Pfingsteninterview
Abt von Mariastein: «Der Heilige Geist lässt uns nicht alleine»

Mariasteins Abt Peter von Sury im Gespräch mit der Basellandschaftlichen Zeitung über das Fest, den Papst, Rockfestivals und das sterbende Kloster.

Boris Burkhardt
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Peter von Sury ist mit 64 Jahren einer der Jüngsten im Kloster Mariastein.

Peter von Sury ist mit 64 Jahren einer der Jüngsten im Kloster Mariastein.

Tino Briner

Abt Peter, am Wochenende feiern wir das Fest des Heiligen Geistes. Vergangenes Jahr während des Konklaves haben Sie öffentlich um den Beistand des Heiligen Geistes gebetet, dass der richtige Papst gewählt werde. Hat der Heilige Geist Ihre Bitte erfüllt?

Abt Peter: Ich kenne den neuen Papst nicht persönlich; und er kennt mich nicht. Nur anhand dessen zu urteilen, was ich aus den Medien weiss, wäre etwas kühn. Was ich aber sagen kann, ist, dass eine spürbare Entkrampfung in der Katholischen Kirche und darüber hinaus stattfindet. Man kann wieder auf eine gute und offene Art reden und sehr unterschiedliche Meinungen vertreten, ohne von vorneherein abgestempelt zu werden.

Das Pfingstfest

Pfingsten gilt als Gründungsdatum der christlichen Kirche. Gemäss der Apostelgeschichte des Neuen Testaments kam fünfzig Tage nach Jesu Auferstehung (altgr. pentekostê (heméra), 50. Tag) der Heilige Geist Gottes auf die versammelten Jünger, stärkte sie in ihrer Selbstständigkeit ohne ihren Meister und inspirierte sie zu ihren ersten Missionsreisen.

Der Heilige Geist wird gewöhnlich durch eine Taube symbolisiert oder, wie an Pfingsten, durch ein starkes Brausen wie von Wind. Beim sogenannten Pfingstwunder konnten die Jünger auf einmal in allen Fremdsprachen predigen, sodass alle Menschen in Jerusalem sie verstanden. (bob)

Mönche halten innerhalb des Klerus das Gebot der Demut und Bescheidenheit besonders hoch. Da müsste Ihnen doch die Aussenwirkung des neuen Papstes zusagen.

Der Vatikan ist für mich nach wie vor weit weg; unsre Klostergemeinschaft ist autonom. Der Papst gehört ganz selbstverständlich zur Katholischen Kirche; ich selbst fokussiere mich aber nicht zu sehr auf ihn.

Aber haben Sie bei den Besuchern im Kloster eine Veränderung bemerkt?

Durchaus. Ich bemerke, dass von ihm als Mensch eine besondere Ausstrahlung ausgeht. Seine unkomplizierte, direkte Art wirkt wohltuend auf die Menschen. Er besitzt eine grosse Authentizität. Bei Leuten, die beruflich in der Kirche engagiert sind, nehme ich wie gesagt eine spürbare Entspannung wahr.

Für die Kirche als Institution ist Pfingsten das wichtigste Fest. In der Aussenwirkung wird es im Vergleich mit Weihnachten und Ostern aber selbst von Christen kaum wahrgenommen. Wie geht man als Geistlicher mit diesem Spannungsverhältnis um?

Das Kloster Mariastein

Das Kloster Mariastein (frz. Notre Dame de la Pierre) gilt als wichtigster Wallfahrtsort der Schweiz nach dem Kloster Einsiedeln. Der Legende nach soll ein Knabe am Ort des Klosters den Felsen hinabgestürzt und von Maria aufgefangen worden sein. Das Kloster gehört dem Orden der Benediktiner an und beherbergt heute 24 Mönche aus der Nordwest- und der Ostschweiz sowie aus Südbaden.

Peter von Sury (64) ist heute auf den Tag genau seit sechs Jahren Abt des Klosters. Das Kloster finanziert sich vom Verdienst seiner Mönche (heute überwiegend Rentner) und Spenden. Kirchensteuern bekommt das Kloster keine; es ist organisatorisch nicht dem Vatikan unterstellt. Am morgigen Samstag um 11.15 Uhr findet eine Öko-Wallfahrt nach Mariastein statt, bei der die Gäste gebeten werden, mit dem öV oder dem Velo anzureisen. (bob)

Es gibt sehr viele schöne Gesänge, die konkret zu Pfingsten gehören und für die Gläubigen einen hohen Wiedererkennungswert haben. Das ist ein ganz besonderer Reichtum der Katholischen Kirche, den unsere Gottesdienstbesucher sehr schätzen.

Aber wie bringen Sie das recht theoretische Konzept von Pfingsten mit der Niederkunft des Heiligen Geistes Ihrer Predigtgemeinde näher?

Als so theoretisch empfinde ich das Pfingstfest nicht. Es geht immerhin um ein konkretes Ereignis, wenn die Menschen in Jerusalem mit den Jüngern zusammenkommen und die Sprachgrenzen überwinden, indem jeder plötzlich die Sprache des anderen versteht. Das ist etwas sehr Reales. Wenn sie auch nicht so anschaulich ist wie die Kreuzigung am Karfreitag oder die Geburt an Weihnachten, ist doch einiges los in der Pfingstgeschichte.

Ist Pfingsten auch deshalb für viele so schwer greifbar, weil es ein sehr traditionsarmes Fest ist?

Das ist richtig: Rund um Pfingsten gibt es bei uns wenig Brauchtum. Auch in meiner Heimat in Solothurn kann ich mich an keine Traditionen erinnern. Das ist natürlich ein grosser Unterschied gerade zu Weihnachten.

