen gelegentlich Synergien mit anderen Einrichtungen.

So ist die Ludothek in Binningen im selben Haus wie das Familienzentrum untergebracht, in Gelterkinden und Laufen zusammen mit der Gemeindebibliothek. Die meisten Gemeinden erlassen den Ludotheken auch die Miete; andere wie die in Rheinfelden mussten sich selbst Räumlichkeiten suchen und mieten.

Die zusätzliche finanzielle Unterstützung durch die Gemeinde liegt zwischen 1600 Franken in Hofstetten-Flüh, wo aber zusätzlich die Nebenkosten übernommen werden, und 10 500 Franken in Birsfelden. Die Ludothek Laufental-Thier- stein in Laufen wird von vielen Gemeinden gemeinsam getragen; in Birsfelden wird sie indirekt über den Verein für die Schuljugend subventioniert.

Das Angebot der Ludotheken richtet sich nicht nur an Kinder, wie jährliche Spieltage und monatliche Spielabende mit grosser Resonanz belegen. Besonders aktiv ist hier die Gelterkinden Ludothek: Leiterin Irène Persson und ihre fünf Mitarbeiterinnen laden monatlich je zum «Kids’ Club» nachmittags sowie zum «Gameclub» abends für Erwachsene mit Bar ein.

Die Gelterkinder organisierten ausserdem im September zusammen mit der Ludothek in Pratteln bereits die zweite Baselbieter Spielnacht mit laut Persson 720 Teilnehmenden.

16.50 Uhr in Hofstetten-Flüh: Der grosse Run gleich nach der Öffnung um 16 Uhr ist vorüber; die Kunden brachten 24 ausgeliehene Dinge zurück und nahmen 17 neue in die Weihnachtsferien mit. Leiterin Sabine Heinrichs und ihre Mitarbeiterinnen Nicole Stampfli und Sascha Hostettler sind nun dabei, die ausgeliehenen Sachen – Holzeisenbahnen, Brettspiele, Puzzles und Plastikbausätze – aus den Verpackungen zu holen, auf ihre Vollständigkeit und Unversehrtheit zu überprüfen und wenn nötig zu putzen.

Das ist deutlich aufwendiger, als zum Beispiel in einer Bibliothek Bücher auf ihren Zustand zu begutachten. Dennoch arbeiten wie in Hofstetten-Flüh viele Ludothekarinnen – Männer gibt es nur vereinzelt – ehrenamtlich.

«Ehrenamtliche Arbeit nicht wertgeschätzt»

In Rheinfelden bedauert Indira Gerber sehr, dass sie ihren Mitarbeiterinnen keinen Lohn zahlen kann: «Die Gesellschaft schätzt ehrenamtliche Arbeit nicht wert.» Andere Leiterinnen und Mitarbeiterinnen bekommen einen Stundenlohn bis maximal 25 Franken. In Binningen hat Leiterin Maria Lorenz ein fixes 20-Prozent-Pensum mit monatlich 1000 Franken.

In Hofstetten-Flüh hat Conny Wermuth mit dem fünfjährigen Nino und der siebenjährigen Mila gerade ein paar Sachen zurückgebracht, unter anderem ein Skateboard und ein Pedelec. Die Kinder dürfen sich für die Weihnachtsferien noch ein paar CD aussuchen.

«Wir schenken wegen der Ludothek nicht weniger zu Weihnachten», sagt Wermuth, «aber gezielter.» Oft stecke in einer tollen Verpackung ein Spiel, das den Kindern schnell langweilig werde. Wermuths kaufen deshalb als Geschenke für die Kinder nur, «was wir hier schon mindestens zehnmal ausgeliehen haben.»

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