Liestal
Banntag: «Buebezüg: Keini Fraue, umechlöpfe und wäldele»

Um die 1000 Männer nahmen am Montag am Banntag teil – erstmals redete Nils Henn als neuer Chef der ersten Rotte. Die eingefleischten Banntägler schritten mit traditionellen Kleidern die Liestaler Grenzen ab.

Andreas Hirsbrunner
Drucken
Teilen
Die eingefleischten Banntägler schiessen los.
19 Bilder
Dominik Walliser beim Einläuten des Banntags: Er zieht seit einem Dutzend Jahren das Seil der Ave-Maria-Glocke im Törli.
Die Banntägler marschieren los.
Banntag in Liestal
Regierungsrätin Sabine Pegoraro grüsst die Banntägler aus dem Regierungsgebäude heraus.
Stock, Hut und Maien-Schmuck dürfen nicht fehlen.
Fast keiner ist zu klein, ein Banntagsschütze zu sein.
Die Schiesswut packt alle.
Die grossen und kleinen Männer nebeln mit ihren Vorderladern das Stedtli ein.
Die Pfeifer und Tambouren eröffnen den 609. Liestaler Banntag.
Festlich ziehen die Banntägler durchs Stedtli.
Das Schiessen gehört einfach dazu.
Jedes Jahr wieder eine Freude.
Das Stedtli wird eingeschossen.
Achtung! Den Schiesswütigen sollte man besser aus dem Weg gehen.
Der neue Chef der ersten Rotte, Nils Henn, bei seiner Rede.
Weil der traditionelle Hutschmuck Flieder und Tulpe weitgehend verblüht war, gabs äusserst fantasievolle Maien.
Der Muff lockt beim Znünihalt der ersten Rotte.
Durch Feld und Wald wanderte die erste Rotte, hier auf der Sichtern.

Die eingefleischten Banntägler schiessen los.

Roland Schmid

Das, was der eingefleischte Banntägler Franz Schmidlin kürzlich auf einer Stadtführung sagte, hätten am Montag wohl alle Männer, die mit Stock, Hut und Maien-Schmuck die Liestaler Grenzen abschritten, unterschreiben können: «Der Banntag ist das Filetstück unseres Brauchtums.»

Wann das Filet aber jeweils zu brutzeln beginnt, da gehen die Meinungen auseinander: Für die einen ist es bereits am Sonntagnachmittag, wenn die Rotstab-Clique den Banntag im Stedtli eintrommelt und -pfeift, für andere ist es am frühen Montagmorgen, wenn sie traditionell in des Nachbars Garten den Maien zusammenklauen und für Dritte etwas später, wenn sie in einem Liestaler Restaurant den Banntag mit einem geselligen Morgenessen beginnen.

Einen ersten Höhepunkt erreicht die Herzkadenz der Banntägler - für die weniger Trainierten folgen später an den zahlreichen Aufstiegen noch einige hochtourige Zugaben - aber unbestritten um Viertel vor acht Uhr: Dann läutet die über ein halbes Jahrtausend alte Ave-Maria-Glocke im Törli den Banntag ein.

Einer aus Titterten läutet ein

Was die wenigsten wissen dabei: Jener, der den Strang der kleinen Glocke von Hand zieht, ist kein Liestaler, sondern wohnt in Titterten. Allerdings hat Dominik Walliser (44), einem grösseren Kreis als Leiter Rettung Basel-Stadt bekannt, Liestaler Wurzeln: Er durfte als Knabe seinen Vorgänger Kurt Baumgartner beim Läuten des Banntags-Glöcklis begleiten. Und als Baumgartner vor einem Dutzend Jahren altersbedingt nicht mehr die steile Treppe im Törli hochsteigen konnte, schlug er Walliser als seinen Nachfolger vor, was der Stadtrat akzeptierte.

