Deponiesanierung
Die bz erklärt Ihnen, wie das Gift am besten aus dem Boden kommt

Die Kontroversen um die richtige Methode, eine Kontamination des Grundwassers zu verhindern, verunsichern nicht nur die Muttenzer, sondern über 200000 Menschen, die von der Muttenzer Hard ihr Trinkwasser beziehen. Die wichtigsten Fakten zu Feldreben.

Boris Burkhardt
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Wie in einer Geisterstadt: Die Gebäude im Gebiet Feldreben stehen noch, sind aber bereits verlassen.

Wie in einer Geisterstadt: Die Gebäude im Gebiet Feldreben stehen noch, sind aber bereits verlassen.

Juri Junkov

Was ist die Deponie Feldreben?

Die Deponie Feldreben ist neben Margelacker und Rothausstrasse die grösste Deponie auf dem Gebiet der Gemeinde Muttenz. Sie ist heute komplett überbaut und liegt zwischen Stegacker-, Hofacker- und Krieg-ackerstrasse. Sie befindet sich damit im Entwicklungsgebiet Polyfeld, das Kanton und Gemeinde neu überbauen wollen. Bis 1957 wurde die ehemalige Kiesgrube sowohl mit Bauschutt, Sperrmüll und Haushaltabfällen aufgefüllt als auch mit giftigen Abfällen aus den chemischen Betrieben, deren Rechtsnachfolgerinnen heute die drei Chemie- und Pharma-Konzerne BASF, Novartis und Syngenta sind. Der Anteil der Chemieabfälle in der Deponie wird auf rund 2 Prozent geschätzt, laut Industrie bis zu 25 000 Tonnen.

Welche Gefahr stellt die Deponie Feldreben dar?

Während die Deponien Margelacker und Rothausstrasse lediglich überwacht werden, entschied der Kanton 2008, dass Feldreben saniert, also nach seiner Definition verhindert werden müsse, dass Schadstoffe weiterhin ins Grundwasser gelangen. Es besteht die Gefahr, dass die giftigen Stoffe in gesundheitsschädlicher Konzentration ins Grundwasser gelangen, von dem in der Hard über 200 000 Menschen in Muttenz, Allschwil, Birsfelden und Basel trinken.

Wer entscheidet über die Feldreben-Sanierung?

Entscheiden werden über das Projekt der Feldreben-Sanierung jene Beteiligten, welche die Kosten der Projekterarbeitung von 4 Millionen Franken tragen. Das Bundesamt für Umwelt (BAFU) wird aus dem nationalen Altlastenfonds 40 Prozent zuschiessen. Von den restlichen Kosten übernehmen die drei Firmen BASF, Novartis und Syngenta 60 Prozent. Weiterhin sind an den Kosten und Planungen die Kantone beider Basel und die Gemeinde Muttenz beteiligt. Kritiker monieren allerdings bei diesem Kostenschlüssel, dass die Bundesgelder zur Deckung der Kosten der öffentlichen Hand und nicht zur Subventionierung der chemischen Industrie gedacht sei. Zur Trägerschaft der Sanierungsarbeiten selbst haben die Verantwortlichen bis jetzt noch nichts vereinbart.

Was ist der «Runde Tisch»?

«Runder Tisch» ist der Name der Steuerungskommission der Kostenträger, die den Sanierungsplan ausarbeitet. In ihr haben Vertreter aller oben genannter Beteiligter Einsitz. Sie unterbreitet dem Baselbieter Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) einen Sanierungsplan zur Genehmigung. Mit einem Mandat von den Mitgliedern des Runden Tisches sind beauftragt der Ingenieur Bernhard Matter als Geschäftsführer und Technischer Projektleiter sowie die Umweltberaterin Franziska Ritter als Sekretärin des Runden Tisches. Matter und Ritter haben beide bereits Erfahrungen mit der Sanierung der Chemiemülldeponie im jurassischen Bonfol.

