Psychiatrie
Chefarzt Küchenhoff: «Depressive sollen sich nicht schämen»

Heute ist der Tag der psychischen Gesundheit. Jeder zweite Mensch werde im Verlauf des Lebens mit einer psychischen Erkrankung konfrontiert, sagt Chefarzt Joachim Küchenhoff. Er fordert, dass Depression als Krankheit akzeptiert wird.

Michael Nittnaus
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Joachim Küchenhoff setzt sich für die Rechte der Betroffenen ein. Töngi

Joachim Küchenhoff setzt sich für die Rechte der Betroffenen ein. Töngi

Herr Küchenhoff, heute ist internationaler Tag der psychischen Gesundheit. Warum braucht es diesen Tag überhaupt?

Joachim Küchenhoff: Ich wünschte mir gleich mehrere Tage, an denen wir die Öffentlichkeit über psychische Erkrankungen aufklären könnten. Denn sie sind weiter verbreitet, als viele glauben. 50 Prozent aller Menschen sehen sich im Verlauf ihres Lebens mit einer behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankung konfrontiert. Deshalb müssen wir von der Psychiatrie die Leute sensibilisieren. Auch kämpfen wir dagegen, dass psychische im Vergleich zu physischen Krankheiten nicht immer ernst genommen werden.

Das Feld der psychischen Erkrankungen ist weit. Welches sind die verbreitetsten?

Am häufigsten kommen Depressionen vor. Deshalb bilden sie auch den Schwerpunkt des Infotages. Doch auch Abhängigkeitserkrankungen wie Alkoholsucht sind weitverbreitet. Dazu kommen Demenz, schizophrene Erkrankungen, Persönlichkeitsstörungen und neurotische Störungen wie Angstzustände oder sogenannte somatoforme Störungen, also Körperbeschwerden mit deutlicher seelischer Belastung. Dies kann ein Reizdarm sein mit Durchfall oder auch Bauchkrämpfe.

Zur Person: Joachim Küchenhoff

Joachim Küchenhoff ist seit fünf Jahren ärztlicher Leiter der Pschiatrie Baselland und Chefarzt der dortigen Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Bienentalstrasse in Liestal. Der 59-Jährige wurde in Dortmund geboren und habilitierte in Heidelberg, ehe er 1994 dem Ruf der Universität Basel folgte. Dort baute er den Psychotherapiebereich der Universitären Psychiatrischen Klinik auf. Küchenhoff wohnt zusammen mit seinier Frau und zwei Töchtern in Basel. In seiner Freizeit spielt er leidenschaftlich gern Klavier, fotografiert und fährt Velo. (MN)

Wohl jeder fühlt sich manchmal müde, ausgelaugt oder hat das Gefühl, alles wird zu viel. Ab wann aber sollte man ernsthaft abklären lassen, ob man unter Depressionen leidet?

Es gibt einen fliessenden Übergang von Antriebslosigkeit oder Resignation bis zur wirklichen Depression. Letztlich ist es eine Frage des Leidensdruckes und auch der Dauer. Muss man etwa über einen Todesfall in der Familie hinwegkommen, ist es selbstverständlich, dass man eine Weile trauert. Tritt nach einiger Zeit, vielleicht sogar nach einem halben Jahr keine Besserung ein, ist das ein Alarmzeichen. Indikatoren einer schweren Depression sind, wenn sie ins Körperliche geht: Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen oder Schlafstörungen. Besonders alarmierend sind Suizidgedanken oder wahnhafte Verkennungen, etwa übersteigerte und nicht korrigierbare Schuldgefühle.

So weit zur Selbstwahrnehmung. Wie aber kann das Umfeld erkennen, dass Abklärungsbedarf besteht?

Gerade Angehörige, die den Betroffenen nahe stehen, können auf Verschiedenes achten. Zum Beispiel, ob die Person sich immer mehr zurückzieht und aufhört, über ihr Befinden zu sprechen.

Wie begegnen Sie Vorurteilen in der Gesellschaft, die Depressionen nicht als «echte» Krankheit anerkennt?

Aufklärung ist der Schlüssel. Deshalb pflegen wir in der Psychiatrie Baselland die offene Kommunikation mit allen. Wir suchen den fachlichen Dialog, aber öffnen uns auch gegen Aussen, durch die Cafeteria der Klinik, den Spielplatz und Kunstausstellungen. Psychisch Erkrankte sollen nicht in einer abgeschotteten Burg hausen – diese Zeiten sind vorbei.

Was fehlt noch, bis Depressionen akzeptiert werden wie eine Grippe oder ein gebrochener Arm?

Da fehlt noch viel. Dabei spielt oft die Situation im Job eine grosse Rolle: Es ist immer noch leichter, dem Chef zu sagen, man habe eine Magenverstimmung, als offen zur Depression zu stehen. Und bei einer Suchterkrankung ist die Hemmschwelle sogar noch höher. Die Betroffenen haben Angst, dass sie als Drückeberger abgestempelt werden.

Und wie sollen Betroffene damit umgehen?

