Chlorgas-Pannen
Chemiefirma verunsichert Prattler Bevölkerung – Sicherheitsinspektorat schaltet sich ein

Kurz vor dem 30. Jahrestag der Sandoz-Katastrophe in Schweizerhalle verunsichert ein anderes dort ansässiges Unternehmen die Bevölkerung. Gleich an zwei Tagen nacheinander ist vergangene Woche bei der Chemiefirma CABB Chlorgas aus Lecks entwichen.

Bojan Stula
Drucken
Fehlstart: Ein CABB-Monteur bei der Installation der neuen Anlage.

Fehlstart: Ein CABB-Monteur bei der Installation der neuen Anlage.

Martin Toengi

Die beiden jüngsten Pannen bei der Chemiefirma CABB in Schweizerhalle verunsichern die Bevölkerung. «Mindestens sechs Vorfälle in sechs Jahren, das ist wirklich brutal», sagt Stephan Burgunder, der neue Gemeindepräsident von Pratteln. Nach den beiden Chlorgaslecks vom Mittwoch und Donnerstag vergangener Woche hat sich Burgunder am Freitag selber vor Ort ein Bild der Lage gemacht: «Firmenvertreter haben mir versichert, dass alles Menschenmögliche getan wird, um die Sicherheit zu verbessern. Aber als Laien können wir das natürlich nicht überprüfen.» Für den Gemeindepräsidenten steht ausser Frage, dass kurz vor dem 30. Jahrestag der Sandoz-Katastrophe vom November 1986 in Pratteln die unguten Gefühle gegenüber dem Risiko-Standort Schweizerhalle wieder zunehmen.

Internes Alarmsystem versagte

Dass die beiden Austritte von Chlorgas erst durch externe Personen bemerkt worden sind, hat das Vertrauen in die CABB zusätzlich erschüttert. Die «Tageswoche» schrieb am Samstag von einer «Totalpanne bei CABB» und enthüllte, dass es zuerst ein privater Autofahrer auf der A 2 gewesen war, der wegen des auffälligen Chlorgasgeruchs Alarm schlug. Das zweite Leck am Folgetag wurde dann von Polizisten entdeckt, die das Unfallgelände inspizierten und die erneut starke Chlorgas-Konzentration bemerkten. Den Vorwurf, dass das betriebsinterne Alarmsystem völlig versagt habe, wies ein CABB-Sprecher als haltlos zurück, kündigte aber an, dass die eigene Alarmzentrale demnächst erneuert werden soll.

Stephan Burgunder schildert die Lage nach den beiden jüngsten Unfällen für die Standortgemeinde als «sehr deprimierend». Der Gemeinderat sei angesichts der Serie von Störfällen machtlos. Die Kontroll- und Bewilligungskompetenz liege beim Kanton. Aus der Bevölkerung habe er viele besorgte Anfragen erhalten, auf die er aber keine befriedigende Antwort geben könne. «Wir werden an der heutigen Gemeinderatssitzung über allfällige Massnahmen diskutieren, aber mir fällt momentan keine ein», stellt Burgunder resigniert fest.

Beim Kanton will man jedenfalls die neue, 55 Millionen Franken teure Elektrolyse-Anlage zur Chlorgasgewinnung nochmals unter die Lupe nehmen, bei deren Inbetriebnahme in den letzten Tagen so viel schiefgelaufen ist. Parallel zur Strafuntersuchung der Baselbieter Staatsanwaltschaft hat Sicherheitsinspektor Gregor Pfister seinen Besuch für kommende Woche angekündigt, wie er zur bz sagt. Gemäss den Ergebnissen dieser Inspektion wird das Sicherheitsinspektorat allfällige Weisungen an die Firma erlassen.

Bei einem Störfall hat CABB drei Monate Zeit, eine Stellungnahme zu verfassen und Verbesserungen im Produktionsablauf und den Sicherheitsvorkehrungen vorzuschlagen. Wie Pfister bestätigt, sind nach früheren Störfällen die von der Firma selber vorgeschlagenen Massnahmen teilweise erweitert worden: «Wir haben auch schon weiterführende Massnahmen anordnen müssen, als von der Firma selber vorgeschlagen.» Mehr ins Detail will Pfister aber nicht gehen.

Grundsätzlich hält er die Chemische Industrie für einen der sichersten Schweizer Industriezweige überhaupt. Gegen das Restrisiko, das bei Chemiefirmen «immer» bestehe, versuche das Sicherheitsinspektorat präventiv vorzugehen. «Insofern ist CABB ein regelmässiger Kunde von uns», hält Pfister fest, was ebenso für die pannenanfällige Rohner AG gelte, die zuletzt durch eine Explosion Mitte Februar die Prattler Bevölkerung aufschreckte.

Kein Produktionsstopp

All jene Prattlerinnen und Prattler, die nach der jüngsten Pannenserie hoffen, dass die Baselbieter Behörden der CABB die Bewilligung entziehen werden, muss Sicherheitsinspektor Gregor Pfister enttäuschen. Solange die Firma die gesetzlichen Auflagen erfüllt und den behördlichen Weisungen nachkommt, stehe ein Produktionsstopp ausser Frage. Auch den immer wieder geäusserten Wunsch nach einer Umsiedlung von Risikobetrieben wie CABB oder Rohner sieht Gemeindepräsident Stephan Burgunder als «total unrealistisch» an: «Dafür gibt es schlicht keine Handhabung. Weder Gemeinde noch Kanton können eine Firma einfach so rauswerfen.» Zudem sei Schweizerhalle im Baselbieter Richtplan als Sonderzone für Risikobetriebe ausgesondert worden. Sicherheitsinspektor Pfister bestätigt: «Der Kanton Baselland hat die Risiko-Industrien absichtlich am Standort Schweizerhalle zusammengefasst. Das soll sich auch künftig nicht ändern.»

Aktuelle Nachrichten