Auf welchem Planungsstand ist die Sanierung?

Nach den Voruntersuchungen ab 2003 entschied das AUE 2008, dass die Deponie Feldreben saniert werden müsse. Die Ziele und Dringlichkeit der Sanierung sowie die Organisationsstruktur des Runden Tisches wurden der Öffentlichkeit im September 2011 präsentiert. Nach Standortuntersuchungen und Machbarkeitsstudien bis Herbst 2012 wurden letzte Woche drei Konzepte vorgestellt, wie das Sanierungsprojekt eingereicht und die Arbeiten zeitlich geplant werden könnten.

Was wird in Zukunft noch geschehen?

Im Spätherbst 2013 will der Runde Tisch den Sanierungsvorschlag einreichen. Das AUE und das BAFU werden diesen Vorschlag prüfen und bis Ende Jahr die definitiven Sanierungsmassnahmen, eventuelle Auflagen und Sicherheitsbestimmungen festlegen. Wichtigste Massnahme ist es laut Projektleitung, den Felsen im Untergrund von Schadstoffen reinzuwaschen, die das Sickerwasser dorthin transportiert. Zusätzlich soll über weitere Massnahmen entschieden werden. Wahrscheinlich wird es eine Kombination von Teilaushub und Abdichtungsmassnahmen geben, die verhindern sollen, dass das Sickerwasser neue Schadstoffe Richtung Grundwasser hinabtransportiert. Ursprünglich war geplant, mit den Sanierungsarbeiten dieses Jahr zu beginnen; jetzt liegt der Termin frühestens im Sommer 2014. Der weitere Zeitplan sieht vor, dass die Konzentrationswerte der Schadstoffe im Grundwasser fünf Jahre nach Sanierungsbeginn halbiert werden. Nach 50 Jahren soll die Deponie soweit bereinigt sein, dass es keiner aktiven Massnahmen mehr bedarf.

Wer ist die Allianz Deponien Muttenz?

Die «Allianz Deponien Muttenz» (ADM) setzt sich nach eigener Definition «im Interesse von Menschen und Umwelt für eine sichere, einmalige, definitive und gemäss dem neuesten Stand der Technik durchzuführende Sanierung der Chemiemülldeponien im Umfeld des Trinkwasserschutzgebiets Muttenzer Hard» ein. Die Allianz setzt sich zusammen aus verschiedenen links-grünen Kantons- und Ortsparteien beider Basel sowie den Umweltschutzorganisationen Greenpeace, WWF, VCS, den Aktionskomiteen «Nie wieder Atommüll» und «Chemiemüll weg!», dem Forum besorgter Trinkwasser-Konsumenten sowie der Gewerkschaft Syna. Für die ADM arbeiten unabhängige Experten wie die Geografen Martin Forter (Basel) und Walter Wildi (Université de Genève).

Warum kritisiert Die ADM die Sanierungspläne?

Die ADM befürchtet, dass die Verantwortlichen aus Kostengründen die billigste Sanierungsvariante wählen werden, die aber aus ihrer Sicht keine nachhaltige Entfernung der Schadstoffe garantieren würde. Deshalb forderte sie bereits 2011, ihre Experten an den Runden Tisch schicken zu dürfen, um von Anfang an mitreden zu können. Ihr Misstrauen gegen Kanton und Industrie resultiert aus den schlechten Erfahrungen der aktiven Mitglieder bei anderen Deponien wie Bonfol (JU), wo ihre Forderungen nach strengeren Sanierungsmassnahmen in einem gerichtlichen Vergleich bestätigt wurden.

Worin genau liegt die Meinungsverschiedenheit?

Der Hauptvorwurf der ADM betrifft die Anzahl der Schadstoffe, anhand derer die Sanierungsziele festgelegt werden. Insgesamt 4000 Stoffe wurden im Deponieboden gefunden; einige davon konnten nicht identifiziert werden. Das AUE widmete nähere Untersuchungen nur neun der 4000 Stoffe, woraus die ADM schliesst, dass 3991 Stoffe unberücksichtigt bleiben. Die Projektleitung ist aber der Ansicht, dass diese neun Stoffe als Messgrösse stellvertretend für alle anderen Stoffe fungieren.

