Sissach
Aus einem Zufall wurden 50 Jahre in der Küche der «Sonne»

Wie sich Polizist René Girod verliebte, Koch lernte und «Sonnen»-Wirt wurde. Ende Jahr endet seine Ära.

Simon Tschopp
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René Girod: «18-Stunden-Tage waren üblich. Aber ich konnte immer rasch ein- und danach gut durchschlafen.»

René Girod: «18-Stunden-Tage waren üblich. Aber ich konnte immer rasch ein- und danach gut durchschlafen.»

Kenneth Nars

Vor zwei Monaten machte es René Girod noch Mühe, daran zu denken, dass am 20. Dezember sein letzter Tag sein wird als Chef des Hotel-Restaurants zur Sonne. «Jetzt aber freue ich mich auf die Zukunft und auf mehr Zeit für Hobbys», sagt der 78-Jährige. Ab und zu werde er sicher noch am Stammtisch zu sehen sein. Girod sitzt in seinem altehrwürdigen Restaurant, dessen Gebäude im 16. Jahrhundert erbaut worden ist.

Er hat während seiner 50 Jahre in der «Sonne» in Sissach viel erlebt – und viel zu erzählen. 1967 begann er als 28-jähriger Bursche eine Kochlehre bei seinem künftigen Schwiegervater Franz Lüdi. Von diesem erwarb er 1980 die Liegenschaft. Zehn Jahre später erweiterte René Girod das Hotel und liess einen Anbau mit 25 Doppel- und Einzelzimmer erstellen.

Schon in seiner Lehrzeit musste er kräftig anpacken. Und streng war es bis vor acht Jahren. «Während dieser gut 40 Jahre war Remmidemmi und immer alles besetzt», sagt der routinierte Beizer rückblickend, der heute 17 Mitarbeitende, davon ein paar Aushilfen beschäftigt. Er war drei Jahrzehnte Küchenchef und wurde von seiner Frau, die ihm für seine Arbeit den Rücken freihielt, stark unterstützt. «18-Stunden-Tage waren üblich. Aber ich konnte immer rasch ein- und danach gut durchschlafen.»

«Wie Tag und Nacht»

Wenn Girod die frühere Gastro-Szene mit der heutigen vergleicht, kommt er zum Schluss: «Das ist wie Tag und Nacht. Die Leute gehen immer weniger in Restaurants.» Wegen seiner langjährigen Tätigkeit als Wirt spürt er den Unterschied besonders stark. Auch die Reduktion der Promillegrenze auf 0,5 und das Rauchverbot haben tiefe Spuren hinterlassen. Weniger Alkoholkonsum, kleinere Stammtischrunden und kürzere Aufenthalte der Restaurantgäste sind die Folgen. Ebenfalls sei die Zahl der Anlässe wie Bankette stark zurückgegangen, konstatiert Girod, der eine Sissacher Institution ist, und fügt an: Sie könnten den Betrieb noch erfolgreich führen, müssten aber schon «schmaler» durch.

René Girod war in den 1960er-Jahren ein ausgezeichneter Schwinger. Er holte an kantonalen Anlässen Kränze und nahm an zwei «Eidgenössischen» teil. Bevor er ins Gastgewerbe einstieg, lernte er Maurer und arbeitete als Lastwagenchauffeur. Später wechselte er zur Kantonspolizei. Der in Muttenz aufgewachsene, stämmige Girod wurde bald nach Sissach beordert. «Sie sind Schwinger, das kommt gut an im Oberbaselbiet», habe ihm sein Vorgesetzter den neuen Dienstort schmackhaft gemacht, erinnert sich Girod.

Uniformierter gefiel Wirtstochter

Bei Stosszeiten regelte er als Polizist den Verkehr auf der Kreuzung vor dem Gasthaus zur Sonne. Die Wirtstochter verfolgte interessiert das Geschehen. Als der Uniformierte wieder einmal «ausgewinkt» hatte, rannte sie auf ihn zu. Die Liebe von René Girod und der zehn Jahre jüngeren Doris Lüdi begann.

Der damals noch ledige Girod kehrte regelmässig in der «Sonne» ein. Doris sass zu René. Mit der Zeit wurde auch Doris’ Vater Franz Lüdi klar, dass seine Tochter sich in den Polizisten verguckt hatte. Worauf er Girod eine Bedingung stellte: «Wenn einer meine Tochter will, muss er Metzger oder Koch lernen.» Diese Empfehlung war für René Girod eine Steilvorlage. Am 1. Juli 1967 startete er in der «Sonne» eine Kochlehre und besuchte die Gewerbeschule in Basel. Der Lohn betrug zu Beginn 150 Franken pro Monat bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 54 Stunden, Berufskleider und Kochkoffer musste der Lehrling selber bezahlen.

Der heute 78-Jährige hatte als Wirt nie den Verleider. «Ich ging am Morgen stets guten Mutes hinunter in die Küche.» Nebst dem Gasthaus zur Sonne führte Girod während 18 Jahren auch die Bergbeiz auf der Sissacherfluh. Über renitente Gäste gibts nur wenig zu berichten. Etwa zweimal musste er Personen zurechtweisen. Umso begeisterter nennt Girod seine prominentesten Restaurant- und Hotel-Besucher: der frühere Bundesrat Kurt Furgler, das ehemalige Tennis-Ass Boris Becker und Käser Adrian, der Schwingerkönig von 1989.

Wunsch für den Lebensabend

Der tüchtige Wirt ist der geborene Gastgeber. «Einfach in der Küche sein genügt nicht. Man muss auch den Tischen nachgehen, den Leuten einen guten Appetit wünschen, sie begrüssen und verabschieden.» Er sitzt auch öfter am Stammtisch und pflegt den Kontakt zur Kundschaft. Sein Schwiegervater habe ihn gelehrt, die Freundschaft zu geniessen, aber politisch neutral zu sein, so René Girod. «Wir haben regelmässig Parteien jeglicher Couleur zu Gast, da darf man keinen Unterschied machen.» Und schon gar nicht Leute schlechtreden, ergänzt er mit seiner sonoren Stimme.

Kürzlich hat Girod die «Sonne» dem Sissacher Unternehmer Michele Linsalata verkauft. Darüber ist er froh. Er habe mehrere Angebote gehabt, «aber mit Michele Linsalata bin ich immer gut zurechtgekommen». Damit Familie Girod nicht ganz aus dem traditionellen Sissacher Gastronomiebetrieb verschwindet, dafür sorgt Tochter Chantal Girod, die Anfang 2018 als Pächterin antritt. Die 48-Jährige arbeitet seit rund sieben Jahren im Betrieb mit. Sie meistere das gut und werde ihn in seinem Sinn weiterführen, ist Girod überzeugt.

Dieser freut sich nun auf einen geruhsamen Lebensabend. «Mein Wunsch ist ein Bauernhöfli – aber ohne zu bauern, dafür mit einem Berner Sennenhund», lacht er. Am liebsten im Berner Oberland. Dort hält sich der abtretende «Sonnen»-Wirt öfters auf. 1959 absolvierte er die RS in Thun. Seither schwärmt er von dieser Gegend.

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