Seltisberg
Baselbieter Nachkriegsbauten droht die Abrissbirne

Der Baselbieter Heimatschutz sorgt sich um Nachkriegsbauten. Betroffen ist die Villa des verstorbenen Liestaler Architekten Rolf Otto in Seltisberg. Sie wird wohl abgerissen. Die Gemeinde könnte das Gebäude unter Schutz stellen, zeigt daran jedoch kein Interesse.

Andreas Hirsbrunner
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Die heute abrissgefährdete Villa in Seltisberg galt vor 50 Jahren als avantgardistischer Bau. (Archiv)

Die heute abrissgefährdete Villa in Seltisberg galt vor 50 Jahren als avantgardistischer Bau. (Archiv)

Denkmalpflege Baselland

Ruedi Riesen, Präsident des Baselbieter Heimatschutzes, läutet die Alarmglocken: «Die architektonischen Zeugen aus der Zeit zwischen 1930 und 1970 drohen zu verschwinden, weil sie nicht geschützt sind.» Als konkretes Beispiel nennt er eine vom bekannten, 2003 verstorbenen Liestaler Architekten Rolf Otto* vor über 50 Jahren erbaute Villa in Seltisberg. Riesen, selbst Architekt, hebt am Beton-Bau nebst dem eigenwilligen, originellen Grundriss vor allem die «archaisch» anmutende Sichtschalung hervor, die dem Bau einen feinen kunsthandwerklichen und skulpturhaften Charakter gebe.

Dass die Villa von übergeordneter Bedeutung ist, zeigt auch das kantonale Bauinventar: In diesem sind 1111 Objekte im Kanton aufgeführt, die eigentlich einen Schutz verdienen, aber keinen geniessen. Das Bauinventar unterscheidet in kantonale und kommunale Schutzwürdigkeit; die Otto-Villa an der Rebhaldenstrasse 12 in Seltisberg ist der zweiten Kategorie zugeordnet. Von daher liegt der Ball bei der Gemeinde Seltisberg, die derzeit ihren Zonenplan Siedlung revidiert. Aber Riesen sagt: «Der Seltisberger Gemeinderat verweigert jegliche Diskussion über dieses kulturhistorisch wichtige Objekt.»

Verdichtung hat Vorrang

Die jüngste Geschichte der Otto-Villa erhärtet Riesens Befürchtungen: Das Gebäude mit rund 400 Quadratmeter Wohnfläche und 2159 Quadratmeter Grundstücksfläche wurde letztes Jahr von einem Immobilienmakler zu einem unbekannten Preis – Verhandlungsbasis war 1,5 Millionen Franken – an die Firma Birs Handels AG in Zwingen verkauft. Deren Geschäftsführer Günter Dürr lässt sich jedoch nicht in die Karten blicken. Er sagt: «Im Moment steht das Haus leer und ich habe keine Zeit, mich gross damit zu beschäftigen. Wir sind aber am Nachdenken – alle Optionen stehen offen.»

Dabei steht vor allem eine Option im Vordergrund, wie der Seltisberger Gemeindepräsident Bernhard Zollinger offenlegt: Im Internet sei ein Überbauungsprojekt mit drei Einfamilienhäusern anstelle der Villa ausgeschrieben gewesen, weshalb für den Gemeinderat der Fall klar sei. Zollinger: «Für uns macht es aus Sicht des verdichteten Bauens keinen Sinn, ein solches Haus auf so einem riesigen Grundstück zu schützen. Wir haben das Neubau-Projekt höher gewichtet.» Dazu komme, dass es sich bei der Villa zwar um einen schönen Bau handle, der aber wegen der Bepflanzung für die Öffentlichkeit gar nicht einsehbar sei, so Zollinger.

Dem Bauinventar fehlen die Zähne

Hier zeigen sich die Limiten des Bauinventars mit seinem reinen Empfehlungscharakter ohne rechtliche Relevanz: Wollen weder Gemeinde noch Eigentümer einen als kommunal schutzwürdig eingestuften Bau unter Schutz stellen, gibt es keine Handhabe.

Das bestätigt auch die kantonale Denkmalpflegerin Brigitte Frei, ergänzt aber, dass die Gemeinde ihren ablehnenden Entscheid «nachvollziehbar» begründen müsse. Allerdings kann die Besitzerin die Otto-Villa schon morgen bewilligungsfrei abreissen, sodass jegliche Begründung obsolet würde. Riesen fordert deshalb eine ähnlich einem Baugesuch öffentlich publizierte Abbruchbewilligung, wie sie in andern Kantonen üblich sei und dem Heimatschutz ermöglichen würde, den Fuss ins Verfahren zu setzen. Heute braucht es im Baselbiet laut Frei nur in Kern- und Altstadtzonen eine solche Bewilligung.

Die Denkmalpflegerin gibt im Weitern Riesen recht: «Es ist ein Problem, dass Nachkriegsbauten bis etwa 1970 immer mehr verloren gehen.» Das habe damit zu tun, dass es sich oft um Einfamilienhäuser handle, deren Grundrisse nicht unsern heutigen Vorstellungen entsprächen und die teils Energieschleudern seien. Diese «Repräsentanten der Wohlstandsgesellschaft» würden heute im Zeitalter der Verdichtung zunehmend hinterfragt. Und Frei weiter: «Im Kanton sind sehr wenige reine Betonbauten unter Schutz, weil diese Architektur auf wenig Akzeptanz stösst. Aber auch sie sind Zeitzeugen.»

Dass die Otto-Villa in Seltisberg schon bald kein Zeitzeuge mehr sein dürfte, zeigt auch ein Augenschein: Sie macht einen heruntergekommenen Eindruck und ist schon fast urwaldmässig überwuchert.

Rolf Otto hat zahlreiche Architekturwettbewerbe gewonnen und vielfältige (Beton-) Spuren hinterlassen. So stammen im Baselbiet nebst diversen Wohnbauten etwa die Sekundarschulen in Aesch und Frenkendorf, das Hallenbad in Liestal oder der Wilde Mann in Frenkendorf aus seiner Feder.

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