Was hat es mit den Schadstoffen im Felsen auf sich?

Die ADM-Experten gehen im Gegensatz zur Projektleitung davon aus, dass der Felsen im Untergrund die Schadstoffe nicht komplett bindet. Ihrer Meinung nach ist das Gestein porös und gewährt einen Durchfluss zu tieferen Grundwasserschichten. Sie zweifeln an, dass sich überhaupt 80 Prozent der Schadstoffe bereits im Felsen befinden, wie die Projektleitung aufgrund ihrer Analysen von Durchflussmenge, Sickerwasser und Grundwasser behauptet. Die ADM hält diese Zahl für Spekulation. Ausserdem habe das AUE bisher nur von ungefähr 50 Prozent der Schadstoffe gesprochen, die sich im Felsen befänden. Um sicherzugehen, dass letztlich alle Schadstoffe aus dem Boden entfernt werden, fordert die ADM deshalb einen Totalaushub. Trotz der Volksabstimmung 2010, die eine Totalsanierung ablehnte, sei dies notwendig, um die schweizerische Altlastenverordnung, die Grenzwerte von giftigen Stoffen festlegt, zu erfüllen.

Welche Rolle spielt die Industrie?

Die ADM wirft Franziska Ritter vor, dass sie in Bonfol Verwaltungsratspräsidentin der Firma ist, die für BASF, Novartis und Syngenta die dortige Deponie saniert. Sie sei dadurch zu sehr mit der Industrie verbandelt und würde in deren Sinne auf eine möglichst kostensparende Sanierung hinarbeiten. Die drei Konzerne schwiegen bisher zu diesen Vorwürfen. Aus inoffiziellen Quellen heisst es, die Konzerne wünschten sich eine nachhaltige Sanierung, um das Kapitel definitiv abzuschliessen, wollten aber nur die Massnahmen mitfinanzieren, die für dieses Ziel nötig seien.

Was erhoffen sich die Kritiker von Regierungsrat Isaac Reber?

Regierungsrat Isaac Reber übernahm nach dem Tod Peter Zwicks den Vorsitz des Runden Tisches. Die ADM hofft deshalb, dass er als Grüner mehr Einfluss in ihrem Sinne ausüben wird und vor allem die Kommunikation nach aussen verbessert. Diese Hoffnungen werden sich aber wohl nicht erfüllen: Reber selbst gab bereits zu verstehen, dass er sich nur als Interimsvorsitzender verstehe und sich deshalb nicht öffentlich zu seiner Rolle äussern werde.

Warum kommuniziert der Kanton so defensiv?

Rolf Wirz, Sprecher des Runden Tisches, hält es für schwierig, Dinge nach aussen zu kommunizieren, die noch Teil von sich ändernden Planungen sind. Demnächst soll eine eigene Internetseite zur Feldreben-Sanierung aber Auskunft zu allen Fragen, auch den kritischen, geben. Wirz bedauert, dass die ADM einen Einsitz in die bisher nicht konstituierte Begleit- und Informationskommission ablehnt hatte. Dort hätte sie immer noch medienwirksam austreten können, wenn sie sich nicht ernst genommen gefühlt hätte. Die ADM begründete ihre Absage damals damit, dass es keinen Sinn mache, ihre Deponieexperten mit Nicht-Fachleuten diskutieren zu lassen. Projektleiter Matter will einen neuen Versuch starten, eine Begleitkommission zu etablieren, wenn das Sanierungsprojekt vorliegt.

Die bz hat in einem Dossier die Entwicklung der Sanierungsplanung seit 2011 sowie die wichtigsten Fragen zum Thema Feldreben zusammengefasst.

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