Raumplanung
Bauen oder Umzonen? Baselbieter Gemeinden müssen Raumplanung vom Bund umsetzen

Viele Baselbieter Gemeinden müssen ihre Bauzonen verkleinern. Dass das gar nicht so einfach ist, zeigt das Beispiel Titterten.

Andreas Hirsbrunner
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Das Gebiet Neumatt ist typisch für Titterten: Brachflächen im umbauten Raum.

Das Gebiet Neumatt ist typisch für Titterten: Brachflächen im umbauten Raum.

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Die verfehlte Raumplanungspolitik im letzten Jahrhundert müssen jetzt viele Gemeindepräsidenten ausbaden (Liste der Gemeinden rechts). Einer von ihnen ist Heinrich Schweizer aus Titterten. Sein Dorf hat die zweitschlechteste Auslastung des Baulands aller Baselbieter Gemeinden. Die Rechnung geht so: Titterten verfügt über Bauland für 585 Personen, wird gemäss Hochrechnungen des Kantons im massgebenden Berechnungsjahr 2031 aber nur 422 Einwohner zählen. Das ergibt eine Auslastungsquote von rund 72 Prozent.

Der Bundesrat hat bei der Genehmigung des Baselbieter Richtplans im Mai jedoch die Auflage gemacht, dass die Auslastungsquote für alle Orte mindestens 90 Prozent betragen muss. Schweizer und Co. haben nun vom Kanton die Hausaufgabe erhalten, bis in drei Jahren einen Bericht abzuliefern, wie sie diese Vorgabe erfüllen wollen (die bz berichtete). Dabei haben die Gemeinden zwei Möglichkeiten: Entweder werden in den nächsten Jahren grosse Wohnbauprojekte realisiert oder sie müssen Bauland zurückzonen. Dies müsste dann bis 2027 erfolgen. Heinrich Schweizer geht die neue Aufgabe nicht sehr motiviert an: «Ich halte das Ganze für eine Alibiübung, die irgendwann versandet.»

Auch Landwirtschaftspolitik spielt mit

Bereitwillig zeigt er auf einer Dorfführung die vielschichtige Problematik auf. Titterten verfügt noch über drei grosse Baugebiete: die rund drei Hektaren grosse, teilerschlossene «Chilmet» am unteren Dorfrand; das Geviert Bielgasse-Ebnet mitten im Dorf, das etwa eine Hektare gross und ebenfalls teilerschlossen ist; und die halb so grosse und vollerschlossene «Neumatt» am Dorfrand Richtung Arboldswil. Dazu kommen etliche nicht überbaute Parzellen im restlichen Siedungsgebiet.

Die grossen Bauzonen seien eine Altlast aus den überbordeten Planungen in den 1960er-Jahren, sagt Schweizer. Damals sei für Titterten auch noch eine Umfahrungsstrasse mit Tunnel vorgesehen gewesen. Die reelle Bevölkerungsentwicklung lief ganz anders: 1960 zählte das Dorf 342 Einwohner, 1980 326, heute 415. Problematisch sind auch die individuellen Vorlieben. Viele Bauherren haben Parzellen am Bauzonenrand bevorzugt – mit dem Resultat, dass Titterten gegen aussen mehr oder weniger zugebaut ist und gegen innen mit Ausnahme des historisch gewachsenen Dorfkerns etliche Brachflächen aufweist.
Das ist für Schweizer alles andere als ideal: «Mit der Bebauung von aussen nach innen haben wir die zu grossen Bauzonen zementiert.» Mitbeeinflusst hat die Entwicklung auch der Verkaufswille der Baulandbesitzer. Vor allem Landwirte wollten ihr Land bisher nicht aus der Hand geben. Da spiele auch die Landwirtschaftspolitik mit, sagt Schweizer: «Bauern wollen in der Regel nur dann verkaufen, wenn sie den Erlös in den Betrieb investieren können. Andernfalls müssen sie Gewinnsteuern bezahlen. Und bei der heutigen Unsicherheit, wie es mit der Landwirtschaft weitergeht, warten viele lieber mit Investitionen zu.» Das Bauland wird übrigens in Titterten laut Schweizer derzeit je nach Lage zwischen 300 und 600 Franken pro Quadratmeter gehandelt.

Schweizer bezeichnet sich als Verfechter eines sparsamen Umgangs mit Land, will aber trotzdem nichts von Rückzonungen in Titterten wissen: «Das würde nur den Dorffrieden stressen. Denn das Ein- und Auszonen von Bauland ist immer eine Vermögens‐Umverteilung.» Dazu kämen Rechtshändel über allfällige Entschädigungen, die das Klima vergifteten. Und Schweizer ist sich sicher: «Muss die Gemeindeversammlung über Rückzonungen beschliessen, ist das Nein so sicher wie das Amen in der Kirche.»

Dass jetzt nicht noch mehr Baselbieter Gemeinden einen Bericht erstellen müssen, wie sie überschüssiges Bauland auszuzonen gedenken, verdanken sie einem Rechnungstrick des Kantons: Wie Graubünden, Appenzell Innerrhoden, Freiburg, Nidwalden und Uri rechnet das Baselbiet mit dem Bevölkerungsszenario «hoch». Das bedeutet, dass man von 318000 Bewohnern im Jahr 2031 ausgeht; heute zählt der Kanton 290'000. Das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) empfiehlt dagegen das Szenario «mittel», was für das Baselbiet 305'000 Einwohner im 2031 bedeuten würde.

Es ist klar: Je höher die prognostizierte Bevölkerungszahl, desto weniger Bauland muss ausgezont werden. Die Kantone sind gemäss ARE frei bei der Wahl des Szenarios, solange sie «hoch» nicht überschreiten. Martin Kolb, Leiter des Baselbieter Amts für Raumplanung, hätte eine andere Betrachtungsweise bevorzugt – jene nach «regionalen Handlungsräumen». So gesehen würde der ganze Kanton die 90-Prozent-Auslastungshürde nehmen. Die Region Liestal Frenkentäler plus, zu der Titterten zählt, zum Beispiel mit 95,4 Prozent. Kolb: «Leider akzeptiert der Bund das aber nicht.»