Philipp Schoch
Der Realo-Grüne übernimmt das Landratspräsidium

Philipp Schoch präsidiert das Baselbieter Kantonsparlament im Amtsjahr 2016/2017. Der Landrat hat den Grünen am Donnerstag an seine Spitze gewählt. Neuer Regierungspräsident wird Thomas Weber (SVP). Mit Schoch wird ein Vertreter aus dem städtischen Milieu höchster Baselbieter.

Hans-Martin Jermann
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Mag es unkompliziert: der neue Landratspräsident auf einem der Balkone des Regierungsgebäudes in Liestal. Martin Töngi

Mag es unkompliziert: der neue Landratspräsident auf einem der Balkone des Regierungsgebäudes in Liestal. Martin Töngi

Martin Toengi

Wenn der Landrat am Donnerstag Philipp Schoch zu seinem Präsidenten wählt, dann wird im kommenden Jahr ein Politiker einer neuen Generation das Baselbiet repräsentieren. Schoch ist der erste in den 1970er-Jahren geborene Landratspräsident und – nach Daniel Müller (1993/ 1994) und Esther Maag (2007/ 2008) – erst der dritte Grüne im formell höchsten Amt des Kantons. Der Prattler ist ein Vertreter des urban-alternativen Milieus und als solcher im Landrat eher eine Randerscheinung.

Während sich andere angehende Ratspräsidentinnen und -präsidenten für den Fototermin jeweils in die obligate Schale oder ein schickes Deux-Pièces werfen, erscheint Schoch im Poloshirt. Unkompliziert, lässig. Am heutigen Wahltag wird er sich freilich eine Krawatte umbinden. Es ist die grosse Ausnahme. «Ich möchte in meinem Präsidiumsjahr ein etwas anderes Bild unseres Kantons vermitteln», sagt er. Dies auch im übertragenen Sinne: Schoch steht ein für ein modernes, selbstbewusstes Baselbiet.

Erfolgreicher Grünen-Chef

Auch will er im Präsidiumsjahr vorleben, dass Politik nicht immer eine bierernste Angelegenheit sein muss. Schoch ist unter Parteifreunden und im Landrat bekannt als einer, der gerne lacht und sich mit ironischen Bemerkungen nicht zurückhält. Doch, wie um Missverständnissen vorzubeugen, fügt er an: Er wolle in seinem Präsidiumsjahr nicht alles anders machen oder gar provozieren. «Das wäre dem Amt nicht angemessen und nicht würdig.»

Schoch weiss, wann er sich anzupassen hat und wie man in einem bürgerlich geprägten Kanton als Grüner politisch erfolgreich ist. «Vom Baselbieter sagt man, er sei pragmatisch. Das trage ich schon auch in mir», findet er. Als 29-Jähriger übernahm er 2002 das Präsidium der Baselbieter Grünen; unter seiner Leitung legte die Partei im folgenden Jahrzehnt stark zu: Von fünf Landratssitzen bei den Wahlen 2003 auf zwölf im Jahr 2011. Seine Zeit als Parteichef wurde im selben Jahr gekrönt durch die Wahl des ersten grünen Baselbieter Regierungsrats – Isaac Reber. «Mit grüner Fundi-Politik wäre das alles nicht möglich gewesen», ist Schoch überzeugt. Er hat den Realo-Kurs der Baselbieter Kantonalpartei denn auch wesentlich mitgeprägt.

Liberales Elternhaus

Der pragmatische Stil lässt sich auch mit seiner Herkunft erklären: Er stammt aus einem liberalen Elternhaus, wo am Mittagstisch eifrig politisiert wurde. Das hat den Boden gelegt für Philipps späteres Engagement. «Mein Vater war für mich ein knallharter Sparring-Partner», sagt Schoch. «Er hat mir deutsch und deutlich gesagt, wenn ich mit einer Idee auf dem Holzweg war.» 1992 kandidierte er als 19-Jähriger erstmals bei den Prattler Einwohneratswahlen – noch nicht für die Grünen, sondern den Landesring der Unabhängigen. Vier Jahre später schaffte er es für die Mittepartei ins Ortsparlament, dem er bis 2003 angehörte.

