Kurios
Altes Berner Reglement verknurrt Dugginger zu Stromlieferungen

Etliche Dugginger müssen für Verteilkästen Strom liefern. Das Reglement, auf das sich die Gemeinde stützt, stammt aus der Zeit, als das Laufental noch bernisch war. Eine Familie wehrte sich gegen die Praxis – mit Erfolg.

Benjamin Wieland
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In Duggingen liegen sich die Gemeinde und eine Familie wegen eines Verstärkerkastens in den Haaren. Der Fall könnte weite Kreise ziehen.

In Duggingen liegen sich die Gemeinde und eine Familie wegen eines Verstärkerkastens in den Haaren. Der Fall könnte weite Kreise ziehen.

Roland Schmid

Am Hutzmannweg in Duggingen steht ein grosser grauer Kasten, wie er in so manchem Einfamilienhaus-Quartier anzutreffen ist. Es handelt sich um einen sogenannten Verstärker. Über ihn versorgt die lokale Kabelnetzgesellschaft, die GGA Duggingen, mehrere Haushalte mit Signalen für Telefon, Internet, TV und Radio.

Hierfür benötigt der Kasten Strom, und wie das bei der Installation derartiger Apparaturen üblich war, bezieht er diesen von einem nahen Privathaushalt. Die GGA Duggingen ist der Inter-GGA angeschlossen. Alleine in deren Gebiet ist von einer dreistelligen Zahl solcher Verstärkeranlagen auszugehen.

Im konkreten Fall war es das Haus der Familie J. (Name der Redaktion bekannt), von dem der Strom bezogen wurde. Die Familie wurde jeweils rückwirkend für den Bezug entschädigt, 2016 mit 382 Franken. Die Familie wehrt sich gegen die Praxis, weil sie widerrechtlich sei. Ende 2016 kündigte sie die Stromzufuhr per 31. März 2017. Da teilte die Gemeinde der Familie mit, dass eine Kündigung nicht möglich wäre. Denn es bestehe gar kein Vertrag, der gekündigt werden könne. Somit sei der Bezug «weiterhin zu gestatten».

Genehmigt vom Kanton Bern

Die Familie liess nicht locker. Nach einem erneuten Briefwechsel kam ihr die Gemeinde entgegen. Der Kasten wurde kürzlich an das kommunale Stromnetz angeschlossen. Die Argumentation bleibt aber bestehen: Grundsätzlich sei Verstärkerstrom zu liefern. «Was die Gemeinde macht, ist nicht legal», sagt N. O. Das habe mit dem Reglement zu tun, auf das sich die Gemeinde stütze. Es stamme nicht nur aus der Zeit, als das Laufental noch zum Kanton Bern gehörte, vielmehr widerspreche es auch übergeordnetem Recht.

Der fehlende Zähler

Alt ist das «Reglement über die Gemeinschaftsantennen-Anlage» in der Tat: Genehmigt wurde es 1975. Artikel 9 hält fest: «Allfällige Anschlüsse an das Stromnetz sind zu gestatten. Stromkosten werden von der Gemeinde separat vergütet.» Die Familie kritisiert, dass diese Bestimmungen unter anderem nicht mit dem Energiegesetz konform seien. So habe die Verstärkereinrichtung keinen Zähler. Der effektive Strombedarf wird somit nicht erhoben, sondern bloss geschätzt.

Den Ausschlag zur Kündigung des «Vertrags» hatte die Solaranlage gegeben, welche die Familie im Winter auf dem Dach ihres 2014 bezogenen Hauses errichten liess. «Wir hätten für den Verstärkerstrom extra einen grösseren Speicher benötigt», sagt N. O. «Dabei konnte man uns wegen des fehlenden Zählers nicht mal sagen, wie viel der Kasten effektiv an Energie verbraucht.» Die Familie unternahm auch eigene Messungen. Diese widersprachen den Angaben der Saphir Group, der Betreiberin der Anlagen.

Gemeinde überprüft Praxis

Der Dugginger Gemeindeverwalter Christian Friedli schreibt auf Anfrage der bz, das Reglement habe nach wie vor Gültigkeit. «Bisher hatten wir noch nie Probleme mit dieser Praxis. Auch die Entschädigungen waren grosszügig berechnet.» Es sei aber schon länger geplant gewesen, das Reglement zu revidieren.

«Bis jedoch klar ist, ob das Netz in einem grösseren Mass erneuert werden muss, hat der Gemeinderat aber darauf verzichtet.» In diesem Zusammenhang würde auch geprüft, ob die Höhe der Entschädigungen angepasst werden muss.

In Duggingen gibt es gemäss Friedli zehn Anlagen, die mit Strom von Privaten betrieben würden. Seit dem Abkoppeln des Kastens am Hutzmannweg sind es noch deren neun. Wenn
sich auch diese als Stromlieferanten abmelden, kann das Reglement in Kraft bleiben.