Dittinger Flugtage
Das letzte Wort muss die Dorfbevölkerung haben

Nach dem tragischen Unglück an den Dittinger Flugtagen, stellt sich die Frage, soll die Flugshow - das Aushängeschild der Baselbieter Gemeinde - überhaupt wieder stattfinden? Eine Analyse zur unsicheren Zukunft der Dittinger Flugtage.

Bojan Stula
Bojan Stula
Merken
Drucken
Teilen
Die Unfallstelle am Tag nach dem fatalen Unfall.

Die Unfallstelle am Tag nach dem fatalen Unfall.

Kenneth Nars

«Das Risiko fliegt immer mit.» Dieser Satz war am fatalen Unfalltag in Dittingen oft zu hören und klang fast immer nach Verzweiflung. Nicht gerecht wird dieser Satz dem verunglückten Piloten, seinen beiden überlebenden Kollegen und den trauernden Familienangehörigen – obschon sich sicher alle der Gefahren bewusst waren. Aber auch den Organisatoren und über 300 ehrenamtlichen Helfern wäre viel Besseres zu wünschen gewesen, als dass bei der ersten Austragung unter der neuen OK-Präsidentin Regina Weibel gleich das Quäntchen Restrisiko zuschlägt.

Eines der beiden Flugzeuge stürzt gleich neben diesem Einfamilienhaus ab.
6 Bilder
Ein Flugzeug stürzt nach dem Zusammenstoss in der Luft in diese Scheune in Dittingen BL.
Der Pilot starb in den Trümmern.
Blick aus der Vogelperspektive auf die beiden Absturzstellen (Bildmitte und oben links).
Blick auf eine der beiden Absturzstellen.
Dittingen: Flugshow-Crash

Eines der beiden Flugzeuge stürzt gleich neben diesem Einfamilienhaus ab.

Leserfoto

Es ist tatsächlich zum Verzweifeln: Zwei Jahre lang hat ein engagiertes Organisationskomitee zahllose Stunden in die Vorbereitung gesteckt und ist dabei bis ins Detail vorgegangen. Es gibt noch keinen Grund anzuzweifeln, dass bei allen Planungen die Sicherheit an oberster Stelle stand. Die Sicherheitsvorkehrungen entsprachen dem vom Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) für solche Anlässe vorgeschriebenen Drehbuch. Das Flugprogramm der verunglückten Grasshoppers wurde laut Bazl-Angaben am vergangenen Freitag von zwei Sicherheitsinspektoren abgenommen, und die Flugeignung der Piloten überprüft. Die Grasshoppers selbst werden von Aviatikexperten als hochseriöses Team mit vielen hundert Stunden Flugerfahrung beschrieben.

Die Bewilligungsinstanz Bazl arbeitet gewiss nicht immer fehlerfrei. So ging der Unfall von 2005 auf seine Fehleinschätzung der technischen Leistungsfähigkeit des damals abgestürzten Spitfire-Nachbaus zurück. Doch wurden danach die Bestimmungen verschärft. Am strahlenden Samstag zeigten sich 10 000 Besucherinnen und Besucher begeistert vom Niveau der diesmal teilnehmenden Fliegerformationen. Und dann löscht ein kleines, unvorhergesehenes Ereignis, vielleicht nur eine Windböe im falschen Moment, ein Leben aus und zerstört die ganze Arbeit von zwei Jahren.

Nicht nur das. Der fatale Moment stellt die Zukunft der Dittinger Flugtage überhaupt infrage. Das ist angesichts des Aufwands besonders bitter. Ich stehe dazu: Ich bin ein Fan der Flugtage und bewundere den Grad der organisatorischen Perfektion. Ich weiss, dass Piloten diese Sichtweise teilen. Ich würde es bedauern, wenn es 2017 keine Neuauflage gäbe. Ich vertraue den OK-Mitgliedern, dass sie weiterhin ihr Bestes geben. Aber über mein Dach fliegen auch keine Flugzeuge.

Dass nach zwei mitten in Wohngebiete abgestürzte Maschinen die Bevölkerung die Sicherheitsfrage stellt, ist nicht nur nachvollziehbar, sondern zwingende Konsequenz. Der Verweis auf die Unberechenbarkeit des Schicksals genügt nicht, um besorgte Anwohner ruhig zu stellen, die Sicherheitsbedenken anbringen. Vielmehr braucht es in Dittingen den Konsens unter der Bevölkerung, trotz des tödlichen Unfalls ein künftiges Restrisiko ganz bewusst gemeinsam tragen zu wollen. Denn selbstverständlich sind die Flugtage keine überlebenswichtige Veranstaltung. Aber sie können offensichtlich Tausenden Menschen vergnügliche Stunden bereiten. Das ist viel wert.

Sowohl Gemeindepräsidentin Regina Weibel als auch ihr Vize Edi Jermann haben gestern und vorgestern betont, dass ein OK-Entscheid über die weitere Durchführung nur im Dialog mit der Dorfbevölkerung fallen wird – etwa im Rahmen eines Runden Tisches. Das ist der richtige Ansatz, könnte aber zu kurz greifen. Richtig legitimiert werden die Flugtage nur durch eine kommunale Abstimmung. Nicht etwa an einer Gemeindeversammlung, an der jene Partei oben aus schwingt, die besser mobilisiert – sondern an einer geheimen Urnenabstimmung. Vielleicht findet der Gemeinderat einen Weg, eine entsprechende Vorlage auszuarbeiten, die dem obligatorischen Referendum untersteht und eine künftige Legitimationsbasis darstellen kann.