Kommentar
Bonnie und Clyde zum Frühstück

Land-Schreiber Bojan Stula zum neuen Lebensgefühl entlang der plötzlich entleerten Rheinstrasse.

Bojan Stula
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Rheinstrasse.

Rheinstrasse.

Benjamin Wieland

Seit der Eröffnung der H 2/A 22 sind 45 Tage vergangen, und die Anwohner entlang der jetzt entleerten Rheinstrasse haben jeden einzelnen davon genossen. Allgemein ist zwischen Hülften, Schönthal und Weiermatt von «Durchatmen», einem «völlig neuen Lebensgefühl» und «unglaublicher Beruhigung» die Rede.

Ähnlich ungeteilt dürfte die Freude bei den automobilen Berufspendlern sein, die nun selbst zu Stosszeiten zwischen Pratteln, Liestal und Sissach hindernis- und bisher unfallfrei verkehren können, während auf der A 2/A 3 der fast tägliche morgendliche und abendliche Verkehrskollaps alles lahmlegt.

Als sich das Baselbiet 1995 in der zweiten von vier Volksabstimmungen für den Bau der H 2 aussprach, lief in den Basler Kinos der Kultstreifen «Pulp Fiction», der dem vergessenen «Saturday Night Fever»-Hüftenschwinger John Travolta eines der sensationellsten Film-Comebacks der Geschichte bescherte.

Wie besänftigt man nun den alteingesessenen Rheinstrasse-Anrainer, wenn dieser schimpft, dass er das neue Lebensgefühl schon vor zwei Jahrzehnten hätte haben können? Indem man argumentiert, dass inzwischen bestimmt wieder dieselbe Verkehrsdichte wie zuvor herrschen würde? Oder mit dem Hinweis, dass er gewiss nicht mehr hier wohnen könnte, weil die Mietpreise nach einer dauerhaften Verkehrsberuhigung explodiert wären? Oder sogar so, dass über eine halbe Milliarde Bau- und zweifellos hohe Unterhaltskosten für dieses neue Lebensgefühl schlicht zu viel Geld gewesen sind?

Vermutlich nicht. Ganz bestimmt kann sich schon eineinhalb Monate nach der Eröffnung niemand mehr den alten Zustand entlang der Rheinstrasse mit der permanenten Blechlawine vorstellen. Genauso wenig, wie ein Sissacher an die Zeiten vor der Chienbergtunnel-Umfahrung denken möchte, oder eine Baslerin im St. Johann den Zustand vor der Nord-Tangente herbeisehnt.

Für die Rheinstrasse bedeutet das: Es steht noch lange nicht fest, wie sie sich in den nächsten Jahren zwischen den beiden Extremen dauerhafte Verkehrsberuhigung und Wiederherstellung des Urzustands entwickeln wird. Vorschneller Aktivismus beim Rückbau wäre darum genauso verfehlt wie die nachträgliche Verdammung des Jahrhundertbauwerks. Für alle anderen regionalen Verkehrsengpässe, egal ob auf Strasse oder Schiene, im Laufental oder bei der Hagnau, lautet die Lehre: Es gibt keine Alternative zum Ausbau, jeder ideologische Widerstand zielt an der von uns mitverursachten Lebensrealität vorbei.

Die einzigen, denen es inzwischen an der Rheinstrasse zu ruhig geworden ist, sind die Garagisten und Ladeninhaber, die über massive Umsatzeinbussen klagen - verständlicherweise. Für diese führt kein Weg am wirtschaftlichen Verdrängungswettbewerb vorbei, auf den sie, wie für KMU üblich, mit Innovation und Kreativität reagieren werden.

Zu den möglichen Perspektiven der neuen, ruhigen Rheinstrasse nur so viel: In einem stilechten «American Diner»-Restaurant mit Rührei und Pancakes zum Frühstück wären wir Stammgäste. Selbst auf die Gefahr hin, dass uns dort wie in «Pulp Fiction» eines Tages ein durchgeknalltes Möchtegern-Bonnie-and-Clyde-Gangsterpaar eine Kanone unter die Nase reibt.

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