Pratteln
Alte Pneus gleich neben den Bahngeleisen: Was, wenn sie in Brand geraten?

Ein Lager mit alten Pneus befindet sich in Pratteln gleich neben den Bahngeleisen. In Olten führte ein Brand zu einem längeren Bahnunterbruch: Was, wenn dort ein Brand ausbricht?

Daniel Haller
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Vorschriftsgemäss und doch nicht unbedenklich: Das Pneulager an den Bahngleisen in Pratteln unweit des Aquabasilea. Roland Schmid

Vorschriftsgemäss und doch nicht unbedenklich: Das Pneulager an den Bahngleisen in Pratteln unweit des Aquabasilea. Roland Schmid

Patrick Weisskopf von den Unabhängigen Pratteln macht sich Sorgen. Grund ist das Pneulager an der Prattler Güterstrasse – direkt neben den Bahngleisen: «Bricht da ein Brand aus, kann der gesamte Bahnverkehr lahmgelegt werden», folgert er in seiner Interpellation im Prattler Einwohnerrat. Er beruft sich auf einen Brand von 200 Pneus beim Bahnhof Olten, der einen 90-minütigen Unterbruch des Bahnverkehrs zur Folge hatte. Weisskopf will deshalb wissen, welche Vorschriften für die Lagerung von Pneus gelten und wer die Bewilligungen erteilt hat.

«Wir mussten mit dem Baugesuch sehr viele Bewilligungen einholen», berichtet Rosetta Varrecchia, Mitinhaberin der betroffenen Altpneu-Firma Vaota. Regelmässig kämen Kontrolleure zur Inspektion vorbei. Beanstandungen habe es nie gegeben. Über die Frage nach einem Unterbruch des Bahnverkehrs bei einem Brand schüttelt sie den Kopf: «Es ist die SBB, die uns dieses Areal vermieten. Sie hätten das sicher nicht gemacht, wenn wir eine Gefahr für die Bahn wären.» Zudem habe schon ihr Vorgänger mit Alteisen und alten Pneus gehandelt.

Brennende Reifen nicht harmlos

«Ich gehe davon aus, dass die Firma alle Bewilligungen hat», meint Weisskopf. «Es geht mir nicht darum, einem im Recycling tätigen Gewerbler das Leben schwer zu machen. Aber ich frage mich: Was ist im Fall eines Brandes mit einem Familienzentrum wie dem Aquabasilea auf der anderen Seite der Gleise oder den Bewohnern in der Umgebung?»

In der Tat sind brennende Reifen nicht harmlos. «Das zeigten beispielsweise die Brände in Dietlikon (ZH), in Biasca (TI) oder in Riazzino (TI)», schreibt das Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft des Kantons Zürich. «Anwohner mussten evakuiert und Verkehrswege grossflächig gesperrt werden. Die krebserregenden Pyrolyseöle im Löschwasser und in den Brandprodukten vergiften die Gewässer, das Grundwasser und das Erdreich. Und im Fall Riazzino bedeckte schädlicher Feinstaub die gesamte Magadino-Ebene.»

Unklarheit beim Löschwasser

Letzteres bezweifelt Laszlo Koller, leitender Brandschutzinspektor der Gebäudeversicherung Baselland: «Freigesetzt wird Russ, nicht Feinstaub.» In der Betriebsgenehmigung für Pneulager werde definiert, welche Menge höchstens auf den Stapeln lagern darf. Diese dürften eine Grundfläche von zehn mal zehn Metern nicht überschreiten.

Zur Frage, ob ein Löschwasserrückhaltebecken für Pneulager erforderlich sei, verweist er auf das Amt für Umweltschutz und Energie (AUE). Dort verweist Roland Bono seinerseits auf die Vorschriften der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen. Und da antwortet Roland Julmy vom technischen Brandschutz schriftlich: «Zu beachten sind Anforderungen des Gesamt-Schutzkonzeptes aus baulichen, technischen und organisatorischen Massnahmen, den Anforderungen des Umweltschutzes (Löschwasserrückhalt bei Gefahrstoffen) und der Arbeitssicherheit ...» Eindeutiger äussert sich das Bundesamt für Umwelt (Bafu): «Löschwasser darf nicht versickern oder in ein Gewässer abfliessen.» Und das erwähnte Zürcher Amt fordert den Löschwasser-Rückhalt «ab 20 Tonnen pro Brandabschnitt».

Pneus nur in Hallen sortieren

Pneus enthalten neben Kautschuk und Russ auch Chrom, Blei, Kupfer, Kadmium und Zink sowie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, kurz PAK. Diese werden bereits im Betrieb freigesetzt. «Deshalb muss man bei stark befahrenen Strassen das Regenwasser mit speziellen Sickeranlagen reinigen», erklärt Bono. Liegen die Pneus später in der Sammelstelle, löst die Verwitterung die Schadstoffe aus den Reifen, was den Boden belastet.

«Erfolgt die Lagerung nicht sachgemäss, ergibt sich daraus keine unmittelbare Gefährdung, aber längerfristig ein Problem», erklärt Bono. Deswegen benötige jeder Betrieb, der mit Altpneus handelt, eine abfallrechtliche Betriebsbewilligung. So darf man Altpneus nur in überdachten Hallen sortieren. «Auch die Lagerflächen müssen befestigt sein, um das Regenwasser kontrolliert abzuleiten», erklärt Bono.

Zur Überdachung äussert Weisskopf Zweifel: «Auf ihrer Website zeigt Vaota Bilder von Reifenstapeln unter freiem Himmel zwischen alten Güterwagen.» Sein Fazit: «Falls alle Vorschriften eingehalten werden, ist es eine politische Frage, weshalb solche Zustände möglich sind.»

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