Der neue Glöckner wirkt aber nicht mehr alleine im Törli, sondern hat einen kleinen Kreis von angefressenen Banntäglern um sich. Gemeinsam würden sie das Einläuten «zelebrieren», sagt Walliser. Doch lange haben sie dafür nicht Zeit. Denn kurz vor acht Uhr, wenn unten in der Rathausstrasse die Tambouren zum Einstehen rappellieren, beendet Walliser das Einläuten. Und pünktlich um acht Uhr läuft er, den Stock rechts geschultert, das Herz voller Vorfreude, inmitten von Pulverdampf und rund 1000 lachenden, winkenden und schwatzenden Mitbanntäglern los - rein in den schönsten Liestaler Männertag im Jahr.

Der Chef war nervös

Wir begleiten die erste Rotte, die dieses Jahr beim Abmarsch den wohl nervösesten Chef in ihren Reihen hat - Nils Henn. Denn der 51-Jährige ist zwar zum 43. mal beim Banntag dabei, aber erstmals als Rottenführer. Das mit der «wahnsinnigen» Nervosität gesteht Henn uns allerdings erst, nachdem er beim Znünihalt auf dem Muni entspannt von der Redner-Kiste heruntergestiegen ist, warmen Applaus von den 250 Männern der ersten Rotte und Komplimente wie «super» oder «grossartig» entgegengenommen hat.

Schon als kleiner Banntägler habe er davon geträumt, wie sein grosses Vorbild Crispinus Strübin dereinst auf der Kiste zu stehen. Nun endlich oben, schaffte Henn das, was die Banntägler lieben: einen Mix aus humoristischen Einlagen, Ironie und politischen Anspielungen.

Bei Letzterem umschiffte Henn gekonnt eine Stellungnahme zu jenem Thema, das die Banntägler aktuell wahrscheinlich am meisten beschäftigt: «Ich will zur Wiedervereinigung nur indirekt etwas sagen: 428 Banntage fanden unter Basler Herrschaft statt und nirgends findet der Liestaler Banntag so viel Rückhalt wie in Basel.» Und Henn fragte in die Runde, wer denn in Basel wohne und tatsächlich gingen viele Hände in die Höhe.

Der Banntag, so machte er klar, sei politisch neutral, solange seine Traditionen nicht infrage gestellt würden, wie «zu den dunklen Zeiten der fünften Rotte». Als Henn das sagte, wusste er nicht, dass fast gleichzeitig ein Communiqué der Juso Baselland auf den regionalen Redaktionsstuben einging. Henn stellte seine Rede unter das Motto «Buebezüg». Denn der Banntag brauche eine kindliche Begeisterung, wie sie Buben lebten: «Keini Fraue, umechlöpfe und wäldele.»

JR war doch nicht so grosszügig

Der Znünihalt beinhaltet aber weit mehr als die Rede des Rottenchefs und ist das wichtigste Element des Liestaler Bannumgangs: Hier wird gegessen und getrunken und vor allem der Austausch mit Kameraden gepflegt, die man zu einem Teil nur am Banntag trifft. Und auch der Appell findet beim Znünihalt statt: Jeder Teilnehmer wird namentlich aufgerufen und legt ein Nötchen im Wert zwischen 10 und 50 Franken auf die bereitgestellte Trommel; ein Teil davon fliesst in gemeinnützige Aktionen.

Die Lacher auf seiner Seite hatte bei diesem Akt ein Gast aus Sissach: Als Johann Rudolf Gunzenhauser, in Sissach schlicht JR genannt, an der Reihe war, wedelte er weit sichtbar mit einer Zweihunderter-Note und legte sie auf die Trommel. Schon ging ein Raunen über seine Grosszügigkeit durch die Reihen, da pickte JR ein Zwanziger-Nötli nach dem andern von der Trommel und steckte sie ein. Wahrscheinlich konnte er sie auf dem langen Weg über den Bienenberg zurück ins Stedtli zur Fahnenabgabe noch gut gebrauchen.

Aktuelle Nachrichten