Offen sein, sagen, dass man sich in psychiatrischer Behandlung befindet. Auf keinen Fall muss man sich dafür schämen oder die Vorurteile gar übernehmen und plötzlich wirklich denken, dass man ein Versager ist. Es ist mir persönlich das wichtigste Anliegen, dass Betroffene es schaffen, ihre Einsamkeit zu überwinden und sich an Freunde wenden –- oder an einen Psychiater.

Täuscht der Eindruck, dass psychische Erkrankungen in der Gesellschaft zunehmen, oder wird bloss mehr darüber diskutiert?

In der Fachwelt wird zurzeit genau darüber debattiert. Ich glaube nicht, dass die Fälle absolut zunehmen, sondern dass mehr Menschen den Psychiater konsultieren und mehr Krankheiten diagnostiziert werden. Wenn man so will, ist das eine positive Entwicklung, die letztlich auf ein besseres Gesundheitssystem schliessen lässt. Es gibt sicher immer noch eine Dunkelziffer; doch sie nimmt ab.

Sie haben bereits gesagt, wann man wegen möglicher Depression bei sich hellhörig werden sollte. Gibt es aber auch Ursachen, die das Risiko erhöhen, depressiv zu werden?

Meistens haben die Auslöser mit der eigenen Biografie zu tun. So kann es sein, dass man dazu neigt, sich ständig selbst zu überfordern und dann den eigenen Ansprüchen nicht gerecht wird. Eine andere Ursache kann sein, Konflikte in sich hineinzufressen, anstatt dem Ärger Luft zu verschaffen. Auch die Konfrontation mit grossen Verlusten wie Todesfällen oder auch materiellen kann zu einer Depression führen. Ein vierter Typ ist die sogenannte Verwöhnungsgenese. Wächst jemand zu behütet auf, lernt er vielleicht nicht, mit Problemen umzugehen. So kann sich eine richtige Blockade aufbauen.

Und zu was für verschiedenen Arten von Depression kann das führen?

Wir teilen Depressionen nach ihrem Schweregrad ein. Gibt es auch körperliche Symptome oder Wahnvorstellungen? Tritt die Krankheit nur einmal auf oder kehrt sie immer wieder zurück? Bekannt ist diesbezüglich die saisonale, zum Beispiel die Winter-Depression. Häufig unentdeckt bleibt eine langfristige Bedrücktheit, weil die Betroffenen sich nicht erinnern, dass sie sich überhaupt einmal besser gefühlt haben.

Heute ist Tag des psychischen Gesundheit

Heute findet bereits zum 20. Mal der internationale Tag der psychischen Gesundheit statt. Er wurde 1992 durch die World Federation for Mental Health ins Leben gerufen. Seit zwei Jahren bietet das Gesundheitsdepartement Basel-Stadt mit «Fokus Psychische Gesundheit» ein Label an, das die verschienenen Präventions- und Hilfsangebote der Region verbindet. Zusammen mit dem Zentrum Selbsthilfe und der Dargebotenen Hand informiert sie heute ab 15 Uhr an der Basler Schifflände an einem Infostand über die Krankheit Depression und die Kampagne «Hallo! Ich bin ein Mensch» der privaten psychosozialen Institution der Stadt. (MN)

www.allesgutebasel.ch

www.hallo-ich-bin-ein-mensch.ch

Fast schon zum Mode-Wort ist das Burnout geworden. Gilt dies auch als Depression?

Ein Burnout ist eine arbeitsbezogene Belastung, die zu einer Depression führen kann. Es ist also eine Art Vorstufe.

Besteht durch seine Bekanntheit beim Burnout die Gefahr, dass sich Menschen bloss einreden, eines zu haben?

Da gilt es, genau hinzuschauen. Denn es kann auch einfach sein, dass einem die Arbeit verleidet ist. Gerade weil «Burnout» zu einem Allerweltswort geworden ist, schätze ich als Psychiater den Begriff nicht. Ich verwende ihn auch explizit nicht bei meinen Diagnosen.

Wie viele Fälle von Depressionen werden bei Ihnen in Liestal behandelt?

Von 1900 stationären Patienten wies letztes Jahr ein Viertel eine Störung der Emotionalität auf. Das ist die grösste Gruppe von allen.

Haben Sie bei der Psychiatrie Baselland eine spezielle Herangehensweise?

Wir führen zwei Schwerpunktabteilungen für depressive Erwachsene sowie seit Kurzem eine weitere für Patienten über 65. Wir setzen auf eine intensive Kombination von psychotherapeutischer und medikamentöser Behandlung. Mittlerweile gilt es als erwiesen, dass Psychotherapien einen grossen Einfluss auf Depressionen haben. Man sollte wirklich beide Wege kombinieren. Zusätzlich nutzen wir den hilfreichen Einfluss von Kunst-, Bewegungs- und Sporttherapien.

Kann man Depressionen überhaupt dauerhaft heilen?

Darauf gibt es leider keine generelle Antwort. Das Spektrum an Erkrankungen ist so gross. Es wäre aber ganz falsch zu glauben, Depressionen seien unheilbar. Ich rate jedem Betroffenen, sich unbedingt in eine Therapie zu begeben.

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