Baselbieter Strafgericht
Urteile im «Autobumserprozess» sind gefällt: Alle Angeklagten werden verurteilt, drei Freiheitsstrafen ausgesprochen

Am Dienstag startete der sogenannte «Autobumserprozess» am Strafjustizzentrum in Muttenz. Sechs Angeklagten wurde vorgeworfen, mehrere Versicherungen mittels fingierter Unfälle um fast 60'000 Franken geprellt zu haben. Am Donnerstagnachmittag wurden die Urteile verkündet.

Lea Meister
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Die Angeklagten «schossen» sich auf der Strasse gegenseitig ab, um Versicherungsgelder einzustreichen.

Die Angeklagten «schossen» sich auf der Strasse gegenseitig ab, um Versicherungsgelder einzustreichen.

Symbolbild: bz Archiv

Zwischen dem 1. Dezember 2014 und dem 21. Juni 2017 entrichteten verschiedene Versicherungsgesellschaften insgesamt Zahlungen in der Höhe von 59'698 Franken. Geld, welches von den Angeklagten zu Unrecht erhalten wurde, da es sich bei den sieben in der Anklageschrift stehenden Unfällen um fingierte Unfälle gehandelt hat. Involviert und als Privatklägerinnen aktiv waren die Axa, die Basler Versicherungen, die Zürich Versicherungen und die Allianz (die bz berichtete).

Die sechs Angeklagten stammen allesamt aus der Türkei und sind zwischen 33 und 50 Jahre alt. Eine Angeklagte ist eine Frau und zugleich die Schwester des Hauptangeklagten.

Geständnisse und Frage nach dem «Kopf der Bande»

Der Hauptanklagepunkt bezog sich auf die sieben «Autobumser-Fälle» im Zeitraum vom Dezember 2014 - Juni 2017. Die Frage der Beteiligung stellte sich nicht mehr, da alle Angeklagten am Dienstag gestanden hatten, von den fingierten Unfällen gewusst zu haben und beteiligt gewesen zu sein. Viel mehr interessierte die Frage nach dem «Kopf der Bande». Diesbezüglich entwickelte sich am Dienstag im Gerichtssaal eine «alle gegen einen»-Mentalität, die vom Hauptangeklagten ausgegangen war. Eine «orchestrierte Aktion» nannte es der Verteidiger des einen Angeklagten, gegen welchen sich die ganze Bande verbündet zu haben schien.

Eine Gefängnisstrafe drohte nur dem Hauptangeklagten (11 Monate) und seiner Schwester (130 Tage bei einer Probezeit von drei Jahren). In der Hauptverhandlung bat ersterer den Gerichtspräsidenten darum, ihn nicht ins Gefängnis zu schicken:

«Ich will eine saubere Zukunft aufbauen und wieder Beziehungen aufbauen. Ich bin nur im Geschäft, ich habe zu niemandem Kontakt, ausser zu meiner Familie. Ich arbeite nur, 13, 14 Stunden am Tag, auch am Wochenende. Bitte geben Sie mir keine unbedingte Freiheitsstrafe, das wäre für mich das Ende des Lebens.»

Die vier anderen Angeklagten mussten mit einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe rechnen. Gerichtspräsident Daniel Schmid (Anm. d. Red.: nicht, wie fälschlicherweise im ersten Artikel geschrieben, Beat Schmidli) eröffnet die Urteilsverkündung mit dem Hinweis auf den Ablauf des Nachmittags. Danach liest die Gerichtsschreiberin die Urteile vor.

Alle Angeklagten verurteilt

Der Hauptangeklagte wird des gewerbsmässigen Betrugs, der Urkundenfälschung und des Verstosses gegen ein Kontakt- und Rayonverbot schuldig gesprochen und zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 11 Monaten und einer Geldstrafe verurteilt. Der zweite Angeklagte, der von der Bande als «Kopf des Ganzen» bezeichnet worden war, wird wegen Betrugs und Urkundenfälschung schuldig gesprochen und zu einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 120 Tagessätzen à 30 Franken verurteilt, bei einer Probezeit von zwei Jahren.

