Nähkästchen
Benjamin Schelker von «Les Touristes» über Konkurrenz: «Wir kultivieren eine laute Streitkultur»

Benjamin Schelker von der Baselbieter Popband «Les Touristes» über Guerillagigs, den abgesagten Festival-Sommer und Covid-Abstriche.

Mirjam Bollinger
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Als Arzt nahm er Abstriche, als Musiker schrieb er neue Strophen: Benjamin Schelker.

Als Arzt nahm er Abstriche, als Musiker schrieb er neue Strophen: Benjamin Schelker.

Kenneth Nars

Benjamin Schelker, über was plaudern wir heute?

Über Konkurrenz, wie gut!

Weshalb? Womit assoziieren Sie den Begriff?

Für mich ist Konkurrenz durchaus positiv und inspirierend. Wir Bandmitglieder brauchen es, dass wir uns ab und zu aneinander reiben. Ein gewisses Wettbewerbsdenken motiviert und spornt an: Schliesslich stehen wir alle gerne im Rampenlicht.

Fliegen da auch mal die Fetzen?

Jesses, sehr! (lacht) Ich sag's mal so: Wir kultivieren eine laute Streitkultur. Leute, die zum ersten Mal mit uns unterwegs sind, erschrecken schon mal und denken, dass wir gleich aufeinander losgehen. Wir sind sehr konfrontativ. Alles wird diskutiert und dies heftig.

In der Musikbranche ist Konkurrenz ein grosses Thema: Es gibt unglaublich viele Bands, aber nur wenige, die es weit bringen.

Ja, die Musikbranche ist ein übersättigter Markt. Damit man gehört wird, muss man viel Lärm machen: Ausgefallen sein, Präsenz zeigen und einen möglichst grossen Social-Media-Auftritt markieren. Bedauernswert ist, dass dieser Lärm extrem viel Energie kostet, die dann im kreativen Schaffen verloren geht. Das ist auch bei uns oft nicht anders.

«Les Touristes» besteht bereits seit acht Jahren. Was war die Geburtsstunde dieser Band?

Unsere Band gründet auf dem Blaumachen am Gymnasium. An einem Infotag meinte Tim: «Kommt, wir gründen eine Band». Also gingen wir in einen Musikraum und begannen zu jamen. Zu Beginn waren wir eine typische Schülerband. Wie uncool.

Wie konntet Ihr Euch als Schülerband und trotz Konkurrenz behaupten?

Weil uns niemand auftreten lassen wollte, gingen wir selbst zum Publikum und begannen mit Strassenmusik. Unsere Tournee führte mit einem Klavier auf Rädern, einem Bass mit portablem Verstärker und einem Cajón quer durch die Schweiz. Wir kreuzten auch an Festivals auf, trugen unser Klavier auf den Zeltplatz und spielten da. Einmal haben wir die Freundin eines Bookers überredet, uns am Zermatt unplugged spielen zu lassen. Oder wir spielten auf Skipisten. Diese Guerillataktik verhalf uns zu den ersten Gigs.

Gibt es also ein langjähriges Geheimrezept?

Was uns auszeichnet, ist unsere Energie, die aufs Publikum überspringt. Musikalisch sind wir nicht die grössten Virtuosen, aber uns gelingt es, immer und überall eine Show zu bieten, weil wir selbst sehr viel Spass an Live-Musik haben. Als wir von der Strasse auf die Bühne wechselten, war dies unser grösstes Problem: Unserer Musik fehlte vorübergehend die Energie. Mithilfe von Hiphop- und Elektroeinflüssen änderte sich dies und die Musik wurde qualitativ besser. Dafür sind wir nun abhängig von der Technik.

Wie habt Ihr als aktiv Streitende die Corona-Zeit überstanden?

Da alle beruflich und privat sehr eingebunden sind, arbeiten wir mehrheitlich projektorientiert. Diesen Januar waren wir im Studio und konnten vier Songs aufnehmen. Danach war sowieso eine Pause eingeplant. Gleichzeitig mit den Lockerungen wurde aber auch klar, dass sämtliche Konzerte und Festivals im Sommer ins Wasser fallen. Das nahm uns einerseits den Schwung für den Wiederbeginn mit den Proben. Andererseits sind die Absagen besonders bitter, weil wir noch nie an so vielen Festivals hätten auftreten können. 2020 sollte unser Sommer werden...

... weil sich danach vieles ändert? Sie sind mittlerweile am Ende Ihrer Studienzeit.

Ja, ich werde diesen Sommer mit dem Studium fertig. Tim und Simon werden vorübergehend ins Ausland gehen, Läli wird Vater. Wir befinden uns momentan in einer Umbruchphase: wir werden erwachsen! Früher hatten wir vor allem Flausen im Kopf. Nun übernehmen wir Verantwortung. Welch' ein Wort!

Aus einem eurer älteren Songs habt Ihr ein Corona-Edit gemacht.

Ja, für «Tanzi halt elei» haben wir neue Strophen geschrieben, weil der Titel so passend war für die Zeit des Lockdown: Zuhause sitzen, keine Freunde treffen, keine Partys. Tim und ich haben den Song dann in unserer WG-Stube aufgenommen. Gleichzeitig war es ein Lebenszeichen.

Eure Lieder drehen sich ansonsten oft um schöne Mädchen, Liebe und Beziehungsstress. Habt Ihr Euch innerhalb der Band auch schon gegenseitig Frauen streitig gemacht?

Tatsächlich gab es das. Zwar nicht oft, aber intensiv. Da hatte ich plötzlich zwei Weinende am Telefon. Mehr kann ich an dieser Stelle nicht sagen, sonst bekomme ich Ärger. (lacht)

Wie waren Sie als angehender Arzt an der Corona-Front eingebunden?

Ich hab tatsächlich in der Predigerkirche Abstriche gemacht. Zu Beginn hatte ich schon ein mulmiges Gefühl, da man sich exponiert. Aber die Professionalität hat mir Sicherheit gegeben. Lange brauchte es mich sowieso nicht, ich glaube, mittlerweile stehe ich auf der Ersatzliste der Ersatzliste.

Ihr kommt mehrheitlich aus dem Baselbiet. Was halten Sie von der Stadt-Land-Konkurrenz?

Ich bin in Gelterkinden aufgewachsen, studiere und wohne aber schon lange in Basel. Wenn Sprüche über meinen breiten Oberbaselbieter Dialekt fallen, kann ich darüber lachen. Die Kantonsgrenzen an sich sind für mich kaum von Bedeutung; die dazugehörigen Ressentiments finde ich lächerlich. Allerdings bin ich mir bewusst, dass Menschen, denen es weniger gut geht, zu Recht eine Unsicherheit empfinden. Ich befinde mich dank meiner Familie, meinen Jobaussichten und meinem Umfeld also in einer sehr privilegierten Position. Da empfinde ich grosse eine Dankbarkeit und Demut.

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