Vor den Landratswahlen 1999 lockte eine gewisse Maya Graf den Jungpolitiker zu den Grünen. «Philipp hat die Gabe, dass er ausgezeichnet mit Menschen umgehen und sie einbinden kann», sagt die Nationalrätin aus Sissach. Schoch ist Leiter der Notfallstation am Kantonsspital Liestal. Zuhören können und Ruhe bewahren sind in seinem Beruf Schlüsselkompetenzen. Er sei ein guter Vermittler, bleibe aber seinen Prinzipien treu, fügt Graf an. Etwas anders beurteilt Schoch der eben zurückgetretene SVP-Landrat Urs Hess: Schoch mache klare Aussagen, verteidige seine Ansichten vehement und provoziere gerne mal. Doch auch Hess, der das Heu politisch nicht auf der gleichen Bühne hat, anerkennt: «Mit ihm kann man reden. Er hat immer ein offenes Ohr für andere.»

Geistiger Vater des Energiepakets

Schochs Tätigkeit als Präsident der landrätlichen Umweltschutz- und Energiekommission von 2003 bis 2015 zeigt beispielhaft, wie er politisch arbeitet. Nach seiner Wahl ins Parlament durfte er die einflussreiche Kommission als Ratsneuling gleich präsidieren – das ist sehr selten. Schoch ist einer der geistigen Väter des 2010 eingeführten Baselbieter Energiepakets, mit dem der Kanton über zehn Jahre 50 Millionen Franken in Gebäudesanierungen investiert. Grüne Kreise und die Wirtschaft seien Hand in Hand gegangen; mit dem Gefühl für das Machbare seien Verbesserungen für die Umwelt erzielt worden: «Wichtig war die Einsicht: Der Durchschnitts-Baselbieter will vielleicht kein Windrad im eigenen Garten, aber er ist bereit, in die Energie-Effizienz seines Einfamilienhauses zu investieren.»

Auch beim kürzlich vom Landrat verabschiedeten Energiegesetz sowie der neuen Energieabgabe auf Heizöl, Gas und Kohle, mit der das erwähnte Gebäudesanierungsprogramm in Zukunft finanziert werden soll, hat Schoch auf den Kompromiss geschworen – und Abstriche aus ökologischer Sicht in Kauf genommen. Gewiss sei es unschön, dass Grossverbraucher aus der Industrie von der Abgabe ausgenommen seien; immerhin verpuffe so die angestrebte Lenkungswirkung, erläutert er. Aber: «Eine andere Lösung wäre wegen des Widerstands aus dem bürgerlichen Lager nicht mehrheitsfähig gewesen.» Bloss weil es einige Anliegen nicht ins Gesetz geschafft hätten, seien diese nicht vom Tisch. «Erfolgreiche Politik ist ein Langfristprojekt. Man muss an einem Thema dran bleiben, wenn man es voranbringen will.» Schoch bezeichnet die kompromissorientierte Arbeit in der Energiepolitik denn auch als gute Vorbereitung aufs Landratspräsidium.

Und 2019 in den Nationalrat?

Stellt sich noch die Frage nach dem «Danach». Schoch wird nach dem Jahr als höchster Baselbieter bereits 14 Landratsjahre auf dem Buckel haben, und das mit knapp 44 Jahren. Selbst wenn die geltende Amtszeitbeschränkung gemäss einem überwiesenen Vorstoss von SVP-Landrätin Susanne Strub fallen dürfte, will Schoch bei den kantonalen Wahlen 2019 nicht erneut antreten: «16 Jahre sind genug. Es ist dann Zeit für andere Ideen, neuen Elan und neue Motivation.» Doch wie weiter? Ihn würde es reizen, in einem Verwaltungsrat einer von beiden Basel getragenen Institution mitzuwirken. «Viele ehemalige Präsidenten sagen mir, das Amt öffne viele Türen.» Und da ist ja noch der Nationalrat: Schoch schliesst eine erneute Kandidatur bei den nationalen Wahlen 2019 nicht aus. Die Grünen wollen dann mit der in der Bevölkerung beliebten Maya Graf den einzigen Baselbieter Ständeratssitz ergattern. Die Gelegenheit wäre günstig, für den frei werdenden Sitz in der Grossen Kammer zu kandidieren. Mit dem gestiegenen Bekanntheitsgrad durch das Landratspräsidium wäre dem Realo-Grünen ein Spitzenresultat zuzutrauen.

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