Mir wurde gesagt, dass man Sie sehr oft im Basler Theater sieht.

Das war einmal (lacht). Vor etwa zwölf Jahren hatte ich ein Abo und bin dadurch drei Jahre lang regelmässig ins Theater gegangen. Auch Direktor Georges Delnon lud mich gelegentlich zu Anlässen ein. Aber in den vergangenen Jahren bin ich nicht mehr oft dazu gekommen. Ich sage das mit einem grossen Bedauern; aber ehrlich gesagt braucht es doch Überwindung, mit dem öV von Mariastein nach Basel und nachts wieder zurückzufahren. Das ist vielleicht eine gewisse Bequemlichkeit; das muss ich zugeben.

Sind Sie mit Ihrem profanen Kulturinteresse eher die Ausnahme unter den Äbten?

Über andere Äbte kann ich nichts sagen: Wir treffen uns nur ab und zu bei Versammlungen und reden dann meist auch weniger über Theaterbesuche (lacht). Aber in Mariastein gibt es schon den einen oder anderen Mitbruder, der in Konzerte in Basel geht. Daneben haben wir ja auch einige kulturelle Veranstaltungen hier in Mariastein, die Kirchenmusik und die Konzerte.

Gibt es auch Themen solcher Kulturveranstaltungen, die für Mönche tabu sind?

Nein, das wäre mir neu.

Sie dürften also auch auf ein Rockfestival gehen?

Ich dürfte schon; aber das interessiert mich eigentlich nicht. Ich war vor rund dreissig Jahren allerdings tatsächlich einmal als Mönch am Paléo-Festival in Nyon. Das war durchaus ein besonderes Erlebnis, auch wenn ich damals schon einer der Ältesten war.

Sie sind jetzt 64 Jahre alt. Heben oder senken Sie damit den Altersdurchschnitt im Kloster?

Ich senke ihn eindeutig: Wir sind bei 24 Brüdern im Schnitt etwa 72 Jahre alt.

Wie gehen Sie mit dem «Nachwuchs»-Problem um? So einfach wie ein Verein werden Sie keine neuen «Mitglieder» werben können.

Das ist richtig. Wenn die natürliche Kontinuität abbricht, haben wir ein praktisches Problem. Bis vor nicht allzu langer Zeit war es für uns klar, dass diese Kontinuität gegeben ist. Es gab Zeiten, wo mehr kamen, und Zeiten, wo weniger kamen. Aber dass der «Nachwuchs» vollständig versiegt, ist eine neue Situation für uns.

Gibt es konkrete Massnahmen, die Sie als Kloster lancieren?

Für uns ist das eine zwiespältige Sache. Bisher sind wir davon ausgegangen, dass Gott die Menschen finden wird, die er zu uns führen will, und diese auch den Weg beschreiten. Dass wir nun aktiv «Marketingmassnahmen» ergreifen sollen, ist für uns ungewohnt. Da zögern wir. Junge Menschen reagieren skeptisch, wenn sie merken, dass sie vereinnahmt werden sollen für irgendein Ziel. Andererseits bin ich überzeugt davon, dass unsere Lebensform sowohl der Kirche als auch der Gesellschaft nutzt und deshalb von sich aus überzeugen sollte. Aber offensichtlich ist das nicht mehr der Fall. Deshalb bin ich mir selbst nicht ganz im Klaren, was in dieser Hinsicht der Weisheit letzter Schluss ist.

Dann wird das Kloster Mariastein aussterben?

Wir müssen in der Tat damit rechnen – auch wenn es wehtut und für uns nicht unbedingt nachvollziehbar ist –, dass unsere Lebensform in der herkömmlichen Art aussterben könnte. Das ist eine neue Erfahrung für uns alle: Als wir vor vierzig, fünfzig oder mehr Jahren in das Kloster eintraten, hat keiner von uns mit dieser Situation gerechnet. Das ist auch eine grosse Herausforderung für unseren Glauben und unser Gottvertrauen: Trauen wir Gott zu, dass er mit uns in dieser Situation noch etwas Sinnvolles erreichen kann? Es ist eine sehr spezielle Erfahrung, zu spüren, dass uns der Heilige Geist als Helfer, als Tröster, als Beistand nicht alleine lässt. Wir müssen uns darauf einlassen und bereit sein loszulassen, nicht festzuhalten, sondern mit offenen Händen in die Zukunft zu gehen und zu wissen, die Hände werden trotzdem gefüllt. Vielleicht auf ganze andere Art, als wir erwartet haben. «Ich werde nicht sterben, sondern leben», heisst es in einem Psalm.

Wie oft gehen Sie denn als Klostergemeinschaft in die Öffentlichkeit?

Eigentlich gar nicht. Früher gab es eine Prozession an Fronleichnam; aber als ich vor vierzig Jahren hierherkam, war das schon nicht mehr der Fall. Eine solche Prozession ist mit einem grossen organisatorischen Aufwand verbunden; und angesichts unseres hohen Alters müssen wir uns fragen, ob wir eine solche Aufgabe noch auf uns nehmen können.

Wenn Sie angefragt würden, ob Sie eine Fürbitte für die Schweizer Nati sprechen könnten, was wäre Ihre Antwort?

Ich würde das durchaus tun. Man darf nur nicht enttäuscht sein, wenn sie nicht gewinnen (lacht). Ich würde dafür beten, dass sie sich als Mannschaft gemeinsam für ein Ziel einsetzen; und das heisst auch, dass man gemeinsam verlieren kann. Das ist auch eine ganz wichtige Erfahrung.

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