Diegten
Bauernfamilie kämpft gegen Deponie: «Wir wollen lieber bauern statt baggern»

Die Bauernfamilie Bollag wehrt sich gegen die geplante Deponie Isental – sie sieht ihren Hof in Gefahr.

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Abwehrschlacht: Die Diegter Bauernfamilie Bollag wehrt sich mit allen Mitteln – so auch mit Transparenten und einer Website – gegen die Deponie in Hofnähe.

Abwehrschlacht: Die Diegter Bauernfamilie Bollag wehrt sich mit allen Mitteln – so auch mit Transparenten und einer Website – gegen die Deponie in Hofnähe.

Mto

Eigentlich ist der Agraringenieur Bertrand Bollag (65) in einer privilegierten Situation, um die ihn viele andere Hofbesitzer beneiden: Sein Pächter, der den Hof seit 39 Jahren bewirtschaftet, wird in wenigen Jahren pensioniert und Bollags Sohn (33) und Tochter (29) stehen bereit, den väterlichen Hof Untere Wisechen hoch über Diegten gemeinsam weiterzuführen. Wenn da nicht noch ein Hindernis wäre namens Deponie Isental. Tochter Yael sagt zur Situation: «Es ist so vieles unklar. Das hemmt uns zu investieren.»

Die bisherige Planungsgeschichte der Deponie Isental ist in der Tat nicht eben vertrauenserweckend. Erstmals öffentlich wurden die Deponiepläne im Herbst 2016. Damals stellte der Kanton seine Offensive für neue Deponien in den östlichen Kantonsteilen vor. In den Bezirken Liestal, Sissach und Waldenburg wurden 14 mögliche Standorte «feinevaluiert», zehn für eine Deponie des Typs B, vier für eine des Typs A (neuster Stand siehe Tabelle). Der Typ B – bisher sprach man von einer Inertstoffdeponie – ist für Bauschutt und Strassenaufbruch bestimmt, der Typ A für sauberes Aushubmaterial. Gemäss den Plänen des Kantons sollte Diegten zusammen mit Liestal zu einer Art neuem Deponiezentrum werden.

Sie misstrauen dem Kanton

In Diegten und teils auf Boden der Nachbargemeinden Bennwil und Hölstein waren drei Deponien des Typs B geplant: die Erweiterung der bestehenden Deponie Bruggtal sowie die zwei neuen Deponien Isental und Unteri Gmeiniweid. Für Bollags begann damit ein neues Zeitalter: die grosse Abwehrschlacht. Sie kreierten eigens dafür eine Website, sie schrieben und schreiben immer noch Briefe und Mails an die Behörden, schalteten einen Anwalt ein und erstellten für Gesinnungsverwandte einen Musterprotestbrief an Baudirektorin Sabine Pegoraro. Dieser Brief dürfte mittlerweile zur häufigsten Post der Regierungsrätin gehören.
Der Einsatz blieb nicht ohne Erfolg. In den anfänglichen Planungsspielen war die Deponie für ein Volumen von 6,5 Millionen Kubikmeter Material ausgelegt und reichte bis auf wenige Meter an die Hofgebäude. Heute ist noch von der Ablagerung von rund einem Drittel des einstigen Volumens die Rede.

Wobei die Bollags dem Kunstgriff der Kantonsbehörden nicht trauen: Diese beliessen den Deponieperimeter mehr oder weniger in ursprünglicher Grösse, schafften aber innerhalb von diesem einen um einiges kleineren «vorgeschlagenen Ablagerungsperimeter», der Bollags Land nicht mehr tangiert. Yael Bollag meint dazu skeptisch: «Wir haben keine Garantie, dass wirklich nur der Ablagerungsperimeter aufgefüllt wird.» Und ihr Vater Betrand mutmasst: «Das ist ein Verwirrspiel. Der Kanton will sich möglichst viel offen halten.»

Auch der Diegter Gemeindepräsident Ruedi Ritter kann sich keinen Reim auf diese zweigleisige Begrifflichkeit machen und verweist auf den Kanton. Der Gemeinderat stehe aber hinter einer reduzierten Deponie Isental, das mache Sinn; das ursprüngliche Projekt lehnte er ab. Und, so fügt Ritter an, die einst ebenfalls auf Diegter Boden geplante Deponie Unteri Gmeiniweid sei inzwischen «gestorben».

Beim federführenden Amt für Raumplanung will man sich derzeit nicht zu den Details der Deponieplanung äussern. Doris Capaul verweist darauf, dass die Baselbieter Regierung in nächster Zeit eine Landratsvorlage mit den vorgesehenen Richtplananpassungen in die öffentliche Vernehmlassung geben werde. Das übrigens mit mehrmonatiger Verspätung gegenüber dem internen Fahrplan des Kantons.

Noch etwas änderte an den «Isental»-Plänen, das aber nichts mit Bollags Widerstand, sondern mit Fehleinschätzungen zu tun hat: Weil der Kanton zuerst übersah, dass ein offenes Gewässer im Deponieperimeter rechtlich eine Inertstoffdeponie verunmöglicht, hat er mittlerweile den Deponie-Typus geändert. Neu ist «Isental» als Deponie für sauberen Aushub vorgesehen, was die Bollags etwas aufatmen lässt.

Deponie und Bio beissen sich

Doch gewisse Begleiterscheinungen bleiben, die für Bollags schwer mit ihrem 17-Hektaren-Bio-Betrieb mit dem Hauptstandbein Pferdepension zu vereinbaren sind. Bertrand Bollag erwähnt die täglich bis zu 80 zubringenden Lastwagen und die schweren Maschinen auf der Deponie, deren Lärm Gift für Fluchttiere wie Pferde sei. Mit dem Aushubmaterial kämen auch Neophyten, die er als Biobetrieb nicht einfach mit Herbiziden bekämpfen könne.
Und dann noch der Staub. Um diesen zu binden, werde Magnesium-Sulfat eingesetzt. Das sei eigentlich ein Dünger, der im Biolandbau verboten sei. Bollag: «Wenn auf unserem Ackerland ein verbotener Stoff nachgewiesen wird, müssen wir den Beweis erbringen, dass der nicht von uns stammt.»

Etwas frustriert Bollag ganz besonders: «Wir Bauern sind Bürger zweiter Klasse. Das hat das Evaluationsverfahren des Kantons zur Deponie gezeigt.» Damit spielt er darauf an, dass eine Deponie näher als 300 Meter bei einer Siedlung ein Ausschlusskriterium ist, «Isental» aber tangiere sechs Höfe direkt.

Trotzdem wehrt sich ausser den Bollags keiner dieser Landwirte gegen die geplante Deponie, wie auch der Diegter Gemeindepräsident bestätigt. Und das, obwohl bestes Ackerland betroffen wäre. Hauptgrund dafür dürfte die erwartete finanzielle Entschädigung sein. Auf den möglichen Geldsegen angesprochen, meint Yael Bollag: «Wir wollen lieber bauern als auf einer Baustelle herumbaggern.»