Schadens- und Betrugssummen im Versicherungsgeschäft

1,3 Milliarden Franken betrugen die Schadenzahlungen aus der Motorfahrzeughaftpflichtversicherung der Schweizer Versicherungsgesellschaften im Jahr 2019 insgesamt. Spartenübergreifend schätzt der Schweizerische Versicherungsverband auf Anfrage der bz den Anteil von unrechtmässig ausgezahlten Leistungen auf etwa zehn Prozent, das wären also 130 Millionen Franken. Schaut man sich die Gesamtschadenssumme des hiesigen Falls an, wirkt diese verschwindend klein, ist der Schaden bei einem Totalschaden eines nicht allzu alten Autos doch oft schon gleich hoch.

«Nichtsdestotrotz handelt es sich bei Versicherungsbetrug um Betrug am Kollektiv», betont Roberto Brunazzi, Mediensprecher der Basler Versicherungen AG, gegenüber der bz. Als Versicherung stehe man stets in der Pflicht, das Versicherungskollektiv zu schützen. Es bestehe eine Datengrundlage, die es dem Konzern ermögliche, Auffälligkeiten und Muster in der Schadenabwicklung zu entdecken.

Der Angeklagte, der vom Prozess ferngeblieben war, wird wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Missbrauch von Ausweisen und Schildern zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 20 Tagen und einer bedingt vollziehbaren Geldstrafe von 90 Tagessätzen à je 30 Franken verurteilt.

Auch die anderen drei Angeklagten werden verurteilt, die Schwester des Hauptangeklagten erhält dabei eine unbedingte Freiheitsstrafe von 100 Tagen und eine Geldstrafe von fünf Tagessätzen à je 40 Franken, bei einer Probezeit von zwei Jahren.

Regeln und Märchen

Gerichtspräsident Daniel Schmid kommt zur Begründung der Urteile. Er beschreibt den Strafprozess als «Spielfeld wie im Fussball». Auf diesem Spielfeld gebe es Regeln, beteuert er und erklärt diese. Ein weiteres Stichwort, welches er hervorbringt sind «Märchen». Er erklärt ausführlich, was ein Märchen ist.

«In Märchen geht es wundersam zu und her.»

Fünf der Angeklagten hätten sich zu Beginn nicht an die fingierten Unfälle erinnern können, weshalb er die am Dienstag getätigten Geständnisse nicht gelten lasse und sie einfach zur Kenntnis nehme.

«Die Aussagen in den Voruntersuchungen sind mit Märchen gleichzusetzen»,

sagt Schmid weiter.

Die einzig erkennbare, plausible Erklärung sei, dass es sich eben «von A-Z um ein betrügerisches System handle». Die Axa habe den «Braten gerochen» und besondere Abklärungen eingeleitet (die anderen involvierten Versicherungen haben sich der Klage anschliessend angeschlossen). Die Ergebnisse ebendieser Untersuchungen belegen, dass die Schadensbilder der Unfälle nicht mit den Angaben der Beschuldigten übereinstimmten. Schmid zählt Statistiken auf, die beweisen, wie klein die Wahrscheinlichkeit ist, dass bei einem Unfall in Basel beide involvierten Personen türkischstämmig sind. Die Wahrscheinlichkeit verringere sich bei jedem weiteren Unfall, den eine Einzelperson erlebe. Der Zufall wäre schlicht zu gross, so die Schlussfolgerung, ausserdem seien die Angeklagten alle entweder verwandt oder bekannt und der Hauptangeklagte in alle sieben Unfälle verwickelt gewesen. Zufallschancen: 0.

Abschliessend sei der Hauptangeklagte der rote Faden, der gemeinsame Nenner, der sich durch alle geschilderten Fälle durchzog, so Schmid. Der Plan «alle gegen einen» blieb also erfolglos. Die Verurteilten, die Staatsanwaltschaft sowie die Privatklägerschaft können innert 10 Tagen Berufung gegen die Urteile anmelden.

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